Eisern Union
Union Berlin ist mehr als nur ein Fußballverein. Verkörpert doch der Klub die enttäuschten Sehnsüchte des alten Ostens genauso wie die Hoffnungen auf eine erfolgreichere Zukunft. Die Fans eint neben der Liebe zum Fußball vor allem eines: durch die Wiedervereinigung haben sie fast nur verloren. Von Christoph Rohde
Das Derby Union Berlin gegen Dynamo Dresden am vergangenen Wochenende brachte traditionelle Rivalitäten an die Oberfläche: denn die Skandierungen im Jahn-Park „Scheiß Dynamo“ galten eigentlich nicht dem Gegner aus Dresden, sondern dem alten Stasi-Verein BFC Dynamo Berlin. Dieses Lieblingskind Erich Mielkes hatte in „guten alten DDR-Zeiten“ die Talente der Unioner zum BFC hin abkommandiert. Und so kommt es zur paradoxen Situation, dass Union Berlin gerade im feindlichen Jahn-Sportpark den Grundstein für seinen Aufstieg in die zweite Liga legt. Die Mannschaft ist hier noch ungeschlagen. Das Team hat mittlerweile satte sechs Punkte Vorsprung vor den nächsten Rivalen SC Paderborn und Fortuna Düsseldorf und hat von den letzten zehn Spielen sieben gewonnen und drei Mal Remis gespielt. Die Alte Försterei, ihre Heimstätte, wird ja gerade neu gebaut, doch dazu später mehr.
Ein Verein der Basis
Union Berlin ist ein Verein des Volkes. Er verkörpert Nostalgie, Arbeit, Gleichheit und Zusammengehörigkeit. Die Menschen lechzen danach, dass ihre Arbeit, ihre Solidarität, ihre Ideenwelt Erfolg hat. Im realen Leben ist das nämlich oft weniger der Fall. Die Menschen in den Kapuzenpullovern definieren sich durch ihre Mützen und Schals, ihr cooles Outfit und ein wenig Versifftheit um sie herum. Hunde gehören dazu (nur nicht beim Spiel), ein wenig unpolitische Aufmüpfigkeit, sie sind im Grunde gegen Gewalt, gegen Diskriminierung, für Schwule und Ausländer. Aber dennoch trägt eine gewisse Aggressivität die Atmosphäre. Die Enterbten des Kapitalismus triumphieren nicht in der Krise, weil sich für sie nichts ändert, auch nicht zum Schlechten. Aber sie haben hier etwas, einen Sinnersatz, ein Berliner „Mir san mir“-Gefühl, das stärkt und das ihre Kräfte mobilisiert. Die Menschen sind echt, stehen zusammen, feiern mit viel Bier in den Kneipen und sehen die Entwicklung des 1. FC Union geradezu als Wunder an.
Das eigene Stadion
Köpenick hat nicht nur seinen Hauptmann, sondern seine Alte Försterei. Dieser Fußballplatz, in einem kleinen Wäldchen gelegen, verkörpert den Kult des Vereins. Der kaum Stadion zu nennende Fußballplatz wird vergöttert. Erst seit einigen Jahren existiert ein kleines Flutlicht, auf das man stolz ist. „Alte, alte, alte Försterei“, hallte es gegen Dresden durch den Jahnpark.
Die Fans bauen mit am eigenen Stadion, das profitauglich gemacht wird. Dies ist ein Vorbild für eine gelungene Communitas. Treppen wurden hochgezogen, die Stufen des Stadions neu betoniert – ein einmaliges Gemeinschaftsprojekt von Verein und Fans. Lustig ist dabei, dass die Imbiss-Stände, die frei schwebend vom Hügel des Stehplatzbereichs herabhängen, nun „Catering-Stationen“ genannt werden. Ist dieser Anglizismus in Ost-Berlin opportun?
Analogien zum FC St. Pauli sind eigentlich evident, aber wenn diese beiden Vereine aufeinander treffen, dann gibt es dennoch eine Klopperei um den ersten Rang unter Autonomen. Insgesamt aber hat man etwas verpasst, wenn man diese offizielle Versammlung der „Kiez-Kids“ nicht kennen gelernt hat.
Ein wenig Stasi lebt noch
Nur: wo bleibt das Dach? Die Bauarbeiten haben sich zuletzt verzögert. Der Ordner am Spielfeld kann dazu nichts sagen. Er sei nur Wachpersonal und nicht befugt, darüber Auskunft zu geben. Ist etwas schief gegangen? Sollte man bei einem Basisprojekt nicht offener sprechen? Der Junge erinnerte an einen Informellen Mitarbeiter der Stasi (IM), der die Chance auf eine große Karriere in der Normannenstraße gehabt hätte. Hier erinnert die Informationspolitik leider an frühere Zeiten. Aber ich bin beruhigt. Meine Auffassung, dass linke Strukturen immer etwas Totalitäres haben, wird erfahrungsgesättigt – ist doch was. Aber es schmälert meine Bewunderung für diese Art Lebenskunst namens Union Berlin in keiner Weise. Für besonders treue und solvente Fans gibt es mit der EisernCard eine lebenslange Dauerkarte für 2.222 Euro.
Sponsoren gesucht
Das Gespräch mit einigen Fans zeigt, dass sich diese über das Dilemma im Klaren sind, in welchem der Verein steckt. Steigen sie auf, brauchen sie viel mehr Geld. Auch wenn die Fernsehgelder von 800.000 Euro in der dritten auf mehr als drei Millionen in der zweiten Bundesliga in der Saison 2009/10 ansteigen könnten, hat der Verein weit größeren Finanzierungsbedarf. Begibt man sich in die Hände von Großsponsoren, droht der Verlust seiner Identität. Aber wie die Hymne es sagt: Wir lassen uns nicht vom Westen kaufen… Es bleibt nur eines, mit Nina Hagen nach vorne schauen: „Eisern Union, immer wieder Eisern Union – gemeinsam nach vorn – Eisern Union.“
Das Bildrecht liegt beim Autor (Fans, Anzeige) oder unterliegen der Creative Commons Lizenz (Stadion: Platte/Wikimedia).
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ich glaube, das hier ist der schlechteste und realitätsfernste fußballtext, den ich jemals gelesen habe. abgesehen davon kotzt es mich als st. pauli fan an, dass manche immer wieder etwas von vermeintlichen parallelen zwischen beiden clubs fabulieren, wobei das fast immer nur von berliner seite zu hören ist. mir ist ein verein, bei dem soviel nazigesocks herumläuft wie bei union, jedenfalls zutiefst unsympathisch.