Google sieht dich

23. Jan 2009 | von Petra Sorge | Kategorie: Politisches Buch

BuchcoverIn nur zehn Jahren ist Google zum erfolgreichsten Unternehmen der Welt geworden. Mit Gratissoftware lockt das Unternehmen seine Kunden – und verdient Millionen mit dem Sammeln von Nutzerdaten. Das Google Imperium durchleuchtet den datenhungrigen Suchmaschinenriesen. Von Petra Sorge

Sechs freundliche bunte Buchstaben und eine werbefreie Eingabemaske – mehr hat die Homepage eines der finanzschwersten Unternehmen in der Größe von BMW oder Disney nicht zu bieten. Dies ist auch einer der Schlüssel zum Erfolg von Google: Keine Werbebanner, keine Pop-Ups, stattdessen eine einfache, klare Benutzeroberfläche. 90 Prozent der Suchanfragen laufen heutzutage über Google.

In Das Google Imperium beschreibt der Journalist Lars Reppesgaard den kometenhaften Aufstieg des kalifornischen Start-Up-Unternehmens, das im letzten Jahr seinen zehnten Geburtstag feierte. Dazu hat der Autor in den Firmenzentralen in Hamburg, Zürich und im „Googleplex“ im Silicon Valley recherchiert. Herausgekommen ist ein Sachbuch, das sich sehen lassen kann. Es ist Firmenprofil, Warnung und Ratgeber zugleich.

Eine Idee revolutioniert das Internet

Im ersten Kapitel „Wie Google wirklich tickt“ erfährt der Leser alles über die Geburt, die Funktionsweise und die Finanzierung des Unternehmens. Als Google 1998 ins Netz ging, boten die bisherigen Suchmaschinen Altavista und Lycos noch eine verwirrende blinkende Startseite. Doch die eigentliche Innovation war nicht die werbefreie Seite, sondern der sogenannte Page-Rank-Algorithmus. Die Firmengründer Larry Page und Sergey Brin, damals noch Studenten an der Elite-Universität Stanford, orientierten sich an einem in der Wissenschaft gut funktionierenden Prinzip. Demzufolge ist ein Text umso relevanter, desto häufiger er zitiert wird. Übertragen auf das Internet hieß das, dass eine viel verlinkte Seite auch besonders wichtig sein muss. In der Google-Trefferliste erscheint sie als Suchergebnis somit an oberster Stelle. Die Idee funktionierte – und die Nutzer liefen scharenweise auf die neue Suchmaschine über. Lange Zeit gelang es dem Unternehmen, das Image eines genialen und rebellischen Tüftlers aufrechtzuerhalten.

Die dunkle Seite der Macht

Während sich die ersten hundert Seiten noch wie eine Lobhudelei auf das Mega-Unternehmen lesen, rechnet der Autor auf den restlichen Seiten schonungslos mit den Schwächen von Google ab. Denn mit dem Börsengang, spätestens jedoch mit dem Markteintritt in China verabschiedete sich das Unternehmen von seinen demokratischen und freigeistigen Prinzipien. Für den Start von Google.cn willigte es in die chinesische Zensur ein. Seitdem werden dort bestimmte regimekritische Inhalte nicht angezeigt oder in hintere, kaum angeklickte Suchergebnisse verbannt.

Das dunkle Treiben des Onlinemoguls beschreibt Reppesgaard noch näher im zweiten Kapitel „Was Google macht“. Alles, was der Nutzer tut, wird gespeichert: Suchanfragen, Klicks, die Inhalte von persönlichen Benutzerkonten. Das System speichert und analysiert auch E-Mails, Chats oder Telefonate, die über die Google-Dienste „Gmail“, „Google Talk“ oder das Voice-over-IP-Programm ausgetauscht werden. Damit erstellt das Unternehmen statistische Muster potenzieller Kundengruppen, die an Werbetreibende weitergegeben werden. So wird das Nutzerverhalten indirekt zu Geld gemacht.

Dennoch beteuert Google, individuelle Daten nicht herauszugeben. Denn mit dem Vertrauen würde auch die wertvolle Nutzergemeinschaft dahinschmelzen. Auf Drängen von Kritikern wurde ein Link zur Datenschutzerklärung auf die Startseite eingefügt.

