Erster US-Hochkommissar in Bonn

05. Jun 2009 | von WeltTrends | Kategorie: Kooperation mit WeltTrends

McCloy war nicht einfach nur der Repräsentant Washingtons in Westdeutschland, sondern wirkte darüber hinaus als einflussreicher Akteur in der amerikanischen Politik, zumal er über einen direkten Draht zum Außenminister und zur Regierung verfügte. Von Siegfried Schwarz

In der Frühe des 30. August 1950 raste ein Sonderkurier des Bundeskanzlers Adenauer zum Flugfeld Köln-Wahn. Dort erwartete ihn der amerikanische Hochkommissar John McCloy, kurz vor seinem Start nach Washington. Der Kurier übergab ihm zwei soeben fertiggestellte Memoranden: Das eine behandelte die „Sicherung des Bundesgebietes nach innen und außen“.

Darin verlangte der Kanzler die Verstärkung der Besatzungstruppen, die Aufstellung einer Bundespolizei und bot ein deutsches militärisches Kontingent an, falls eine westeuropäische Armee gebildet werden sollte. Das andere Dokument forderte die Revision des Besatzungsstatuts und des Rechtsverhältnisses zwischen den Westmächten und der Bonner Regierung, verlangte also Schritte zur Erlangung der Souveränität der Bundesrepublik.

Aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend, hatte McCloy jahrelang als Anwalt in der New Yorker Wall Street gearbeitet. Von 1941 bis 1945 amtierte er als stellvertretender Kriegsminister und fungierte als eine Art erster Nationaler Sicherheitsberater der USA. McCloy leistete mit Entwürfen zur Besatzungsdirektive JCS 1067 der Vereinigten Stabschefs der USA vom 26. April 1945 einen wichtigen Beitrag zur Deutschlandplanung.

Darin hieß es, Deutschland werde „nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat“. Es müsse klar werden, „dass die Deutschen nicht der Verantwortung für das entgehen können, was sie selbst auf sich geladen haben“. Anschließend arbeitete er im State Department in einem Ausschuss zur Kontrolle der Atomenergie, wo er sehr eng mit dem späteren Außenminister Dean Acheson kooperierte. Auf Drängen Präsident Harry S. Trumans übernahm McCloy die Leitung der Weltbank.

Noch vor seiner Ernennung setzte er durch, dass die Exekutivrechte dieser Bank erheblich erweitert wurden. Ende März 1949 schlug man ihm vor, Staatssekretär im Verteidigungsministerium zu werden. McCloy lehnte John Jay McCloy 1895 – 1989  das Angebot ab und zeigte vielmehr ein lebhaftes Interesse an der Position des ersten US-Hochkommissars in Deutschland. Schließlich berief ihn Präsident Truman im Mai 1949 in diese Funktion.

Er erhielt eine erhebliche Machtfülle wie die eines amerikanischen Statthalters, die weit über den formellen Rang eines Missionschefs erster Klasse hinausging. McCloy übte nunmehr die hoheitlichen Befugnisse der Vereinigten Staaten in Deutschland aus. Anfangs misstraute McCloy den Deutschen wegen ihrer autoritären Neigungen. Er war auch vor der Gerissenheit Adenauers gewarnt worden und hatte sie bestätigt gefunden, als dieser ihn wiederholt und penetrant darauf aufmerksam machte, dass seine verstorbene Frau Gussie Zinsser und Frau McCloy entfernt miteinander verwandt seien.

Doch mit der Zeit verschwand McCloys Distanz zu Adenauer. Zwar hegte er bis zum Ende seiner dienstlichen Tätigkeit 1952 noch gewisse Zweifel, aber die Verlässlichkeit Adenauers an der Bündnistreue zu den USA stand für ihn außer Frage. McCloy war zu einem der wichtigsten Vermittler der Bonner Wünsche in den Washingtoner Regierungskreisen geworden. Noch lange nach dem Ausscheiden McCloys als Hoher Kommissar pflegte Adenauer seine Beziehungen zu ihm, um sich geeignete Zugänge zu wichtigen Repräsentanten der USA zu verschaffen.

In den Jahren 1949/1950 wurden entscheidende Weichen für den zukünftigen außen- und militärpolitischen Kurs der noch jungen Bundesrepublik gestellt. Hieran hatte das dichte Zusammenwirken zwischen Adenauer und McCloy einen sehr hohen Anteil. Der Ausbruch des Koreakrieges am 25. Juni 1950 forcierte diesen Prozess erheblich. Der unmittelbare Chef McCloys, Außenminister Dean Acheson, präzisierte in einem Bericht an den Nationalen Sicherheitsrat vom 3. Juli 1950: „Die Regierung der Vereinigten Staaten ist entschlossen …, Deutschland so schnell wie möglich in eine enge und feste Verbindung mit dem Westen zu bringen und Verhältnisse zu schaffen, unter denen das Potenzial Westdeutschlands endgültig dem Potenzial des Westens hinzugefügt werden kann.“

In Washington begannen die Debatten über die günstigste Methode der Eingliederung westdeutscher Militärverbände in die westliche Allianz. Während das Pentagon eine Lösung über den Beitritt Bonns zur NATO favorisierte, hielt man im State Department einen rein westeuropäischen Weg für sinnvoller. Hierzu trugen insbesondere McCloys Überlegungen für das Konzept einer „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ bei. Am 3. August 1950 telegrafierte er an Acheson, „dass die Zeit für eine grundlegende Lösung des Problems der Verteidigung Westeuropas nun reif“ sei.

Dieses Ziel könne man aber nicht durch die Schaffung einer „deutschen Nationalarmee“ erreichen. Stattdessen solle man das Problem durch die Aufstellung einer „genuinen Europa-Armee“ lösen. Die französische Seite scheine – so McCloy – für einen solchen Schritt bereit zu sein. Dieses Konzept fand schließlich auch die Zustimmung Außenminister Achesons und wurde fortan von amerikanischer Seite massiv unterstützt. Das Dokument liest sich in weiten Passagen wie der spätere Pleven-Plan, den der französische Ministerpräsident René Pleven am 24. Oktober 1950 vor der Nationalversammlung verkündete.

Es schlossen sich zähe Verhandlungen zwischen den Partnerländern an. Dennoch scheiterte der Plan schließlich am 30. August 1954 am Widerstand großer Teile des Pariser Parlaments. Im Sommer 1952 verließ McCloy Bonn und kehrte – nach vielerlei Ehrungen – in die Vereinigten Staaten zurück. Hier übte er in der Folgezeit zahlreiche wichtige Ämter aus: Er fungierte als Chairman der „Ford Foundation“, des „Council on Foreign Relations“ und der Chase Manhattan Bank. Er wurde von mehreren Präsidenten, sowohl republikanischen als auch demokratischen, für heikle diplomatische Missionen eingesetzt.

Von 1961 bis 1963 erfüllte McCloy Aufgaben als Sonderbeauftragter für Abrüstungsfragen bei Präsident John F. Kennedy. Im Sommer 1963 stand für den Präsidenten ein Besuch in Deutschland bevor. Seine Berater hatten ihm dringend von einem Besuch Berlins abgeraten. Darauf McCloy: „Dann ist es besser, gar nicht erst in die Bundesrepublik zu reisen!“ Zeitlebens blieb McCloy mit der deutschen Frage verbunden und hat sie aktiv mitgestaltet.


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