Geschichtsstunde mit Dr. Merkel

06. Jun 2009 | von Fabian Busch | Kategorie: Innenpolitik
Ein Wahlkampfabschluss mit Bildungsanspruch: Merkel referiert über DDR-Geschichte, die Marketingkampagne der Heidelberger Uni lobt den "Lebendigen Geist".
Ein Wahlkampfabschluss mit Bildungsanspruch: Merkel referiert über DDR-Geschichte, die Marketingkampagne der Heidelberger Uni lobt den "Lebendigen Geist".

Die Nationalhymne, Fleischkäse und ein wenig Rockmusik: Die CDU feierte ihren Wahlkampf-Abschluss in Heidelberg und Tausende kamen. Um die Kanzlerin zu sehen, zu hören oder ihr die Meinung zu sagen. Oder um zu erfahren, wie das war, früher in der DDR. Von Fabian Busch und Sören Sgries (Fotos)

Wenn die Kanzlerin kommt, dann muss das gebührend gefeiert werden. Zwar fühlt man sich in Heidelberg manchmal als wissenschaftliches Zentrum der Republik, doch politisch hat die Stadt am Neckar normalerweise nicht viel zu melden. Die wiederholten Gerüchte, Barack Obama, käme im Rahmen seiner vergangenen Deutschland-Besuche nach Heidelberg, erwiesen sich als Wunschträume der Stadtverwaltung. Da streichelt es die kurpfälzische Seele schon sehr, wenn wenigstens die CDU in der Universitätsstadt den Abschluss ihres Europa-Wahlkampfes zelebriert und die Spitzen der Partei kommen lässt: EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering, Generalsekretär Ronald Pofalla, Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Günther Oettinger und natürlich Angela Merkel.

Volksfest in der Uni-Stadt

Im Publikum wird das Lob der Bildung allerdings von vielen als Hohn angesehen, lokale Probleme liefern Stoff für lautstarken Protest.
Im Publikum wird das Lob der Bildung allerdings von vielen als Hohn angesehen, lokale Probleme liefern Stoff für lautstarken Protest.

Samstag vor der Wahl, Universitätsplatz, 11 Uhr. Alles wartet auf die Kanzlerin. Auch wenn sich die Stadt unter wolkenverhangenem Himmel nicht gerade von ihrer schönsten Seite zeigt, ist es fast wie auf einem kleinen Volksfest. Es gibt Bier und Brötchen mit Fleischkäse. Die Linkspartei hat einen Stand aufgebaut. Zwei tapfere Sozialistinnen halten ein Banner mit der Aufschrift „Rettungsschirm für Menschen, nicht nur für Banken.“ Studenten der örtlichen Pädagogischen Hochschule protestieren für „Kostenlose Bildung für alle“.

Bei den jungen Menschen vom „teAM 2009“, dem „Freiwilligen-Team für die Unterstützung Angela Merkels“, kann man dagegen gleich den Antrag auf eine CDU-Mitgliedschaft stellen. So sehen sie aus, die Konservativen von heute: Die Frauen tragen freche Schirmmützen, die jungen Herren das Haar im Nacken gerne etwas länger. Auf einer kleinen Bühne spielt eine lokale Coverband alternder CDU-Rocker mit dem unpassenden Namen „Red Nose Band“ Musik von den Beatles und Elvis Presley. Der Sänger sorgt im Publikum unfreiwillig für Gelächter, als er verrät: „In der CDU gibt es viele ‚Rock and Roller’.“

Früher in der DDR…

Ein bisschen brummig, aber farbenfroh: Die Kanzlerin im roten Blazer neben Ministerpräsident Günther Oettinger und CDU-Lokalpolitiker Jan Gradl
Ein bisschen brummig, aber farbenfroh: Die Kanzlerin im roten Blazer neben Ministerpräsident Günther Oettinger und CDU-Lokalpolitiker Jan Gradl.

