Ein Trio ganz Solo

18. Sep 2009 | von Sören Sgries | Kategorie: Kolumnen

Eine kleine Winterreise in einen kochenden Blueskessel und ein Familienabend im kleinen Kreis sind zwei Konzerterlebnisse, die dem Autor in Erinnerung geblieben sind. Jetzt rätselt er ein wenig, wieso es für den Jazz nicht zum Publikumsmagneten reicht. Jazz’s Life – Eine Kolumne von Sören Sgries

Mein Klagen über den Zustand des Jazz’ hat für einige Irritation gesorgt. Jazzfreunde sagten: „Hey, die Musik hat dir gefallen, der Club war voll. Wenn die Arrangements stimmten, dann hast du keinen Grund, dich darüber zu beschweren.“ Freunde, die ich mal zum Jazz bekehren wollte, sagten: „Hey, diese Musik gefällt dir, so ist es doch immer, wenn du uns mit in diese Kellerbars schleppst. Du hast dich doch nie beschwert.“ Höchste Zeit also, einmal die Frage zu stellen: Was erwarte ich eigentlich von einem Jazzabend? Dazu zwei kleine Geschichten.

Heißer Blues im Schneegestöber

Im Frühjahr 2006 bekam ich einen Anruf aus der Redaktion der Lokalzeitung: „Heute Abend beginnt Bernard Allison seine Deutschlandtournee. Fahr‘ dort hin. Berichte.“ Allison ist ein vergleichsweise junger – also: halb so alt wie B.B. King – Bluesgitarrist mit Wurzeln in der Rockmusik, der mir damals gänzlich unbekannt war. Auftrittsort war das Foyer der Ulmenhofschule in Kellinghusen – ein Ort, der mir noch unbekannter als Allison war, auch wenn er als Spielort von einem engagierten Kulturverein durchaus regelmäßig mit Leben gefüllt wird.

Abends saß ich im Auto, fror wie ein Hund und verfluchte die Redaktion und den Hungerlohn, der mir für diese Tortur gezahlt werden würde. Am frühen Abend hatte der Winter nämlich noch einmal zurück nach Schleswig-Holstein gefunden. Die Straßen froren spiegelglatt, dann senkte sich eine dichte, tiefe Schneedecke über das Flachland. Für 15 Kilometer brauchte ich fast eine Stunde Fahrzeit. Später als ich kam nur noch der Tourbus mit Allison und Band an. Doch das Erstaunliche: Trotz schlechtesten Wetters, beschwerlicher Anreise und Provinzspielort feierten schließlich rund 100 Leute allen Alters den blues-rockigen Auftritt, die Band heizte ihnen richtig ein, bevor alle wieder in den klirrenden Winter verabschiedet wurden.

Nur die Verwandtschaft bleibt treu

TTT oder AllisonNun zum traurigen Gegenstück bei besseren Rahmenbedingungen: Im November des gleichen Jahres wurde ich zu einem Jazzkonzert in Heidelberg geschickt. Das „Tales in Tones Trio“ (TTT), bestehend aus Ralf Schmid am Klavier, Bassist Veit Hübner und Schlagzeuger Torsten Krill, spielte in einer Gaststätte, die sonst vor allem durch Massenspektakel mit DJ und viel Nebel auffällt. Das TTT hatte durchaus einen gewissen Ruf und konnte neben einigen Jazzpreisen auf die Zusammenarbeit mit Größen wie Herbie Hancock oder Michael Brecker verweisen. Ein „Geheimtipp unter Kennern“ hieß es damals – und nicht einmal die kamen. Nur dank reichlich Tresenpersonal waren mehr Zuhörer als Musiker im Raum.

Nach dem Auftritt ergab sich die Gelegenheit, mit drei Gästen zu sprechen. Den einzigen drei  Gästen, charmante ältere Damen. Eine Schande sei es, dass niemand zum Konzert des TTT gekommen sei, klagten sie. Als Demütigung für die Musiker wurde der leere Zuschauerraum empfunden, auch wenn diese mit trockenem Humor in der Moderation und Leidenschaft im Spiel darüber hinweggingen. Warum die drei Damen zum Konzert gekommen waren? Sie wollten ihre Kinder und Enkel spielen hören. Gut, wenn wenigstens die Verwandtschaft dem Jazz die Treue hält. Für den Veranstalter war jedenfalls klar: „Nie wieder Jazz für das untreue Heidelberger Publikum.“

Punktsieg fürs Kaff

So unterschiedlich können Konzerte also aussehen. Um es noch einmal deutlich zu machen: Beide Male standen weitgehend unbekannte, nur im Kennerkreis namhafte Musiker auf der Bühne. Beide Male wurden in den Städten kleinere Bühnen bespielt. Trotzdem siegte der rockige Blues in Kellinghusen. Trotzdem kamen im 8000-Einwohner-Kaff mehr Musikfans zusammen als in der 140.000-Einwohner-Großstadt – und das alles auch noch trotz heftigen Schneefalls.

Noch bin ich nicht hinter das Geheimnis gekommen, warum sich gerade der Jazz so schwer tut, ähnlich treue Fanscharen aufzutreiben. Wer sich in einen Jazzkeller gewagt hat, der weiß, dass selbstverständlich auch diese Musik Charismatiker und Rampensäue wie einen Bernard Allison kennt, der in Kroko-Stiefeln und Cobra-Hut durch die Reihen stiefelte. Fest steht auch: Keine Musik ist so sehr „live“, so spontan wie Jazz. Gerade die Jamsessions, die ich schon mehrmals empfahl, sind Ausdruck davon. Die Musiker können hier neue Stücke testen, sie wollen das Publikum begeistern, sie stehen am Bühnenrand und spüren der Wirkung ihres Spiels unmittelbar nach. Wenn es gut läuft, wenn es wirklich spannend wird, dann gibt es auch – nein, keine Erfindung des Hip-Hop – einen kleinen battle, wenn zwei begnadete Solisten miteinander wetteifern. Die Jazzgeschichte ist reich an Erzählungen von solchen Begegnungen.

Oh, ich höre schon förmlich die Klagen der Fans von Rap bis Rock: „Wenn wir auf ein Konzert gehen, dann wollen wir richtig abfeiern. Wir wollen mitsingen, tanzen, einfach abgehen.“ Stimmt, im Jazzkeller passt Headbanging nicht immer, für Pogo wäre zwar viel Platz, aber einfach zu leise Musik.

Also, Hausaufgabe an mich – und wer will, darf sich anschließen: Teste die Alltagstauglichkeit von Jazz. Tanze zu „Kind of Blue“. Jogge zu „Maiden Voyage“. Saufe bei „Twelve Moons“. Und bei „A Love Supreme“… ach kommt, ihr wisst schon.


Genug gejammert, heißt es nächsten Freitag. Jazz’s Life taucht in die Jazzgeschichte ein, wird den Erfinder dieser Musik vorstellen und erzählen, wie ein junger, überheblicher, drogenabhängiger Musiker mit seinem verbeulten Saxophon die Revolution einleitete.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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