Gegen Dawkins zurück ins Mittelalter

05. Jul 2009 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

cover_schroederDer Philosophieprofessor und Theologe Richard Schröder setzt sich anlässlich der Thesen des Religionskritikers Richard Dawkins mit Geschichte und der heutigen Stellung der Religion auseinander. Bei genauerem Lesen zeigt sich dabei eine erschreckend rückwärts gewandte Geisteshaltung. Von Martin Stimmler

Auch wenn Richard Schröder einleitend erklärt, mit seinem Buch „Abschaffung der Religion?“ keinen Kommentar zu Richard Dawkins zu verfassen, orientiert er sich zunächst fast ausschließlich an dessen Thesen, die er zu widerlegen sucht. Schließlich geht Schröder allgemeiner sowohl auf die heutigen Säkularisierungsprozesse als auch auf frühere kritische Auseinandersetzungen mit dem Christentum ein. Dabei befasst er sich mit den Gedanken zahlreicher Philosophen und Theologen von der Antike bis heute.

Das Kernanliegen des Autors besteht darin nachzuweisen, dass die Naturwissenschaften auf die existenziellen Fragen des Daseins keine befriedigende Antwort geben können. Schröder hält dies für den exklusiven Bereich von Theologie und intuitiver Selbsterfahrung des Menschen (wie verstehen, interpretieren und erfahren Menschen ihr eigenes Sein?), eine religiöse Orientierung sieht er als notwendige Voraussetzung für eine ethisch gebundene Lebensgestaltung.

Argumente im Büttenredenstil

Nun bietet Dawkins als eine der Leitfiguren der neuen Atheismusbewegung in der Tat zahlreiche Angriffsflächen. Schröder versteht es stellenweise durchaus treffsicher, Schwächen in der Argumentation seines Kontrahenten aufzuzeigen und überzeugend zu widerlegen. Leider hält das Niveau der Argumentation hier jedoch oftmals bei weitem nicht das, was Titel und Ämter versprechen. Der Autor ist unter anderen Verfassungsrichter im Land Brandenburg und Mitglied des Nationalen Ethikrates. Dies betrifft nicht nur die teilweise an eine Büttenrede erinnernde sprachliche Qualität.

So wird die außerordentlich provokante These Dawkins, dass es sich bei Religiosität um eine Fehlfunktion im Gehirn handele, mit folgendem fiktivem Dialog quittiert: „’Warum bist Du Atheist geworden?’ ‘Weil die Religionsneuronen nicht mehr feuern.’ ‘Warum feuern die nicht mehr?’ ‘Weiß ich auch nicht, vielleicht liegt’s an der Ernährung, vielleicht auch am Wetter.’“ Auch der Versuch, den Substanzmonismus mit dem Verweis auf den regelmäßigen „Stuhlgang“ und den damit permanent stattfindenden Austausch von Materie zu widerlegen, stellt sowohl Geschmack als auch intellektuelle Leidensfähigkeit nicht zum ersten Mal auf die Probe. Denn abgesehen vom reichlich unappetitlichen Beispiel handelt es sich auch um ein außerordentlich schlechtes Argument – schließlich geht es Substanzmonisten nicht um die Identität einzelner Moleküle, sondern um die genetisch determinierte Anordnung von Materie.

Generell ist freilich nichts gegen den Versuch einzuwenden, auch bei schwierigen Themen einen Bezug zur Lebenswirklichkeit herzustellen. Dennoch fragt man sich mitunter, etwa wenn allen Ernstes Liedtexte von Viky Leandros zitiert werden, für welche Zielgruppe Schröder hier eigentlich schreibt. Zwar finden sich immer wieder bedenkenswerte Betrachtungen. Leider muss sich der Leser aber oft durch etliche Seiten äußerst mäßiger Witze und Anekdoten quälen, bis er an solche Stellen gelangt.