Ein Krake kauft das Internet

Dem wirtschaftlichen Gewinnstreben folgend begann Google, sich wie ein Krake junge Start-Up-Unternehmen einzuverleiben. Der Autor beschreibt detailgenau die Expansionstour des Unternehmens: Es kaufte eine Trackingtechnologie des Unternehmens Urchin für „Google Analytics“, welches es Werbekunden erleichtert, das Verhalten von Webseitenbesuchern auszuwerten. Es kaufte den „Earth Viewer“ von Keyhole und entwickelte es zum heutigen Geobrowser „Google Earth“. Es kaufte das Schweizer Unternehmen Endoxon, das eine Verbesserung von „Google Maps“ erlaubte. Es kaufte das Videoportal Youtube, das den Google-Pool täglich mit den Daten von rund 100 Millionen Nutzern füttert.

Die ambitionierten Softwareentwickler stoßen bei ihren Eroberungen nicht selten an rechtliche Grauzonen, wie Reppesgaard kritisiert. Dabei sind die massenhaften, kaum einzugrenzenden Urheberrechtsverletzungen bei Youtube noch das geringste Übel. Für „Google Street View“ werden ganze Straßenzüge abfotografiert – und die Persönlichkeitsrechte ungewollt aufgenommener Passanten regelmäßig verletzt. Auch das ambitionierte Projekt „Google Buchsuche“, mit dem die Bestände ganzer Bibliotheken gescannt und im Internet veröffentlicht werden, geriet in die Schlagzeilen. Bereits einige Verlage haben das Unternehmen wegen Urheberrechtsverletzungen angeklagt.

Appell an den Nutzer

Reppesgaard (Foto links) bedauert in seinem Werk, dass Internetnutzer oft selbst schuld sind, wenn sie leichtsinnig ihre Daten preisgeben und auf jedes „Ja“-Häkchen klicken. In Amerika können Patienten bereits den Dienst „Google Health“ nutzen und ihre Krankenakten in der riesigen Datenwolke speichern – praktisch, wenn man umzieht und den Arzt wechselt. Für den Autoren jedoch nicht auszudenken, zu welch einem Pulverfass sich dieser enorme Google-Datenberg noch entwickeln könnte.

Der verblüffte Leser wird mit diesen Fakten jedoch nicht alleine gelassen. Der Autor empfiehlt den vorsichtigen und misstrauischen Umgang mit allen Internet-Anwendungen. Und rät zum Abschied vom Planeten Google: Denn für jede Google-Software gibt es im Internet Alternativen, die er im letzten Abschnitt aufzählt.

Das Google Imperium ist flott und auch für den Laien äußerst verständlich geschrieben. Wissenschaftler mögen enttäuscht sein, weil Fußnoten genauso wie Querverweise fehlen. Aber die journalistische Schreibe soll sich auch an durchschnittliche Google-Nutzer ohne Informatikkenntnisse richten.

Leider nichts über „Google Chrome“

Bedauerlich ist aber, dass Reppesgaard nicht auf den 2008 verbreiteten Internetbrowser „Google Chrome“ eingeht. Der Browser, der seit Dezember auch der Beta-Version entwachsen ist, soll Microsofts Internet Explorer und dem kostenlosen Mozilla Firefox Konkurrenz machen. Für die Internetpresse hat das Unternehmen mit Chrome ein weiteres gigantisches Werkzeug zur Datensammlung geschaffen. Somit findet auch der gerade erst startende Kampf zwischen den drei großen Browser-Anbietern im Buch keine Erwähnung. Abstriche gibt es auch beim Lektorat. Die häufigen Rechtschreib- und Tippfehler wären vermeidbar gewesen.

Trotzdem: Lars Reppesgaard schafft es mit Das Google Imperium, den Leser von einer Überprüfung seines eigenen Nutzerverhaltens zu überzeugen. Er rückt das Bild der netten, freien Suchmaschine gerade. Und formuliert einen eindrücklichen Appell an den Datenschutz.

