Dresdens Inferno

04. Feb 2009 | von Andreas Morgenstern | Kategorie: Politisches Buch

BuchcoverMehr als 60 Jahre nach Kriegsende ist die Zerstörung Dresdens mit seiner weltberühmten barocken Silhouette noch immer hoch umstritten. Nun liegt die wohltuend unaufgeregt-seriöse Studie des britischen Historikers Frederick Taylor als Taschenbuch vor. Von Andreas Morgenstern

Dresden, Dienstag 13. Februar 1945. Unter diesen schlichten Titel stellt der britische Historiker Frederick Taylor seine umfassende Monografie zur Zerstörung der Stadt. Und diese Nüchternheit, die sich wohltuend durch das ganze Buch zieht, ist auch bei einer Bearbeitung dieses Themas das Bestmögliche. Erfreulicherweise ist die Studie jetzt in einer preisgünstigen Taschenbuchausgabe des Pantheon-Verlags erschienen.

Der Name „Dresden“ reihte sich 1945 neben Guernica, Warschau und Coventry in die Liste jener Städte ein, die als Symbole für den zerstörerischen europäischen Bombenkrieg der 30er und 40er Jahre gelten müssen. Damit ist aber auch klar, dass eine Abhandlung zu diesem Thema stets ein Wandeln auf schmalem Grat ist. Siegespatriotismus und Opferkult, das sind die beiden Extrempunkte in einer nicht enden wollenden Diskussion über die Legitimität des Angriffs auf das „Elbflorenz“, die sogar noch zum Missbrauch durch Extremisten einlädt, wie die NPD-Fraktion zum Gedenken des 60. Jahrestags der Zerstörung der Stadt im Sächsischen Landtag 2005 mit ihren unsäglichen „Bomben-Holocaust“-Sprüchen skandalös unter Beweis stellte.

Eindringlich, nicht effektheischend

Gerade in so einer noch immer aufgeladenen Situation ist ein betont sachlicher Umgang mit den harten Fakten ebenso wie mit den traumatischen und daher manchmal auch etwas verzerrten Erinnerungen der Dresdner und der alliierten Bomberpiloten gefordert. Zugleich gelingt Taylor aber auch der Spagat, sich nicht auf eine buchhalterische Darstellung der Ereignisse zurückzuziehen, sondern die Beteiligten zu Wort kommen zu lassen und den Lesern damit zumindest einen kleinen Spalt in der Mauer zu öffnen, die Nachgeborene von den für sie unglaublichen Erfahrungen der Kriegsgeneration trennt. Bei den Beschreibungen des Infernos in Dresden lebt der Band von der Schilderung der Schicksale der Überlebenden, während sich Taylor einer eindringlichen aber nicht effekthaschenden Darstellung des Grauens für die Todesopfer befleißt.

Zunächst spannt er allerdings einen weiten Bogen. Taylor dokumentiert die Geschichte der Stadt, ihre glänzende Vergangenheit als Perle des Königreichs Sachsen – wobei sich hier einige Fehler einschleichen – , aber auch ihre erste Zerstörung durch die Preußen im Siebenjährigen Krieg 1760. Später steigt Dresden dann nicht nur zu einer der schönsten, sondern auch der wirtschaftlich bedeutendsten Städte des Deutschen Reichs auf. Allerdings sollte die Stadt schließlich auch zu einer der Hochburgen des Nationalsozialismus werden, von dem sie mit moderner Industrieproduktion, die für die damalige High-Tech-Waffen der Wehrmacht unverzichtbar war, zunächst profitierte. Juden und Zwangsarbeiter wurden auch hier hemmungslos ausgebeutet.

Taylor räumt auf diesem Weg mit dem noch immer nicht völlig verschwundenen Urteil auf, es habe sich bei Dresden doch um eine kriegstechnisch unbedeutende Stadt gehandelt. Gerade Sachsens geografische Lage, vielerorts sprach man vom „Luftschutzkeller des Reiches“, führte zu weiteren Industrieverlagerungen aus bombengefährdeteren Regionen nach Mitteldeutschland. In Dresden fühlte man sich sicher. Man fühlte sich so sicher, dass ausreichende Vorsorge nicht getroffen wurde. Taylor schildert, in welch schlechtem Zustand sich die Luftschutzkeller befanden, dass wichtige Informationen an die Bevölkerung nicht erfolgten und schließlich die Stadt auch noch wehrlos Angriffen ausgeliefert wurde, als die ohnehin schwache Flak an die nahende Ostfront verlegt wurde. Dem drohenden Feuersturm hatte Dresden nichts entgegenzusetzen.

Bei der Massivität der minutiös geschilderten drei Angriffe der Briten und Amerikaner ist jedoch zu bezweifeln, ob noch so gute Vorbereitungsmaßnahmen etwas hätten ausrichten können. Aufgrund der sehr guten Sichtverhältnisse und fehlender deutscher Luftabwehr, konnten die Briten in den beiden dicht aufeinanderfolgenden Nachtangriffen nicht nur die ganze Innenstadt in Schutt und Asche legen, sondern durch den Einsatz von Brandbomben einen Feuersturm erzeugen, der den Menschen den Sauerstoff raubte und sie ersticken ließ.