Gravierender als diese Entgleisungen ist allerdings die geradezu erschreckende Schwäche vieler Argumente, die Schröder ernsthaft zu verfolgen scheint. So greift er bei ihm unbequemen naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragen immer wieder auf Alltagssituationen zurück, deren Aussagekraft sehr fragwürdig ist. Das lässt die konservative und generell naturwissenschaftsfeindliche Grundhaltung des Autors erkennen: Es ist wie es gesellschaftlich und jetzt gerade ist, und es ist gut so. Dies wirft den Verdacht auf, dem Professor fehle es möglicherweise an Willen und / oder Fähigkeit zum Hinterfragen des Bestehenden.

richarddawkins
Der atheistische Biologe und Autor Richard Dawkins

In der gleichen Liga wie sein Kontrahent spielt Schröder jedenfalls nicht – weder intellektuell noch rhetorisch. So gleitet sein Versuch, Dawkins nachzuweisen, er sei in seinem Monismus inkonsequent, in ein Scheinargument übelster scholastischer Manier ab: Dawkins redet von der instinktiven Illusion, sein „Ich“ und sein Körper seien verschieden – eine Illusion, die er kraft seiner Vernunft widerlegt zu haben glaubt. Dawkins argumentiert, dass er „mit meiner Vernunft gelernt habe, Monist zu sein, während ich gleichzeitig als Mensch auch ein Tier bin, bei dem sich in der Evolution dualistische Instinkte entwickelt haben.“ Schröders Gegenargument: „Das ist ja gemein von der Evolution, dass sie uns so irregeführt hat […] Nun zähle ich aber mal genauer nach, was der Monist gerade vorausgesetzt hat, nämlich 1. Körper, 2. meine Vernunft und 3. Ich. Der Monist ist demnach diesmal Trialist. Was gilt denn nun: eins oder drei?“

Die Schlussfolgerung, Dawkins gebe seinen Monismus quasi aus Versehen auf, kann aus dem angeführten Zitat unter keinen Umständen gefolgert werden. Substanzmonisten gehen schließlich bloß davon aus, dass Geist bzw. Vernunft in ihrer Substanz materiell sind, nicht aber, dass Vernunft und Instinkt stets dieselben subjektiven Eindrücke vermitteln müssen. Schröder argumentiert hier einfach vollkommen an der Tatsache vorbei, dass Dawkins als Substanzmonist sehr wohl verschiedene Elemente seines Wesens (Verstand, Instinkt, Vernunft etc.) sprachlich voneinander unterscheiden kann, ohne dabei seinen Monismus aufgeben zu müssen. Auch die Frage des Substanzdualismus wird hier in einer Art und Weise abgehandelt, die schlicht nicht mehr ernst zu nehmen ist: Psychotherapie und Physiotherapie sind zwei paar Schuhe, deshalb hat der Geist eine andere Substanz als der Körper. Auf diesem Niveau haben Theologen wohl vor fünfhundert Jahren argumentiert. Heutzutage als Philosophieprofessor solche Argumente zu verbreiten, mutet jedoch schon skurril an.

Polemik gegen Goethe, Brecht und Nietzsche

Der gravierendste Kritikpunkt an Schröders Buch betrifft allerdings nicht die sprachliche oder inhaltliche Qualität seiner Argumente, sondern die Geisteshaltung, die gegen Ende zunehmend zu Tage tritt. Zunächst macht Schröder den Eindruck, ein einigermaßen liberaler Vertreter des modernen evangelischen Christentums zu sein.

Dass sich die permanente implizite Gleichsetzung von Drittem Reich und DDR wie ein roter Faden durch sein Buch zieht, mag biographische Gründe haben, Schröder ist in der DDR aufgewachsen. Die Qualifizierung des Nationalsozialismus als atheistische Bewegung ist zwar eine grundfalsche, aber leider keineswegs ungewöhnliche Form der kirchlichen Geschichtsklitterung. Hellhörig wird man jedoch zum ersten Mal bei seiner Auseinandersetzung mit einigen der größten deutschen Dichter und Philosophen. Dass Schröder von Karl Marx nicht viel hält, mag nicht weiter überraschen. Heinrich Heines „Weber“ aber stand nach Ansicht des Autors in der DDR „nur deshalb im Lehrplan, um Christen zu demütigen“.

Brechts „Das Leben des Galilei“ (hier scheint der Autor über Informationen zu verfügen, deren Quelle er leider nicht offenlegt) „informiert […] schlecht“ über die zunächst wohlwollende Haltung des Papstes gegenüber Gallilei– die jenen allerdings nicht an der Verurteilung und Verbrennung Galileis gehindert zu haben scheint. Goethe war „Spinozisist“, der wiederum ein Vordenker des Atheismus war. Nietzsche, der das Christentum als „Platonismus fürs Volk“ bezeichnet hat, wird mit einer Argumentationskette, die aus einem mittelalterlichen Hexenprozess stammen könnte, des Irrtums „überführt“: Der „Platoniker“ Kelsos, der in reichlich vulgärplatonischer Auffassung vertreten hat, man müsse die Sonne als Gott verehren, hat das Christentum abgelehnt. Hätte Nietzsche Recht, hätte Kelsos das Christentum aber begrüßen müssen. Also hat Nietzsche Unrecht. Anhand solcher Passagen drängt sich der Eindruck auf, dass Schröder schlicht die Fähigkeit zu fehlen scheint, literarische und philosophische Qualitäten unabhängig von ihrer Haltung zum Christentum zu beurteilen.

