Der Aufstieg des russischen Nationalismus

11. Jan 2009 | von freier Autor | Kategorie: Russland

flag-map_of_russiaXenophobie und Antiamerikanismus sind Bestandteile des täglichen russischen öffentlichen Diskurses geworden. Vor diesem Hintergrund gewinnen rechtsextreme Ideologen an Einfluss. Einzig die Wahl Dmitrij Medwedjews zum russischen Präsidenten verheißt Hoffnung auf eine Mäßigung der innenpolitischen Rhetorik und außenpolitischen Spannungen. Ein Gastbeitrag von Andreas Umland

Die Intervention Moskaus im Kaukasus vom August 2008 hat nochmals die wachsende Bedeutung nationalistischer Elemente in der Ideologie, öffentlichen Diskussion und außenpolitischen Doktrin Russlands deutlich gemacht. Mit weitgehender Zustimmung der russischen Bevölkerung ließ sich der Kreml auf ein militärisches Abenteuer ein, dessen Schaden für die Beziehungen Russlands zu seinen Partnern in Europa und Asien den Gewinn übersteigt, den Moskau aus der faktischen Annexion Südossetiens und Abchasiens zu ziehen vermag.

Grund für diese – aus zumindest westlicher Perspektive – offensichtliche Fehlkalkulation ist die Neustrukturierung des politischen Diskurses der letzten Jahre. Während Russlands Außenpolitik Ende der Achtziger bis Ende der Neunziger auf eine Annäherung an den Westen ausgerichtet war, bestimmen nun die demonstrative Abgrenzung und ein an Aggressivität gewinnender imperialer Ethnozentrismus das Denken der russischen Eliten.

Die Ursprünge des neuen russischen Nationalismus

Die Wurzeln des erstarkenden Nationalismus sind dreifacher Art: präsowjetisch, sowjetisch und postsowjetisch. Die Vorstellung von „Moskau als drittem Rom“, also von einer „russischen Mission“ in der Weltgeschichte, ist mehrere Jahrhunderte alt. Russischer Nationalismus war seit den 1930er Jahren – entgegen einem verbreiteten Glauben im Westen – ein wichtiges Element der Sowjetideologie.

Wie im frühen 19. Jahrhundert, als Moskaus Eliten slawophile Ideen der deutschen Romantik und Philosophie adaptierten, verwenden die heutigen nationalistischen Bewegungen trotz ihrer antiwestlichen Programme auch eine Vielzahl ideologischer Importe aus dem Westen, so etwa Ideen der deutschen „Konservativen Revolution“ und französischen „Nouvelle Droite“.

Ein weiterer Faktor, der das Aufleben nationalistischen Denkens begünstigt hat, ist die an sowjetischen Schulen und Universitäten vermittelte dualistische Weltsicht, die scharf zwischen „uns“ und „denen“ unterscheidet. Obwohl sich die Definitionen des „Wir“ und des „Anderen“ verändern mussten, haben einige sowjetische Stereotype, vor allem die USA betreffend, die Glasnost-Ära überdauert, und die Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdgruppen hat sich verstärkt.

Eine neue Sensibilisierung bezüglich rechtsextremer Tendenzen?

Angesichts der eskalierenden rassistischen Gewalt gegen Migranten und Minderheiten hat die öffentliche Diskussion nationalistischer Tendenzen in der russischen Gesellschaft heute einen neuen Höhepunkt erreicht. Die aktuelle Debatte weist Parallelen zu ähnlichen Erörterungen Mitte der 1990er Jahre auf.

Boris Nikolajewitsch Jelzin, von 1991 bis 1999 der erste Präsident Russlands
Boris Nikolajewitsch Jelzin, von 1991 bis 1999 der erste Präsident Russlands

Damals führten die Konfrontation zwischen Präsident Boris Jelzin und der so genannten „unversöhnlichen Opposition“, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Moskau im Oktober 1993, der Aufstieg Wladimir Shirinowskijs, das Auftauchen neonazistischer Parteien sowie der erste Tschetschenien-Krieg zu Warnungen vor einem „Weimarer Russland“. Wenngleich dieses Konstrukt in den letzen Jahren nur in wenigen Kommentaren bemüht wurde, ist die aktuelle Debatte teilweise von einem ähnlichen Alarmismus geprägt.

