Der Hausmeier von Camelot

31. Aug 2009 | von freier Autor | Kategorie: USA
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Edward M. Kennedy verstarb am 25. August in seinem Heimatstaat Massachusetts.

Edward M. Kennedy war das letzte Gesicht einer ungewöhnlichen Familie, ein Lebemann und Playboy. Ihn hatte sein Vater einst am wenigsten als Präsidenten vorgesehen. Und doch war er derjenige, der jahrzehntelang im Senat die Kärnerarbeit für einen umfassenden Gesundheitsschutz leistete und selbst posthum seinen politischen Gegnern noch einen Wink mit dem Zaunpfahl mit auf den Weg gab. Von Sebastian Schöbel

Nicht einmal im Tod hat Edward M. Kennedy aufgehört zu kämpfen. Als das Tageslicht auf dem Friedhof in Arlington schon fast verschwunden war, brüllte der verstorbene „Löwe des Senats“ noch einmal aus dem Jenseits. Am Grab verlas Kardinal Theodore McCarrick einen Brief von Kennedy, den er Präsident Obama im Juli für Papst Benedikt XVI. mitgegeben hatte. Darin erinnert der gläubige Katholik Kennedy den Pontifex gleich mehrfach an sein Engagement für eine allgemeine Krankenversicherung – was dem gut informierten Benedikt wohl nicht entgangen sein dürfte. So kann man den Brief getrost als Ted Kennedys letztes politisches Manöver verstehen, als Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der ehemaligen Kollegen auf dem Kapitol. Das letzte Kapitel in der politischen Schlacht um „National Health Care“ wird ohne ihn geschrieben werden – doch mit dieser Geste hat der letzte Standartenträger der Kennedys sein Banner ein letztes Mal tief in den Boden gerammt.

Der Letzte einer Dynastie

Es mag speziell für die Deutschen, die allem Polit-Pathos eher skeptisch gegenüberstehen, schwer zu verstehen sein, warum Ted Kennedys Tod in den USA so große Emotionen ausgelöst hat. Dabei lässt sich die Erklärung kaum in kalten Fakten finden, in historischen Details. Es ist nicht allein seine fehlende Stimme im Senat – auch ein in acht Wahlen bestätigter US-Senator kann und wird ersetzt werden. In der Obama-Ära fehlt es den Demokraten auch nicht an frischem Blut, an vielversprechendem Nachwuchs. Was jedoch fehlen wird, ist die real existierende Verkörperung einer der großartigsten Storys der amerikanischen Gesellschaft. Dieses Land lebt von seinen Mythen, Sagen und Legenden, in der die Träume eines ganzen Volkes von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wenige Geschichten in diesem Legenden-Kanon sind jedoch so mitreißend kraftvoll, so unendlich tragisch und so nah an den utopischen Vorstellungen Amerikas wie die Geschichte der vier Kennedy-Brüder.

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Die drei Kennedy-Brüder im Weißen Haus.

Joseph Patrick, John Fitzgerald, Robert Francis und nun Edward Moore: Vier Söhne, aus denen ihr ehrgeiziger Vater Präsidenten machen wollte. Der erste, Joseph jr., der vom Vater heißgeliebte „Kronprinz“, starb auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, bei einer Mission der Air Force, die er eigentlich gar nicht hätte antreten müssen – doch im vom Vater angeheizten Konkurrenzkampf der Geschwister fehlte dem Ältesten noch die Heldentat, mit der sich der jüngere Bruder John bereits brüsten konnte. Jener John Fitzgerald, ein fragiler Intellektueller, schaffte es dann ins Weiße Haus, und er ließ die Welt fast vier Jahre lang von einem besseren Amerika träumen. Im Interview mit dem Life Magazine schuf First Lady Jackie nach Johns Ermordung die Legende vom amerikanischen „Camelot“, ein direkter Vergleich mit dem sagenumwobenen Helden-König Artus.  Diesen Idealtypus des visionären und gerechten Anführers sollte danach Robert verkörpern, ein Revolutionär, der das Land wohl stärker verändert hätte, als es John F. Kennedy je vermocht hätte. 1968 wurde er im Wahlkampf erschossen, als sein Sieg zum Greifen nahe war.

Zu menschlich fürs Martyrium

So blieb nur Edward, der vierte Sohn. Er spielte in den hochtrabenden Plänen seines Vaters kaum eine Rolle und doch war am Ende er es, der die schrecklichen Verluste der Familie überstand, ein Mitglied nach dem anderen begrub, den „Clan“ zusammenhielt, und vermutlich den dauerhaftesten Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft hinterlässt -  in 46 Jahren Senatsarbeit hat der Neuengländer aus Massachusetts eine beeindruckende Liste von Gesetzen auf den Weg gebracht. Wenn seine drei Brüder vor allem für das Versprechen von einem besseren Amerika stehen, war Ted Kennedy die greifbarste, die realste Verkörperung dieses Ziels.

