Hospitanz im Verbrechensmanagement

25. Mai 2009 | von Alexander Christoph | Kategorie: Politisches Buch

Der amerikanische Professor Sudhir Venkatesh bewegte sich als Student jahrelang in den berüchtigten “Robert Taylor Homes”. In dem gigantischen Sozialwohnungsbauviertel in der Southside von Chicago herrschten die Black Kings mit harter Hand. Das überraschende daran: Die Gang funktioniert wie jedes x-beliebige Unternehmen. Von Alexander Christoph

Es gibt Gegenden auf dieser Welt, die würde kein normaler Mensch jemals freiwillig betreten. Verbrechen aller Art sind an der Tagesordnung, Mord und Totschlag, das volle Programm. Wahrlich keine Orte, um lange zu verweilen. Sudhir Venkatesh hat es dennoch getan. Mehr als sieben Jahre verbrachte er als Soziologiestudent in den „Projects“ von Chicago – genauer gesagt in den verrufenen Robert Taylor Homes, einem trostlosen Viertel mit 28 Hochhäusern, in denen Ende 2005 knapp 30 000 Menschen in mehr als 4300 Sozialwohnungen lebten.

Amerikanische Gangster organisiert wie Wirtschaftsunternehmen

Autor Sudhir VenkateshDort beobachtete der mittlerweile an der New Yorker Columbia University lehrende Professor nicht nur eine afroamerikanische Unterschicht bei ihrem täglichen Überlebenskampf, sondern studierte auch hautnah die „Black Kings“, eine der mächtigsten Verbrecherbanden Chicagos. Seine unorthodoxe Art der Feldforschung ermöglichte ihm ungeahnte Einblicke in eine bis dato nicht erforschte und kaum bekannte Parallelwelt. In Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben lässt er nun eine breite Öffentlichkeit an seinen Erfahrungen teilhaben. Die Quintessenz gleich vorweg: Amerikanische Drogenbanden funktionieren wie Unternehmen.

Die Geschichten aus dem dortigen Alltag klingen surreal, dennoch sind sie Realität. Frauen werden von ihren alkohol- und cracksüchtigen Ehemännern brutal verprügelt. Doch anstatt die Polizei zu rufen, schreitet die Gang ein. Sie sorgt für Ordnung und Sicherheit, vermittelt in Streitfällen und unterstützt soziale Projekte. Bandenchef J. T., der Venkatesh unter seinen Schutz stellte und somit die Studien erst ermöglichte, bleibt hier ganz Geschäftsmann: „Wir können nicht dulden, dass hier alles drunter und drüber geht, weil die Nigger sich danebenbenehmen. Dann kommt nämlich die Polizei vorbei, die Kunden bleiben aus und wir verdienen kein Geld.“

Karrierechancen in der Schattenwelt

Das Geschäft ist ein gewichtiges Argument in der kriminellen Schattenwelt und zugleich die oberste Maxime für die Straßengang. Überhaupt betätigt sie sich in unterschiedlichen „Wirtschaftszweigen“: Drogen- und Waffenhandel gehören ebenso dazu wie Hehlerei oder Prostitution. Das ist für den Leser nicht unbedingt überraschend, jedoch sollten uns die Beweggründe von J. T. zu denken geben. In diesem Milieu hat er nämlich gefunden, wonach er lange suchte: Anerkennung und eine „vielversprechende“ Karriere. Dabei schien sein Leben anfangs in geregelten Bahnen zu verlaufen. Der durchaus clevere junge Mann hatte ein Stipendium am College, schloss ein Studium der Geschichte und Politik erfolgreich ab und arbeitete in einem soliden Beruf. Eine gutbürgerliche Existenz möchte man meinen. Weit gefehlt. Wut staute sich auf, als er merkte, dass seine Aufstiegschancen aufgrund seiner Hautfarbe begrenzt waren.

Die Gang bot für ihn weit mehr, auch weil diese nicht nur den eigenen Profit vor Augen hat, sondern mit ihrem Handeln ebenso ein „hehres“ Ziel verfolgt. „Unsere Organisation ist dafür da, unsere Community zu unterstützen“, klärt J. T. Venkatesh über die Motive der Gang auf. In einem Umfeld mit tief verwurzelter Armut scheint dies bitter nötig. „Für unvorstellbare neunzig Prozent der Erwachsenen in der Siedlung war Sozialhilfe – in Form von Geld, Lebensmittelmarken, medizinischen Leistungen – die einzige Einkommensquelle.“ Das Leben ist deshalb auch geprägt vom Tauschhandel der Bewohner, die sich gegenseitig helfen und unterstützen.

Die Polizei – dein Feind und Räuber

Die Robert Taylor Homes in ChicagoDoch der alles entscheidende Faktor in den „Projects“ ist und bleibt die Gang. Sie war, so der Wissenschaftler, die „de-facto Verwaltung der Robert-Taylor-Gebäude“, sie legte Regeln fest und manchmal war ihre „Regierungsgewalt absolut“. Über seine Erfahrungen schreibt Venkatesh: „Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie sehr die Struktur der Straßengang die Struktur einer x-beliebigen amerikanischen Firma widerspiegelte.“ Die Führungsebene bezeichnete sich sogar als „Board of Directors“.

Was den Leser außerdem befremdet: In der streng hierarchischen Welt dieser Verbrecherbande wird die Polizei gefürchtet. Nicht weil sie Straftaten vereitelt, sondern weil einige Gesetzeshüter das Gesetz selbst nicht so genaunehmen, wie sie es eigentlich sollten. Prostituierte werden laufengelassen, aber nur wenn sie sich mit Sex erkenntlich zeigen. Drogendealer werden ausgeraubt statt verhaftet. Die Bewohner der Projects werden – berechtigt oder nicht – allesamt über einen Kamm geschoren und für Verbrecher gehalten. Der täglichen Schikane durch die vermeintlichen Ordnungshüter begegnen sie mit Gleichgültigkeit und Gelassenheit. Das alles sind jedoch nur einige wenige Alltagsepisoden, die dem Leser zeigen, wie diese amerikanische Parallelgesellschaft funktioniert.

Dass Sudhir Venkatesh wie viele seiner Professorenkollegen im Elfenbeinturm sitzt, kann man diesem Wissenschaftler wahrlich nicht vorwerfen. Das Buch liest sich vielleicht auch deswegen über weite Strecken wie ein Roman, ist zugleich hochinteressant und ungemein spannend. Es macht das Leben in den „Projects“ erlebbar: die Bandenkriege und die sinnlose Gewalt, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Zweifel daran – zwischen diesen beiden Polen sind die Bewohner regelrecht hin- und hergerissen. Es wäre wünschenswert, wenn auch hierzulande Autoren ähnlich tiefgründige Studien über Problemkieze wie Neukölln vorlegen würden.

Venkatesh, Sudhir
Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben.
(2008), Econ Verlag, Berlin,
331 S. , ISBN: 978-3-430-20019-6, 18 Euro


Die Bildrechte liegen beim Econ Verlag (Cover),  Gandhi Paresh (Portrait) bzw. sind gemeinfrei (Robert Taylor Homes).


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