Nachdem die zunehmenden rechtsradikalen Tendenzen in der Parteienlandschaft und Jugendkultur von der russischen Öffentlichkeit lange Zeit ignoriert worden waren, werden sie mittlerweile zumindest teilweise zur Kenntnis genommen bzw. Gegenmaßnahmen debattiert. Russische Gerichte, bislang berüchtigt für ihr milde Rechtssprechung gegenüber Ultranationalisten, beugen sich zunehmend dem Druck der Öffentlichkeit bzw. Präsidialadministration und wenden den Fremdenfeindlichkeitsparagrafen des russischen Strafrechts häufiger an als in den 1990er Jahren.

Ebenfalls viel versprechende Entwicklungen waren die scharfen Reaktionen von Regierungsstellen auf eine fremdenfeindliche Kampagne der Parteienallianz Rodina (Heimat) im Vorfeld der Wahlen zum Moskauer Stadtparlament 2005 und verschiedene Maßnahmen gegen die oft tödlichen Naziskinhead-Angriffe gegen Immigranten und Gaststudenten. In den diesbezüglichen offiziellen Stellungnahmen werden häufig das „antifaschistische Erbe“ der Sowjetunion und die vorgeblich tief verwurzelte Aversion des russischen Volks gegen den Faschismus bemüht.

Ambivalente Reaktionen

Trotz solcher ermutigender Signale nehmen die vom Kreml kontrollierten Massenmedien eine insgesamt zwiespältige Haltung gegenüber rechtsradikalen Tendenzen ein. Wenngleich offener Antisemitismus und gewaltförmiger Rassismus häufig kritisiert und gebrandmarkt werden, sind xenophobe Denkmuster regelmäßiges Bestandteil der Auslandsberichterstattung und politischen Kommentare im Staatsfernsehen.

Neben den traditionellen antiwestlichen, antibaltischen, antiziganistischen und antipolnischen Reflexen, wird dies in zunehmendem Maße an Vorurteilen gegenüber Ukrainern, Kaukasiern, zuletzt insbesondere Geogiern deutlich. Platz eins unter den von den staatlich kontrollierten Massenmedien projizierten „Feinden Russlands“ halten die USA. Ein primitiver und abgrundtiefer Antiamerikanismus wird allwöchentlich in einflussreichen TV-Politshows wie Odnako („Dennoch“, moderiert von Michail Leontjew), Realnaja politika („Realpolitik“, Gleb Pawlowskij) oder Post Scriptum (Moderator: Alexej Puschkow) propagiert.

Der Antiamerikanismus wird zum außenpolitischen Paradigma, in welchem die USA für den Großteil der Missgeschicke und Fehlschläge der jüngeren Geschichte Russlands, ja der gesamten Welt verantwortlich gemacht werden. Die US-amerikanische Gesellschaft mutiert zum „negativen Anderen“ der russischen Kultur: Die Amerikaner sind, was die Russen nicht sind, und die Russen sind das Gegenteil von Amerikanern.

Paradoxien der Putinschen Propagandapolitik

Von 2000 bis 2008 war er Präsident Russlands, seit Mai 2008 ist er Ministerpräsident.
Von 2000 bis 2008 war er Präsident Russlands, seit Mai 2008 ist er Ministerpräsident.

Merkwürdigerweise ist Deutschland – als jenes Land, das Russland in der jüngeren Geschichte den größten Schaden zugefügt hat – meist von dieser paranoiden Wahrnehmung der Welt ausgenommen. Dies hängt offenbar nicht zuletzt mit den besonderen Präferenzen Putins zusammen und ist eine Sichtweise, die durch die unorthodoxe Russland-Politik von Ex-Kanzler Gerhard Schröders begünstigt wurde.