Reppesgaard, Lars,
Das Google Imperium,
(2008), Hamburg, Murmann Verlag,
278 S., ISBN 3867740461, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Murmann Verlag.


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4 Kommentare
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  1. Ich sehe ja ein, das man mit sich bildenden Monopolen vorsichtiger sein sollte. Dazu bedarf es aber nicht tausendmal den Hinweis, das Google in China zensiert (wie alle anderen Konkurrenten auch). Google zensiert auch in den USA in Europa und sonst wo, wo es Gesetze dazu gibt. Deshalb versucht Google auch aufs “Meer” auszuweichen, um nicht an Ländergesetze gebunden zu sein.

    Das ist allerdings äußerst gefährlich, da man als Staat dann eben nicht mehr entscheiden kann was dem Volk schadet oder nicht. (z.B. sollte man gegen StreetView rechtlich vorgehen) Auch google Earth kann schon heute gefährlich sein, da man anhand der Adresse einfach auf die sozialen Verhältnisse schließen kann.

    Auf der anderen Seite wird Google niemals seine Daten freiwillig rausrücken, es sei den eine Regierung verlangt danach. Es ist auch Falsch, das Google seine Daten an andere Firmen verkauft. Sie erstellen nur Profile und bewerben dann das gewünschte Nutzerprofil… Von den Daten sieht die Firma nix. Höchstens das ein erfolgreich geworbener Kunde diesen Profil entspricht. (Bin ich mir aber nicht sicher)

    Google wurde auch mehrfach ausgezeichnet was Datenschutz angeht. Das ein Mitarbeiter zugriff auf ganze Nutzerprofile hat, gibt es bei Google nicht. Die meisten Daten werden anonymisiert.

    Würde rauskommen das Google Daten missbraucht und zum Nachteil der Nutzer verwendet, würden die Kunden in Scharen zur Konkurrenz laufen. Anders sehe ich das bei Google-Earth und StreetView, weil deren Nutzung bzw. das erscheinen dort ja nicht freiwillig ist. Auch sollte man Kinder besser vor digitalen Striptease schützen… aber das ist auch kein Google-Problem.

  2. Schon in der Einleitung heißt es, Google würde mit dem Sammeln von Nutzerdaten Millionen verdienen. Es stimmt sicherlich, dass Google viele Daten sammelt und auch, dass Google Millionen verdient aber wo ist der Zusammenhang? Bis jetzt hat Google weder Nutzerdaten verkauft noch intensiv mit persönlicher Werbung rumgespielt. Insofern ist diese Aussage leicht irreführend.

  3. Natürlich verkauft Google keine genauen Namen, E-Mail- oder IP-Adressen – das wäre für das Unternehmen suizidal. Reppesgaard weist vielmehr darauf hin, dass Google die Daten sammelt und sie mit Analytics auswertet, um Nutzungsmuster zu erstellen. Diese werden dann an Werbekunden verkauft. Beispiel: Die Suchmaschine erfasst, dass besonders Frauen zwischen 40 und 60 Jahren sich für Rotwein interessieren. Diese Information geht dann an die Bordeaux und Pallhubers dieser Welt. Somit stellt sich der Zusammenhang zwischen dem Sammeln von Nutzerdaten und dem Verdienen von Millionen.
    Der Autor will mit dem Buch nicht Google anklagen, aber die Nutzer zu einem vorsichtigerem Umgang im Internet auffordern. Denn was wäre, wenn Google eines Tages nicht mehr die Kontrolle über die Daten hat, etwa, weil sich andere Unternehmen einkaufen oder sich Hacker oder Regierungen Zugang verschaffen? Mehr will Reppesgaard nicht sagen, aber auch nicht weniger.

  4. @ Petra

    Ich hab nur die Zusammenfassung hier gelesen und habe entsprechend darauf reagiert. Will der Author wirklich nur zu Vorsichtigeren Umgang mit dem Internet aufrufen so ist das ein gerechtfertigtes anliegen. Ich hoffe halt das die richtgen Gedanken vermittelt werden und nicht ein “Google = evil –> benutzt MSN und alles ist gut”

    Vielleicht sollte ich es einfach mal lesen…

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