Ewiges Vorbild Athen?
Athen gilt als die Mutter der abendländischen Demokratie. Die Reformen von Solon und Kleisthenes schufen ein Herrschaftsmodell, in das erstmals alle Bürger einbezogen wurden. Doch kann das antike Athen ein Maßstab für demokratische Ordnung auch in anderen Zeiten sein? Von Andre Budke
Mit dieser Frage beschäftigt sich Wilfried Nippel in seinem Buch Antike oder moderne Freiheit. Der Autor, Professor für Alte Geschichte an der Humboldt-Universität, handelt das Thema aus einer historischen Perspektive heraus und vergleicht die verschiedenen Ansätze zur Rezeption der attischen Demokratie von den amerikanischen Gründervätern über die französische Revolution, die deutsche Athen-Kritik des 19. Jahrhunderts bis in die Demokratiemodelle des 20. Jahrhunderts.
Die attische Demokratie – ein Sonderfall ihrer Zeit
Eingangs seiner Erläuterung betont Nippel, dass Athen innerhalb der antiken Welt einen Sonderfall darstellte. Während sich die griechische Welt in der Kleinstaaterei der jeweiligen Polis erschöpfte, gelang es den Athenern, ihre Herrschaft schon relativ früh auf ganz Attika auszubreiten, so dass Athen zum Oberzentrum Attikas wurde. Mit Solon trat in Athen ein Gesetzgeber auf, der durch die Einführung der Zensusordnung die Zugehörigkeit zur Oberschicht nicht mehr an ererbtem Status, sondern an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit des Einzelnen festmachte. Daneben führte er das Prinzip der Nichtversklavung der eigenen Bevölkerung ein, so dass die persönliche Freiheit eines jeden Bürger Attikas garantiert war.
Interessanterweise stärkt Solon zwar die Rechte des Volkes und ihre Mitbestimmung in der Volksversammlung, redet aber zu keiner Zeit von einer Demokratie. Vielmehr zielten seine Reformen auf die Schaffung einer eunomia (guten Ordnung) ab. Solon schuf daher eine demokratieähnliche Struktur in Athen, ohne selbst über eine demokratietheoretische Zielvorstellung zu verfügen, sondern im Angesicht der konkreten Probleme seiner Zeit.
Die Rezeption der attischen Demokratie anhand ausgewählter Beispiele
Nachdem Nippel eingangs die wesentlichen Merkmale der attischen eunomia dargestellt hat, arbeitet er deren historische Rezeption ab. Hierzu wählt der Autor einige geschichtliche Situationen und einige wenige Denker heraus, anhand deren Betrachtungen zu Athen er eine historische Entwicklung der Rezeption der attischen Demokratie anreißt. Hierbei befindet Nippel sich ständig in Gefahr, allzu punktuell zu beschreiben und allgemeine historische Entwicklungen zu vernachlässigen. Dieses Problem versucht er zu lösen, indem er die ausgewählten Beispiele ausführlich in ihr jeweiliges historisches Umfeld einbettet.
Die Gründerväter
Die amerikanischen Gründerväter sahen sich dem Problem ausgesetzt, das sie divergierende Interessen von Bevölkerung und Aristokratie unter einen Hut bringen mussten wie seinerzeit Solon in Athen. Sie bedienten sich hier der antiken Lehre der Mischverfassung, um dem Volk zwar demokratische Macht zu geben, gleichzeitig aber die Gefahr, dass die Aristokraten des Landes durch die Tyrannei der Mehrheit bedroht würden, auszuschließen.
Max Weber
Max Weber unterscheidet den antiken homo politicus vom mittelalterlichen homo oeconomicus. Der antike Bürger habe keine Freiheiten gegen den Staat gehabt. Jedes schädliche Verhalten, auch privates, wurde umgehend durch das Gemeinwesen bestraft, da sich jedes Handeln eines Bürgers in einem politischen Umfeld vollzog. Weber begrüßt vor allem die rationale Entscheidungsfindung durch die Volksversammlung in der attischen Demokratie. In der Moderne allerdings hält Weber direkte Demokratie allenfalls in der Schweiz für sinnvoll. Ein nationaler Machtstaat, als welchen er sich Deutschland wünschte, müsse dagegen den Weg des Parlamentarismus gehen, der zudem den Vorteil habe, gute Führungspersönlichkeiten hervor zu bringen.