Doch Edward war kein Heiliger. Seine Fehler, von denen er viele hatte und machte, ließen nicht zu, dass er so entrückt glorifiziert werden konnte wie seine Brüder, speziell John. Auch Teddy hatte Affären, auch er war ein Playboy, doch was dem unwiderstehlichen JFK nie wirklich schaden konnte, war bei Teddy unverzeihlich. Der Tod von Mary Jo Kopechne, den er verschuldet hatte, und den er zunächst vertuschen wollte, verfolgte ihn bis an sein Lebensende, und er beendete vorzeitig jegliche Chancen auf das Präsidentenamt. Sei es sein Kampf mit dem Alkoholismus, die Scheidung von seiner ersten Ehefrau, ständige Gewichtsprobleme oder die schweren Erkrankungen seiner Söhne (Knochenkrebs und Asthma), Ted blieb der Nimbus der Perfektion, den seine Brüder gepachtet zu haben schienen, stets verwehrt. Er war ein „normaler“ Kennedy, und wenn er einen seiner vielen Kämpfe verlor, dann im gleißenden Licht der Öffentlichkeit. So passt auch die Einordnung, die Ted Sorensen, der Redenschreiber und wichtigste Berater von Präsident Kennedy, kürzlich vornahm: „Most people do not realize the extent to which he was, in the final analysis, a survivor.“

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John, Robert und Edward Kennedy (von links).

In den kommenden Wochen und Monaten wird noch vieles über Ted Kennedy gesagt und geschrieben werden, nicht zuletzt, weil für September seine Memoiren angekündigt sind. Getreu dem Motto, nicht schlecht über die Toten zu sprechen (dieses Moratorium wird schnell fallen), reflektierten die meisten Medien das Andenken Kennedys in einem durchweg positiven Licht.

John M. Broder von der New York Times fasste Kennedys Leben einen Tag nach dessen Tod in einem opulenten Artikel zusammen, mit dem Fazit: „He reluctantly and at times awkwardly carried the Kennedy standard, with all it implied and all it required. And yet, some scholars contend, he may have proved himself the most worthy.“ Beim „New Yorker“ erinnerte man sich an Kennedys Arbeit im Senat und in den diversen Artikeln aus dem Archiv des Magazins kann der geneigte Leser die wichtigsten Stationen noch einmal nachverfolgen, vom Wahlkampf gegen Jimmy Carter bis zum Parteitag der Demokraten 2008.

Marc Armbinder, Politik-Redakteur beim Magazin „The Atlantic“, erinnerte an Kennedys denkwürdigste Auftritte, wie die Grabrede für seinen Bruder Robert, und für Richard Lacayo vom „Time Magazine“ war Ted „the brother who mattered most“. Die Präsidentschaft, die viele zu Teds Lebzeiten für dessen Geburtsrecht gehalten hatten, habe er nie erreicht, doch seine legendäre Arbeit im Senat sei ein umso beständigeres Vermächtnis. Lacayo schließt mit einer wunderschönen Anekdote: „On the weekend of his Inauguration in 1961, John Kennedy gave Ted, the last born of the Kennedy siblings, an engraved cigarette box. It read, ‘And the last shall be first.’ That was almost 50 years ago. Neither of them knew then in just what ways that prophecy might turn out to be true.“

Dass er seine letzte Ruhestätte nur wenige Meter entfernt von seinen Brüdern John und Robert gefunden hat, ist nur konsequent, und dass sein Grabstein ein wenig abseits liegt, ist nur gerecht – selbst wenn dieser Umstand lediglich organisatorischen Umständen geschuldet sein mag. Der letztgeborene Sohn von Joseph Kennedy verdient es, allein zu ruhen, außerhalb des Schattens seiner berühmten Brüder.

Die Erfüllung eines Lebenstraums?

Polit-Strategen und Kommentatoren fragen nun, welche Auswirkung Kennedys Tod und der emotionale Abschied einer dankbaren Nation auf die aktuelle Debatte um eine flächendeckende Krankenversicherung haben werden. Er selbst hatte den Kongress im Bundeststaat Massachusetts um eine zügige Nachfolgeregelung gebeten – nicht zuletzt, weil seine Stimme dringend benötigt wird bei der zu erwartenden Abstimmung im Herbst. Wie wichtig Kennedy das Thema war, hat er nur wenige Wochen vor seinem Tod in einem Newsweek-Artikel dargelegt.

Nun hat Senator Robert C. Byrd den Gedanken angestoßen, das neue Versicherungsgesetz nach Kennedy zu benennen. Würde das passieren, könnte Ted am Ende etwas Boden auf JFK gut machen, und einen politischen Traum post mortem in die Tat umsetzen: 1964 unterzeichnete Präsident Johnson den Civil Rights Act im Gedenken an JFK; im Herbst könnte Präsident Obama den Gesundheitssektor reformieren, dann vielleicht mit dem „Edward Kennedy Universal Health Care Act“. Es wäre ein passender Schlusssatz für die Geschichte des letzten großen Kennedy.


Die Bildrechte liegen bei Wikimedia Commons.


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