Gepflegte Langeweile
In schwach besuchten Kellerbars fummeln betagte Musikfreunde an ihren Hörgeräten, um Rückkopplung von Saxophonsolo zu trennen. Das ist Jazz heute. Mit Entsetzen hat der Autor festgestellt, dass selbst in Großstädten das Nachwuchsproblem um sich greift – nicht bei den Musikern, bei den Zuhörern. Jazz’s Life – Eine Kolumne von Sören Sgries
Es geht nicht mehr. Wirklich nicht. Ich bin am Boden zerstört. Und dabei fing doch alles so gut an, mit Urlaub, bestem Wetter, einer lauen Sommernacht bei bester Musik in einer südeuropäischen Großstadt. Und dann das. Aber von vorne.
Ich hatte im Sommer Urlaub, drei Wochen lang. Eine Ewigkeit, die ich für eine Rundreise durch’s herrliche Portugal nutzte. Alles wäre klasse gewesen, wenn mich nicht irgendwann die Sehnsucht nach guter Musik überkommen hätte. Beim Blättern im Reiseführer stieß ich dann auf Portugals ältesten und berühmtesten Jazzkeller: den „Hot Clube de Portugal“ (HCP), in Lissabon an der „Praca da Alegria“ gelegen, seit über 60 Jahren eine Institution des Portugiesischen Jazz‘. Wenn dort nicht das Jazzleben toben sollte, wo sonst? Gemeinsam mit hunderten, ach was, tausenden Gleichgesinnten würde ich bis in den frühen Morgen in atemberaubenden Kompositionen und umwerfenden Interpretationen versinken. Wir würden neue Helden feiern und alte Legenden aufleben lassen.
Atmosphärisch wie in einer süddeutschen Kleinstadt
Also: Hin da. Dienstagnacht, früher Mittwochmorgen – der Portugiese an sich treibt sich auch unter der Woche lange rum, also bloß nicht zu früh im Club aufschlagen. Vor dem Haus klingt schon leise die Rhythmusgruppe, erstaunlicherweise steht keine Menschenmenge vor der Tür. Bei einem Hauptstadtclub hatte ich anderes erwartet, aber das fiel mir erst später wieder ein. Auch drinnen eine seltsam vertraute Atmosphäre: eine kleine Bühne mit Musikern, eine kleine Bar, ein überschaubares Publikum. Aus der Lissabonner Millionenbevölkerung hatten es nicht einmal annähernd hundert in den besten Club der Stadt geschafft. Stattdessen: Eine Jamsession, wie ich sie auch aus glücklicheren Kleinstädten in Süddeutschland kenne. Trotzdem: Alles klasse, alles super, gut gelaunt falle ich ein paar Bier und Stunden später ins Hotelbett.
Morgens das böse Erwachen. Sicher: Die Musik war wirklich spitze, gleich ein ganzes Dutzend Musiker hatte sich ein Stelldichein gegeben, in der Mehrheit junge Talente. Aber das kleine Publikum war enttäuschend. Klar, der Laden war voll. Aber viel mehr als 20 Zuhörer werden das nicht gewesen sein. Dazu der übliche Altersschnitt für Jazzkonzerte: Naja, alt halt. Mindestens ein Vater Anfang 50, der seine Familie zum Gral des Portugiesischen Jazz‘ führen wollte und entzückt mit dem Kopf wippte, während Töchterchen nur so lange bei der Sache blieb, wie der Gitarrist ein Auge für sie hatte. Ein Desaster – die Erkenntnis, dass auch in einer Millionenstadt wie Lissabon die Zuhörerschaft für diese Musik, die ich so liebe, fehlt. Jede mittelmäßige Studentenband bekäme mehr Aufmerksamkeit, wenn sie nur einigermaßen „Wonderwall“ und „Smoke on the Water“ covern könnte.
Jamsessions sind sicher nicht die Highlights im Konzertleben. Aber sie sind die Grundlage des lebenden Jazz‘. Hier können Musiker nach Belieben vor Publikum treten und ihr Können unter Beweis stellen – live, im spontanen Zusammenspiel, vor kritischen Ohren und Augen. Die musikalische Qualität kann dabei sehr variieren, selten bekommt man gänzlich Neues zu Gehör. Dafür werden lieb gewonnene Standards im besten Falle frisch, im schlechtesten solide interpretiert. Das hat mehr Publikum verdient. Auf Jamsessions gibt es wenige Enttäuschungen, aber oft unverhoffte Überraschungen – finde ich.
Alles klingt gleich
Ein Freund, den ich einst zum Jazz bekehren wollte, sieht das anders: „Beim Jazz spielt einer möglichst schnell möglichst viele Töne. Das Publikum hört zu, justiert das Hörgerät, klatscht hinterher kurz. Manchmal auch mittendrin. Das Höchste an Ekstase ist ein Fußwippen im Takt. Die Stücke klingen doch eh alle gleich – gepflegte Langeweile.“ Recht hat er, irgendwie. Andererseits geht da dem Jazz, dieser für mich so faszinierenden, abwechslungsreichen, vielfältigen Musik, ein Zuhörer verloren – und der Altersschnitt im Jazzkeller steigt.
Der schwindenden Begeisterung für die Musik von Miles Davis, Charlie „Bird“ Parker und John Coltrane, von Pat Metheny, Jan Garbarek oder Ornette Coleman – große Namen, doch wer kennt sie schon? – soll diese Kolumne ein Geleit werden. Nein, ich kann niemanden bekehren, ich habe – um ehrlich zu sein – auch keine Ahnung von der Musik. Ich mag sie einfach – als Amateur, als ungeschulter Hörer, der langsam da rein rutschte und jetzt freiwillig Urlaubsabende in miefigen Kellerbars verbringt, nur um ein bisschen Gedudel zu hören. Ich möchte daran erinnern, wie schön Jazz sein kann. Nicht elitär, nicht abgehoben, nicht alt und verstaubt. Vielleicht stirbt diese Musikrichtung gerade mit ihren vergreisenden Hörern aus. Ich aber will nicht daran glauben, dass Jazzkeller zu Katakomben werden. Jazz’s life.
Hausaufgabe an alle Leser: Besucht eine Jamsession in eurer Stadt. Hebt oder senkt den Altersschnitt. Wippt ekstatisch mit dem Fuß. Hört Live-Musik.
Mehr am nächsten Freitag.
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