Moderne Staatslehre: Vollgraf
In der modernen Staatslehre bemerkte Karl Vollgraf, Professor der Staatswissenschaften in Marburg, in seiner Schrift „Antike Politik oder Politik der Griechen und Römer“ bereits 1828, dass es schwierig ist, die antike Freiheit mit der heutigen zu vergleichen. Kernelement der antiken Freiheit sei vor allem die Angehörigkeit zu einem Staat und die Teilnahme an der Regierung dieses Staates. In der Moderne hingegen zielt der Begriff der Freiheit dagegen in erster Linie auf individuelle Freiheitsrechte ab. Eine Reglementierung des täglichen Lebens wie in Attika wäre heutzutage undenkbar. Daher sind allenfalls die Einrichtungen Athens wie die Volksversammlung mit heutigen Einrichtungen vergleichbar. Die Staatsideen jedoch unterscheiden sich fundamental.
Ist der attische Demokratiebegriff auf die Moderne übertragbar?
Der Demokratiebegriff der Antike ist, dies stellt Nippel (Portrait links) heraus, nicht ohne weiteres auf die Moderne übertragbar. So wohnte dem attischen Modell etwa ein starker plebiszitärer Zug inne, während heute Demokratie vor allem als Repräsentativsystem verstanden wird. Wo liegt also der Nutzen, sich auch heute noch mit der attischen Demokratie zu befassen? Man kann sich beispielsweise mit Athen auseinander setzen, wenn die Frage nach der Einführung von mehr Bürgerbeteiligung in modernen Repräsentativsystemen gestellt wird.
Abgesehen von den technischen Möglichkeiten, die heute zweifelsohne besser sind als in der Antike, stellten sich der attischen „Verwaltung“ die prinzipiell gleichen Probleme der Durchführung von Plebisziten wie heute. Auch lassen sich am historischen Beispiel die Auswüchse und Gefahren direkter Demokratie wie der fehlende Minderheitenschutz beobachten und für ein eventuelles eigenes Modell direkter Demokratie berücksichtigen. Die attische Demokratie ist daher nicht unbedingt als Vorbild zu sehen für heutige demokratische Systeme. Aber man kann Lehren aus Athens Geschichte ziehen, indem man die Vorteile und Nachteile seiner Einrichtungen analysiert.
Fazit
Nippel präsentiert sich in Antike oder moderne Freiheit als Hansdampf in allen Gassen. Auf 350 Seiten Text handelt er 3.000 Jahre Verfassungsgeschichte ab. Natürlich muss eine derart verkürzte Darstellung an der Oberfläche bleiben. Nippels Kunst ist es, dies zu tun, ohne das seine Darstellung deshalb oberflächlich wirkt. Gekonnt liefert er dem Leser die Rezeption Athens im Laufe der Jahrhunderte, indem er sie jeweils in die historische Situation und den demokratietheoretischen Zeitgeist einbettet. Darüber hinaus nennt er die Persönlichkeiten und Denker jeder Zeit. Von Solon über Alexander Hamilton, Max Weber oder Jacob Burckhardt, den großen schweizer Kulturhistoriker. Anhand der vielen Namen und Anknüpfungspunkte, die Nippel liefert, ist ein weiterer Einstieg in das Thema für den Leser in leichtes.
Die Antwort auf die Frage, ob Athen als Vorbild für heutige Demokratien tauglich ist, lässt sich nach der Lektüre Nippels verneinen. Zu weit ist die attische Demokratie vom heutigen Verständnis einer repräsentativen Demokratie entfernt, als das sie Vorbild sein könnte. Allenfalls lassen sich in Athen Anregungen für eine stärkere plebiszitäre Ausrichtung der Demokratie finden, mit all ihren Vor- und Nachteilen. So äußerte schon Carl Schmitt die Befürchtung, eine Rückkehr zur direkten Demokratie könnte den volonté générale beeinträchtigen. Athen kann also für die Moderne nur sehr eingeschränkt als Vorbild dienen.
Nippel, Wilfried
Antike oder moderne Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Neuzeit
Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 2008
ISBN 978-3-596-60104-2, 11,95 Euro
Die Bildrechte liegen beim Autor (Portrait) und beim Verlag. Der Verlag im Internet.
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