Darüber hinaus sind der Regierung nahe stehende, ultranationalistische Gruppen, trotz zunehmender öffentlicher Kritik am Rechtsextremismus als solchem, von den Verunglimpfungskampagnen des Kremls ausgenommen. Dies gilt etwa für Shirinowskijs so genannte Liberal-Demokratische Partei – obwohl viele Äußerungen Shirinowskijs und seines Anhangs ähnlich Xenophobie in der Bevölkerung schüren, wie die vom Staat verfolgten Gruppierungen.

In seinem notorischen Pamphlet Der letzte Sprung nach Süden von 1993 macht der studierte Turkologe Shirinowskij die „Südler“ (d.h. vor allem das muslimisch geprägte Asien) für die meisten historischen und aktuellen Probleme Russlands verantwortlich und schlägt die Einverleibung der Türkei, des Irans und Afghanistans in ein neu zu errichtendes russisches Imperium vor. Ungeachtet dieser und vieler anderer Entgleisungen wurde Shirinowskij von Putin persönlich der „Orden für die Verdienste um das Vaterland“ 4. Grades verliehen.

Die politische Funktion der Putinschen Paranoia

Hauptgrund für den uneindeutigen Umgang der russischen Führung mit dem Ultranationalismus scheint zu sein, dass die „Politiktechnologen“ des Kremls in der Manipulation nationalistischer Tendenzen ein Instrument zur Steuerung des allgemeinen politischen Diskurses in Russland gefunden haben. In der „Schönen Neuen Welt“ des Kremls stehen Putin und sein Anhang nicht im Wettkampf mit alternativen politischen Programmen oder Parteien. Die Gegenpole zur aktuellen Regierung bilden nicht Sozialisten, Liberale oder andere politische Bewegungen.

Vielmehr wird die russische Führung tschetschenischen Terroristen, estnischen Faschisten, georgischen Russlandhassern, ukrainischen Neonazis, US-amerikanischen Imperialisten und westlichen Verschwörern allgemein entgegengestellt – also einer Vielzahl von Gruppierungen, die danach trachten Russland zu zerstören, aufzuteilen oder zumindest zu demütigen.

In einer derart aufgepeitschten Atmosphäre erscheint es nur logisch, dass Gegner von Putins Kurs nicht als legitime oder gar nützliche politische Opposition anerkannt werden. Stattdessen werden sie als „Fünfte Kolonne“ des Westens gebrandmarkt, welche, in Putins Worten, „die Botschaften fremder Staaten wie Schakale umschleichen“.

So hat der Kreml leichtes Spiel: Wenn die Regierung damit beschäftigt ist, die Integrität und Würde des Landes zu verteidigen, müssen demokratische Feinheiten wie unabhängige Massenmedien, pluralistische öffentliche Debatten oder faire Konkurrenz der politischen Parteien zurückstehen. Anstatt darüber zu debattieren, welche die beste wirtschafts- und sozialpolitische Zukunftsstrategie für Russland sein könnte, suchen politische Diskutanten nach Vorwänden, ihre Opponenten zu Feinden des russischen Staates und Volkes abzustempeln.

Verirrungen der Intelligenzija

Neben derlei Tendenzen in der breiteren Öffentlichkeit sind ähnlich widersprüchliche Entwicklungen im Diskurs der Eliten und politischen Experten zu beobachten. Auf der einen Seite treibt die politische Führung die Integration Russlands in westliche Organisationen wie die G8 oder Welthandelsorganisation (WTO) voran. Andererseits sind politische Debatten unter Intellektuellen von einem immer stärker werdenden antiwestlichen Grundkonsens geprägt, der sich oft als „eurasisch“ versteht und dessen Essenz in der Annahme besteht, dass Russland „anders“ als die USA sei und die Rolle ihres natürlichen Gegenparts auf der Weltbühne spiele.

Der russische Buchmarkt wird von politischen Schmähschriften überflutet, die durch pathologischen Antiamerikanismus, absurde Verschwörungstheorien, apokalyptische Zukunftsvisionen und bizarre Wiedergeburtsfantasien gekennzeichnet sind. Unter den mehr oder weniger breit rezipierten Autoren solcher Gebräue finden sich Sergej Kurginijan, Igor Scharafewitsch, Oleg Platonow, Maxim Kalaschnikow (alias Wladimir Kutscherenko) und Sergej Kara-Mursa.