Beunruhigende Geisteshaltung

Im letzten Teil widmet sich der Autor einigen Vorwürfen, die dem Christentum von Dawkins und anderen Atheisten gemacht werden. Hierbei äußert Schröder gar die Behauptung, die Kreuzzüge seien einer „Paganisierung“, also quasi einer Entchristlichung des Christentums entsprungen und hätten außerdem ihren Ursprung zum Teil im Verhalten der muslimischen Herrscher gehabt: „Die Kreuzzüge waren keine Missionskriege, die die Muslime zum Christentum bekehren sollten. Sie sollten vielmehr die Heiligen Stätten der Christenheit, zumal das Grab Jesu, zurückgewinnen, nachdem die Behinderungen christlicher Pilger ins ‘Heilige Land’ zugenommen hatten. Man stelle sich vor, Mekka sei von Nichtmuslimen besetzt und Muslime [sic!] würde der Zugang zur Kaaba verwehrt. Nichtchristen [sic! Gemeint ist hier wohl „Nichtmuslime“] dürfen diese heiligen Stätten nicht einmal betreten.“ Nicht nur, dass Schröder sich hier tatsächlich zu einer halbherzigen Rechtfertigung der Kreuzzüge versteigt, er sieht auch ihren „eigentliche[n] Skandal“ keineswegs in der theologisch verbrämten Plünderung Jerusalems oder der Ermordung tausender Muslime und Juden, sondern „in der Legitimation des heiligen Krieges für innerchristliche Auseinandersetzungen.“

Dass der Autor dann auch noch tatsächlich „ein ernstes juristisches Problem“ in der Auseinandersetzung mit Zauberei und Schadenszauber sieht (deren Wirksamkeit er immerhin ausschließlich im psychischen bzw. psychosomatischen Bereich verortet) vermag dann kaum noch zu verwundern. Die diesbezügliche Frage „Wenn der Schaden tatsächlich eintritt, muss der Täter dann nicht doch bestraft werden?“ kann aber bei jedem einigermaßen aufgeklärten Leser des 21. Jahrhunderts bloß ungläubiges Kopfschütteln auslösen – weder der Verweis darauf, dass man in Kamerun seit Anfang der 80er Jahre wieder wegen Zauberei angeklagt werden kann, noch auf das römische und das alttestamentliche Recht, vermögen das zu ändern. Fast beunruhigt es, dass dieser Mann Verfassungsrichter ist.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass Schröder seiner Sache mit diesem Buch keinen Gefallen tut. Als Antwort auf Dawkins’ Thesen ist „Abschaffung der Religion?“ thematisch viel zu weit gefasst, als dass es auf 224 Seiten eine stichhaltige Argumentation liefern könnte. Schröders argumentative Schwäche tut ebenso wie seine extrem rückwärts gewandte Geisteshaltung ihr Übriges. Zu empfehlen ist dieses Buch allenfalls aus politisch-kulturellen Gründen: Um aufzuzeigen, was für Ideen in theologischen Kreisen heutzutage noch immer zu kursieren scheinen.


Schröder, Richard: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen. Erschienen im Herder Verlag Freiburg 2008, 224 Seiten, 16,95€, ISBN 978-3-451-29842-4


Die Bildrechte liegen beim Herder Verlag (Cover) und Matti Á./flickr (Portrait).


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2 Kommentare
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  1. Natürlich kann ein Dawkins mit seiner abstrusen Mem-Theorie auch nicht ernsthaften Theologen wie Ratzinger das Wasser reichen. So ist das eben.

  2. Richard Schröder gelingt in diesem Buch der leider allzuoft ausbleibende Ausbruch aus dem Elfenbeinturm der Theologie. Schröder, durchaus ein profunder Kenner der Thematik, nimmt die pseudowissenschaftlichen Thesen Dawkins auseinander. Und ja, dabei geht es schon mal herb zu…

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