Als die Kanzlerin endlich durch die Massen zur Bühne geht, versteht man ein bisschen, wie sie in der CDU werden konnte, was sie ist: Sie fällt auf. Die kleine Frau im leuchtend roten Blazer ist beinahe ein erfreulicher Anblick inmitten ihrer schwarzgekleideten Begleiter. Das sehen auch die Heidelberger so. 5000 Menschen sollen auf den Universitätsplatz geströmt sein. Einige stehen auf dem Toilettenhäuschen, andere auf den Fenstersimsen der Alten Universität.

Doch nicht alle von ihnen sind den Christdemokraten wohlgesonnen. Günther Oettinger, von dem die PH-Studenten lautstark finanzielle Unterstützung für ihre fast bankrotte Hochschule fordern, macht vor, wie Politiker mit Widerspruch umgehen. Man redet einfach lauter weiter, als höre man von nichts. Je lauter die Studenten skandieren „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“, desto ungerührter und ebenfalls lauter spricht Oettinger von den Spitzenuniversitäten in seinem Musterländle. Hinter der Bühne, an den Mauern des Hörsaalgebäudes der Uni, prangt ein Plakat mit der Aufschrift „Dem lebendigen Geiste“.

… heute in Europa

Ein lebendiges Volksfest mit rund 5000 Zuhörern - wenn auch mit den unterschiedlichsten Motiven.
Ein lebendiges Volksfest mit rund 5000 Zuhörern – wenn auch mit den unterschiedlichsten Motiven.

Und was hat nun die Kanzlerin zu sagen? Sie erzählt viel von früher. Früher in der DDR, da habe man nicht einfach so auf einem Platz rumschreien dürfen. Dass man das heute darf, das sei gut so. Früher in der DDR, da habe der Staat auf Unrecht aufgebaut. Es ist viel von der Vergangenheit die Rede. Von den Schrecken des Dritten Reiches, von der Europäischen Einigung und vom Fall der Mauer, die Helmut Kohl in Merkels Welt praktisch im Alleingang zum Einsturz gebracht hat. „Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Und darum ist Europa für uns so ein Glück.“

Ein wenig kommt sie dann doch noch auf die aktuelle Politik zu sprechen. Zur großen Wirtschaftskrise, so Merkel, hätte es nie kommen können, wenn die Regeln der sozialen Marktwirtschaft weltweit gegolten hätten. Und ein Rezept für die Krise hat sie auch parat: „Wir haben großes Interesse daran, dass die Länder um uns herum wieder auf die Beine kommen, damit sie unsere Produkte kaufen können.“ Und damit in ganz Europa für Wohlstand gesorgt sei, müssten die richtigen Regierungen in Brüssel am Tisch sitzen. Deshalb sei es auch so wichtig, zur Wahl zu gehen. Denn früher in der DDR, da war man in seiner Entscheidung nicht so frei.

Am Ende, bevor die Nationalhymne gesungen wird, überreicht der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl der Kanzlerin eine Flasche Schnaps. 40 Prozent stehe darauf, das sei doch auch ein schönes Ziel für die Europawahl – und für die Bundestagswahl. Bei den letzten beiden Europawahlen erzielten die Unionsparteien noch deutlich höhere Stimmanteile. Man ist etwas bescheidener geworden in der CDU.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/-Autor Sören Sgries.


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2 Kommentare
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  1. Vielen Dank für diesen Bericht. Ihr seid bisher die Einzigen, die erwähnen, dass PHler mit von der Parie waren und dass es uns nicht pauschal um die Abschaffung der Studiengebühren ging sondern um die Bildungspolitik der CDU im Allgemeinen und die finanzielle Notlage an unserer Hochschule.

    Flo.

  2. Hallo Fabian,
    habe eben erst Deinen Artikel geslesen und mich köstlich amüsiert. Ich bin der alternde CDU-Rocker, der für unfreiwilliges Gelächter beim Publikum gesorgt hat. Vielleicht wird aus Dir ja mal ein richtiger alternder Journalist.
    Gruß und viel Erfolg
    Peter

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