Ein Hauptunterschied zwischen Nationalismen russischer und westlicher Spielart ist vor diesem Hintergrund, dass sich der intellektuelle und politische Mainstream der Staaten des heutigen Westens für gewöhnlich mehr oder weniger deutlich von den jeweiligen – teilweise ebenfalls starken – ultranationalistischen Bewegungen distanziert. Obwohl sich auch der russische Mainstream mit der Verurteilung rassistischer Gewalt beeilt, bleibt sein Verhältnis zum Weltbild, das hinter diesen Taten steht, uneindeutig.

So nehmen Autoren mit für westliche Verhältnisse indiskutablen Positionen, wie etwa der ultra-nationalistische Publizist Alexander Prochanow, in Russland problemlos an politischen und intellektuellen Debatten zur besten Sendezeit teil. Die bizarren pseudowissenschaftlichen Gedanken des verstorbenen neorassistischen Gelehrten Lew Gumiljow sind Pflichtlektüre an Russlands mittleren und höheren Schulen. Gumiljow lehrt unter anderem, dass die Weltgeschichte vom Aufstieg und Fall von als „natürlich“ begriffener Ethnien bestimmt wird – ein Prozess, welcher wiederum, so vermutet Gumiljow, von durch „kosmische Strahlung“ induzierten „biologischen“ Impulsen (Mikromutationen) hervorgerufen wird.

Dugins kryptofaschistischer „Neoeurasismus“

Alexander Dugin ist der shooting star der russischen Neuen Rechten.
Alexander Dugin ist der shooting star der russischen Neuen Rechten.

Der wahrscheinlich bekannteste Autor und Kommentator dieser Provenienz ist Alexander Dugin (Jahrgang 1962). Dugin wurde von einer obskuren Provinzhochschule mit einem Doktortitel in Politikwissenschaft ausgestattet und 2008 von der berühmten Moskauer Lomonossow-Universität zum Professor berufen. Er ist Chefideologe sowie Vorsitzender der so genannten „Internationalen Eurasischen Bewegung“, zu deren Vorstandsmitgliedern neben dem ehemaligen Kulturminister der russischen Föderation Alexander Solokow und dem Vizesprecher des Föderationsrats Alexander Torschin eine ganze Reihe mehr oder minder bedeutender Persönlichkeiten gehören, darunter russische Diplomaten, westliche Intellektuelle und Politiker aus der GUS.

Die wachsende Präsenz Dugins im russischen öffentlichen Leben ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass der führende „Neo-Eurasier“ nicht nur zu den dreistesten ultra-nationalistischen Publizisten zählt: Während oben erwähnte Autoren wie Kurginijan oder Kara-Mursa in ihren Pamphleten die Verbreitung klassischer russischer anti-westlicher Ressentiments betreiben und sich dabei nur subtil westlicher Quellen bedienen, gesteht Dugin öffentlich ein, dass seine Hauptgedanken auf nichtrussischen antidemokratischen Konzepten basieren.

Dazu gehören diverse Schriften integraler Traditionalisten (René Guénon, Julius Evola, Claudio Mutti etc.), westlicher Geopolitiker (Alfred Mahan, Halford Mackinder, Karl Haushofer u.a.), deutscher „konservativer Revolutionäre“ (Carl Schmitt, Ernst Jünger, Arthur Moeller van den Bruck etc.) sowie frankophoner Neuer Rechter (Alain de Benoist, Robert Steuckers, Jean Thiriart).

Daneben ließ Dugin in den 1990ern wiederholt Sympathien für ausgewählte Aspekte des italienischen Faschismus und des Nationalsozialismus, beispielsweise für die SS und ihre „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, erkennen und beschrieb das Dritte Reich als bisher konsistentesten Versuch, den von ihm propagierten „Dritten Weg“ zu implementieren.