Rechtmäßigkeit des Angriffs bleibt umstritten

Frederick Taylor
Frederick Taylor

Deutschland hatte seinen Nachbarn den totalen Krieg erklärt, und der schlug nun auf seinen Urheber zurück. Die Gewissenlosigkeit der NS-Herrscher drückte sich auch darin aus, dass sie selbst nach diesem Inferno nur wenig Bedauern für das Schicksal der Dresdner wie auch die anderen Opfer der letzten Kriegswochen aufbrachten, wenn sie die Zerstörungen auch als „Befreiung“ von historischen „Fesseln“ begleiteten.

Offen bleibt dennoch, ob die Bombardierungen tatsächlich kriegsverkürzend wirkten, und damit trotz des außerordentlich hohen Preises auch als Erfolg der Alliierten gewertet werden dürfen. Taylor listet hier die Pro- und Contra-Argumente auf. Einerseits wurden die Militärindustrie geschwächt und Verkehrswege zerstört, andererseits trafen die Angriffe anstelle bedeutsamer Wehrmachtsquartiere die Flüchtlinge und Dresdner. Wohnquartiere und historische Bauten wurden großflächig dem Erdboden gleichgemacht, die Kasernen blieben stehen. So enthält sich Taylor eines endgültigen Urteils über die Rechtmäßigkeit des Angriffs.

Früh brandete ein harter Konflikt über das Ausmaß des Angriffs auf, der auch bei Taylor rezipiert wird. Mit dem Ausbruch des Kalten Kriegs warfen die neuen kommunistischen Machthaber in der DDR und damit auch in Dresden den Westmächten vor, der „Terrorangriff“ habe Hunderttausende Opfer gekostet – was in der Sprachwahl und bei der Überhöhung der Opferzahlen, tatsächlich fanden 25 000 bis 30 000 Menschen den Tod, fatal an die Goebbelsche Propaganda erinnerte. Erst nach der Friedlichen Revolution war dann ein unvoreingenommener Blick in die Archive möglich, der eine Studie wie die von Taylor gestattete.

Panorama eines Grauens

Dresdens Inferno 1945 gehört auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende noch immer zu den umstrittensten Themen. Zwar ist die weltberühmte Silhouette von „Elbflorenz“ weitgehend wiedererstanden, Semperoper, Frauenkirche und größtenteils auch Zwinger erstrahlen wieder in altem Glanz, auch hat Dresden in der Nachfolge der 1938 von den Nazis zerstörten Synagoge wieder eines der modernsten jüdischen Gotteshäuser der Republik, doch ranken sich noch immer Legenden um Phosphorbomben über der Stadt, den Einsatz von Tieffliegern, Verrat von Dresdnern und die Planungen eines Atombombeneinsatzes um den Angriff. Taylor setzt sich mit ihnen auseinander und entfaltet so das Panorama eines grauenhaften Schauspiels, das am 13. Februar 1945 seinen Höhepunkt fand, das sein Präludium aber in den Verfolgungen seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte.

Frederick Taylor, Dresden, 13. Februar 1945,
Pantheon-Verlag, 2008,
544 Seiten,
ISBN 978-3-570-55059-5, 14,95 EUR


Die Bildrechte liegen bei Alice Kavounas (Autorenporträt) und beim Pantheon-Verlag (Buchcover).


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2 Kommentare
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  1. Dem Titelbild des Buches nach zu urteilen ist es aus der Perspektive der Bomberpiloten geschrieben.

  2. Guten Tag!
    Als Kriegskind, das selbst schwere Bombenangriffe auf Berlin, Kassel und Halle/S. erlebt hat, habe ich mich unter dem Trauma dieses erlebten Elends bis dato sehr umfangreich um eine persönliche Aufhellung des Luftkrieges gegen das Deutsche Reich bemüht. Dabei bin ich immer wieder auf unsinnige, teils geschichtsverfälschende Klischees gestoßen. So ist ganz bestimmt die wirkliche Opferzahl der getöteten Menschen in Dresden mit zugegebenen 35.000 unsinnig, denn allein die registrierten Toten in und um den Hauptbahnhof herum belaufen sich schon auf diese mystische Zahl 35.000. Das ist aber im Grunde auch egal, die Zahgl der Toten, so schlimm auch, ist nicht relevant.

    Zur gleichen Zeit, als die Dresdner unter diesem unsinnigen, militärisch sicher nicht mehr notwendigen Luftschlag litten und starben, flogen deutsche V 1 und V 2 Flugkörper/Raketen nach Antwerpen und Lon- don, sangen die Deutschen ‘Bomben auf Engeland’ und wollten den ‘Totalen Krieg’ . Nun, den haben wir bekommen. Den Verbrechern in der Reichskanzlei war es doch schlussendlich egal. Im Gegenteli, der
    Angriff diente noch als perfide Propaganda gegen unsere damaligen Gegner. Die alliierten Flieger waren für die Nazis allesamt Mordpiraten und ähnliches, die deutschen Bomberpiloten hingegen Helden.

    Auch das Märchen, dass der Luftkrieg gegen Nazi-Deutschland den Krieg nicht um einen Tag verkürzt hat, ist eben solcher Unsinn. Bei dem Ausmaß der Zersörung an Hydrierwerken, Verkehrswesen, Werften, Industriebetrieben und militärischen Einrichtungen plus dem ständigen Druck auf die Bevölkerung, die
    durch den perfektionierten Lufkrieg in den Ballungsgebieten Tag und Nacht in Bunkern oder Kellern hockte und keinen Schlaf bekam, somit also ständige Übermüdung und geringere Arbeitsleistung, wurde der Krieg vermutlich um Jahre verkürzt. Wie gut, sonst hätten wir die erste Atombombe abbekommen.
    Freundlichen Gruß doe

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