Mixtape für danach
Nach den Wahlen zum Bundestag überkommt den Autor nicht der Blues, sondern er vertieft sich in seinen Jazzfundus. Das Ergebnis ist ein jazziger Nach-Wahl-Soundtrack – und der Wunsch, Steinmeier hätte „Angie“ gesungen. Jazz’s Life. Eine Kolumne von Sören Sgries
Eigentlich dürften jetzt ein paar Sätze dazu zu erwarten sein, warum Jazz so unglaublich cool ist. Ich sollte über die Erfindung der Sonnenbrille als Bar-Accessoire schreiben, über lässigen Stil und so. Ich sollte irgendwann diese kleine Platte erwähnen, „Birth of the Cool“, 1949/50 eingespielt von Miles Davis und Co. Das wird nicht passieren. Den Einstieg suche ich trotzdem über dieses Album.
„In jazz, as in other musics, some things are of their time, some ahead of it, while others simply know no time at all…“, heißt es in den Liner Notes zur CD-Veröffentlichung. Wenn Jazz so der Zeit verbunden ist, darf ich auch die angekündigte Cool-Kolumne verschieben, um eine tagesaktuelle zu schreiben. Seht es als kleines Zwischenspiel zwischen den jazzhistorischen Sets.
Rockmusik im Wahlalltag
Also: Letzten Sonntag war Bundestagswahl. Bejubelt wurde wieder einmal „Angie, Angie“ – die Huldigung eines Rocksongs, bei dem wohl kein CDUler sich je die Mühe gemacht hat, den ganzen Text zu übersetzen. Meiner Meinung nach deutlich netter: Steinmeier tritt um 18:17 Uhr im Willy-Brandt-Haus vor die Kameras und seine Wähler, lässt sich in der Niederlage bejubeln (wir durften es ja erleben), greift zum Mikrophon, räuspert sich kurz und setzt an: „Angie, Angie, where will it lead us from here? / With no loving in our souls and no money in our coats / You can‘t say we‘re satisfied / But Angie, Angie, you can‘t say we never tried / Angie, you‘re beautiful, but ain‘t it time we said goodbye?“ Nun ja, nicht mal Schröder hat das vor vier Jahren in bester Laune fertig gebracht.
Doch zurück zum Thema. Ein Freund, den ich mal zum Jazz bekehren wollte, meint: „Jazz ist intellektuell abgehobenes Zeug. Wer das hört, der macht ein riesen Theater drum, aber normale Menschen ertragen das Gejaule doch nicht.“ Deshalb wird „Birth of the Cool“ also nie im Wahlkampf erklingen, ein Minister zu Guttenberg lässt sich aber durchaus im AC/DC-Cover-Shirt fotografieren. Und „We are the champions“ darf eh nach jeder gewonnenen Wahl in Stadt, Land, Bund und Vereinsheim erklingen.
Mag sein, dachte ich. Im Wahlkampf hätte Jazz wahrscheinlich zu sehr abgelenkt, da muss es altbekannt und eingängig sein. Aber zur Nachbereitung sollte die Musik doch noch taugen. Im Fundus habe ich gestöbert und ein paar Stücke für den Kater nach der Wahl gefunden.
Ein Mixtape
Für Angela und Frank-Walter
1) Don’t Go To Strangers – eine schöne Ballade, beispielsweise in der Version von Nils Landgren, mit Spielraum für reichlich Misstrauen dem Neuen gegenüber.
2) Remember Me My Dear – mit Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble wird der Abschied richtig schmerzhaft mittelalterlich.
3) It Never Entered My Mind – die raue Stimme Mark Murphys, dazu Til Brönners verhaltener Trompetenklang, so passt auch dieser Klassiker aktuell.
Für SPD und CDU
4) Red Earth – die Erinnerung der SPD an ihre Erfolge dürfte ebenso sehnsuchtsvoll sein wie Dee Dee Bridgewater, wenn sie von Mali singt.
5) That Old Black Magic – als Swing von Glenn Miller eine große Sache, an die die CDU bestimmt gerne noch glauben möchte.
6) Gone – ein Abgesang auf die gemeinsame Zeit, zu finden in Miles Davis’ “Porgy and Bess”.
7) Gone, Gone, Gone – sicher ist sicher. Die Große Koalition ist jetzt wirklich vorbei. Gleiches Album.
Für die nächste Regierung
8) Empty Pockets – immerhin gute sechs Minuten lang ist Herbie Hancocks Stück, die kommende Koalition muss wohl einige Zeit länger mit leeren Taschen haushalten.
9) Survival of the Fittest – Hancock kennt aber auch eine mögliche Konsequenz, zumindest, wenn wirklich die befürchteten „sozialen Härten” unter Schwarz-Gelb kommen werden.
Für die Enttäuschten
10) Bye Bye Blackbird – ein Standard, der wohl nur durch neue Koalitionen in Zukunft mit Sinn gefüllt werden wird.
11) So What – ein bisschen Gelassenheit hat schon vor 50 Jahren Miles Davis mit „Kind of Blue“ zum Erfolg verholfen.
12) Et Si C’Était La Fin [As If It Were the End] – so heißt es schon in Pat Methenys „Secret Story”. Es geht ja weiter.
Möchte sich jemand beschweren? Ist es Unsinn, Jazztitel in politischen Kontext zu setzen? Richtig, gut erkannt. Deshalb konnten sich übrigens DDR-Jazzer auch relativ frei im Ausland bewegen. In den paar Noten, meist ohne Text, mit veränderbarem Titel, ließ sich nur schwer Subversives verstecken. Was das jetzt schon wieder mit Bundestagswahlen und den Jazzlisten zu tun hat? Ich weiß es nicht. Bei Jazz’s Life regiert dieses Mal das Chaos.
Also, Hausaufgabe in dieser Woche: Zur Ruhe kommen. Ordnung schaffen. Ein bisschen im Nach-Wahl-Soundtrack versinken. Vielleicht wird’s das nächste Mal ja klar und cool. Versprochen.
Die Bildrechte liegen beim Autor.
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