„Eurasien“ contra „Atlantis“

Im Kapitel „Faschismus – grenzenlos und rot“ der Online-Version seines 1997 erschienen Buchs Tampliery proletariata (Die Tempelritter des Proletariats) verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass die halbherzige Umsetzung der ursprünglich richtigen Ideen Hitlers, Mussolinis u.a. durch den Aufstieg eines „faschistischen Faschismus“ im postsowjetischen Russland korrigiert wird. In Dugins apokalyptischem Geschichtsbild ist die Weltgeschichte von einem Jahrtausende währenden Konflikt zwischen einer hierarchisch organisierten „eurasischen“ kontinentalen Zivilisation und den liberalen „Atlantikern“ bestimmt.

Heute werde diese Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA als Repräsentanten der beiden antagonistischen Kulturen ausgetragen, und der „Endkampf“ in dieser Schlacht stehe bevor (Dugin nutzt das deutsche Wort mit NS-Konnotation, ohne es zu übersetzen).

Man würde erwarten, dass Dugin und andere Autoren radikal rechter Provenienz eine ähnliche öffentliche Stigmatisierung zu Teil wird wie den Neonazi-Parteien und Skinhead-Gruppen. Dies ist jedoch bisher nicht der Fall. Im Gegenteil: Dugin und seinesgleichen sind häufige Gäste in Primetime-Politshows wie Wremena („Zeiten“, moderiert von Wladimir Posner), Tem wremenjem („Inzwischen“, Alexander Archangelskij), Wokresnyj Wetscher („Sonntag Abend“) oder K Barjeru („An die Barriere“, Wladimir Solowjow). Manchmal werden Dugin und Co. gar in populäre Talkshows wie Pust goworjat („Lasst sie sprechen“, moderiert von Andrej Malachow) eingeladen.

Das postsowjetische Faschismuskonzept

Der Moskauer Kreml: Ehemals Residenz der russischen Zaren und heute Residenz des russischen Präsidenten
Ehemals Residenz der russischen Zaren und heute Residenz des russischen Präsidenten

Die Tatsache, dass Dugin bis dato von den Kreml-kontrollierten Medien verschont wurde, hat nicht nur etwas mit seiner jüngsten Selbststilisierung als „radikaler Zentrist“ und fanatischer Unterstützer Putins oder mit seiner Fähigkeit, die Sympathien der russischen politischen Nomenklatur auf sich zu vereinen, zu tun. Er hat es bisher auch vermocht, Faschismus-Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, indem er seine Schriften und sein öffentliches Image dem von der sowjetischen Propaganda übernommenen verzerrten Faschismus-Konzept angepasst hat.

Im postsowjetischen Diskurs wird Faschismus meist dem deutschen Nationalsozialismus und seinen Symbolen, wie Hakenkreuz und Hitlergruß, gleichgesetzt. Teilweise geht man so weit, den Begriff Faschismus auf alle als anti-russisch identifizierten Ideen anzuwenden. So wird der Terminus paradoxerweise zu einem rhetorischen Instrument xenophober Agitationskampagnen russischer Ultranationalisten. Wie das Beispiel Dugin illustriert, reicht es – vor dem Hintergrund des eigenartigen Faschismusverständnisses im postsowjetischen Russland – aus, sich rhetorisch von den größten Verbrechen Hitler-Deutschlands zu distanzieren und von der Verwendung offenkundiger Nazi-Symbole abzusehen, um eine öffentliche Stigmatisierung als Faschist zu vermeiden.

Dies würde zumindest erklären, warum einerseits neonazistische Organisationen wie die Russische Nationale Einheit Alexander Barkaschows oder Skinhead-Gruppen lautstark von der Regierung verfolgt werden, während andererseits ultra-nationalistische Autoren, deren Rhetorik ähnlich radikal ist, nicht nur toleriert werden, sondern ungehinderten Zugang zu öffentlichen Plattformen genießen und teilweise eine aktive Rolle in den PR-Projekten der „Polittechnologen“ des Kremls spielen.

1984 – Déjà vu

Ein weiterer begünstigender Faktor für Dugin und vergleichbare Publizisten ist die Rückkehr der russischen Führung zu quasi-Orwellschen Formen der Organisation öffentlicher Debatten. Die regierungsgesteuerte politische Berichterstattung in den Massenmedien ist zu einer Aneinanderreihung von nationalpatriotischen Events geworden, in denen internationale Ereignisse jedweder Art – ein Gipfeltreffen zwischen Russland und China, der Auftritt russischer Athleten bei Sportwettkämpfen, die „Orange Revolution“ oder der Auslandserfolg eines russischen Fantasyfilms – zum kollektiven Triumph respektive geteilter Demütigung der russischen Nation und ihrer getreuen Führung zugespitzt werden.

Oberflächliche und emotionale öffentliche Debatten, die mitunter in bizarren Schreiwettkämpfen unter Teilnehmern von Fernsehshows enden, ersetzen seriöse Analysen. Politische Kommentare sind auf das „Hier und Jetzt“ fixiert, was im Fall Dugins dazu beigetragen haben dürfte, dass dessen profaschistische Äußerungen aus den 1990ern in Vergessenheit geraten sind. Die gebetsmühlenartige Verunglimpfung des Westens, welche die russische Auslandsberichterstattung seit Jahren begleitet, erweitert das Spielfeld für anti-westliche Agitation und fördert damit die Verbreitung der Ideen von neofaschistischen Theoretikern wie Dugin.

Die Russische Föderation am Scheideweg

Wird die neugewonnene russische Sensibilisierung bezüglich ultranationalistischer Tendenzen zu einer nachhaltigen Rückbesinnung auf tolerante und liberale Aspekte in der politischen Tradition Russlands führen? Oder ist die jüngste Entwicklung wenig mehr als eine Episode in Moskaus wechselhaften Medienkampagnen?

Zwei gegenläufige Trends lassen sich identifizieren – ein ideologischer und ein pragmatischer – deren Kollision ein gewisses Maß an Kontroverse in den ansonsten langweiligen öffentlichen Debatten Russlands wiederhergestellt hat. Einerseits erfüllt die von Putins nationalistischer Gefolgschaft eingeführte dualistische Weltsicht – der Kampf der einfachen, aber ehrlichen Russen gegen den verschlagenen, seelenlosen und imperialistischen Westen – eine wichtige Funktion für die Legitimation des „harten“ Kurses des „wiedererstehenden“ Russlands.

Die offiziell geförderte Paranoia öffnet jedoch gleichzeitig Tür und Tor für radikale Schlussfolgerungen. Vor dem Hintergrund der Darstellung der USA als einer Art Antithese zur russischen Kultur überrascht nicht, wenn jugendliche Schlägerbanden auf ihre Weise eine „Amerikanisierung“ der russischen Gesellschaft zu verhindern suchen. Der dadurch angerichtete Schaden für das internationale Image Russlands wiederum steht im Widerspruch zu dem ebenfalls starken Verlangen des Landes nach Respekt auf internationaler Ebene, nach Partnerschaft mit vielen asiatischen und europäischen Ländern sowie nach einem gebührenden Platz in der „zivilisierten Welt“ – so der in Russland gängige Begriff für die Gemeinschaft der ökonomisch hoch entwickelten demokratischen Staaten in Ost und West.

Der ausufernde Nationalismus hat bereits für einen schlechten Ruf der Russischen Föderation als internationaler Studienort gesorgt, werden in russischen Universitätsstädten doch regelmäßig Studierende mit dunkler Hautfarbe verprügelt – nicht selten mit tödlichem Ausgang. Bei den Versuchen der Regierung, die wachsende Welle der Gewalt aufzuhalten, beschäftigen sich die verantwortlichen Ministerialbeamten mit der Bekämpfung von Symptomen. Um das Problem bei der Wurzel anzupacken, müsste sich die gesamte Logik des russischen politischen Diskurses ändern – etwas, das selbst ein wohlmeinender Ministerialbürokrat kaum zu beeinflussen vermag.

Russische Zukunfts-Szenarien

Eine in diesem Zusammenhang verbreitete Sorge unter westlichen und russischen Analysten angesichts des sich ausbreitenden russischen Nationalismus ist, dass der Kreml die Kontrolle über den von ihm aus der Flasche gelassenen Geist verlieren könnte – oder gar bereits verloren hat. Der russische Nationalismus könnte den Zynikern in der russischen Regierung über den Kopf wachsen und sich von einem „polittechnologischen“ Instrument in eine unkontrollierbare soziale Kraft verwandeln.

Für den Fall, dass sich die „Nationalisierung“ der russischen Politik der letzten acht Jahre in der Zukunft fortsetzen wird, würden wir nicht nur Zeugen eines zweiten Kalten Krieges werden. Auch wenn gegenwärtig nicht zu erwarten ist, dass Russland zu einem faschistischen Staat, wie im „Weimar-Russland“-Konzept angedeutet, wird – dass die russische Gesellschaft in näherer Zukunft toleranter wird, scheint ebenso unwahrscheinlich. Extrapoliert man die gegenwärtigen Tendenzen in die Zukunft, könnte sich die Russische Föderation zu einem neuen Apartheidstaat entwickeln, in welchem – zumindest inoffiziell – zwischen Fremden bzw. nichtslawischen Bürgern einerseits und der weißen russischen Bevölkerung andererseits getrennt wird.

Dies ist um so brisanter, als die Kreml-Führung Einwanderung großen Umfangs als Weg anzusehen scheint, die rapide schwindende Population der Russischen Föderation aufzufüllen – was zu neuen, potentiell explosiven Spannungen führen würde. Widersprüchlich ist auch, dass der fanatische Antiamerikanismus und die proiranischen Positionen Dugins und anderer ähnlicher kremlnaher Publizisten einigen sicherheitspolitischer Interessen Moskaus und der Bestrebungen der russischen Führung nach einer dauerhaften Vollmitgliedschaft in der internationalen Anti-Terror-Koalition entgegenstehen.

Medwedjew als Chance zum Neuanfang

Mit Blick auf diese und andere Herausforderungen gewinnt die – zumindest teilweise – Aufteilung politischer Macht nach der Wahl Dmitrij Medwedjews zum russischen Präsidenten und Wladimir Putins zum Ministerpräsidenten an Bedeutung. Es wird interessant sein zu beobachten, welche der beiden konträren Tendenzen – der antiwestliche Nationalismus oder das Bestreben nach Integration in internationale Netzwerke – die Oberhand gewinnen wird.

Der Aufstieg des als liberal geltenden Juristen Medwjedews verheißt die Hoffnung, dass die reformerischen und prowestlichen Sektionen in der russischen Elite im Präsidentenamt einen institutionellen Rückhalt finden. Idealerweise würde dies dazu führen, dass der politische und journalistische Diskurs wieder moderater und selbstkritischer wird. Wenn es Medwedjew gelingen sollte, die In- und Auslandsberichterstattung sowie Kommentare politischer Ereignisse in den Massenmedien zu öffnen, wäre ein Stimmungswandel, wie er sich schon einmal in der Sowjetunion der späten 1980ern vollzog, nicht ausgeschlossen.

Dies könnte zu einer Entlarvung des faschistischen oder zumindest ultranationalistischen Charakters der Ideologien solcher inzwischen einflussreichen radikal antiwestlicher Politikinterpreten wie Dugin führen und würde eine neuerliche Annäherung an den Westen befördern. In einem Best-Case-Szenario könnte solch eine Entwicklung eine Eigendynamik entwickeln, die zu einer umfassenden Redemokratisierung Russlands führt.

Der Autor lehrt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist Herausgeber der Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics and Society“ sowie Mitherausgeber der Zeitschriften „Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte„ und „Forum novejšej vostočnoevropejskoj istorii i kul’tury„, außerdem ist er als Administrator der Webseite „Russian Nationalism“ tätig.


Die Bildrechte sind gemeinfrei oder stehen unter Creative Commens Licence (Moskauer Kreml, Jelzin, Putin von www.kremlin.ru)

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4 Kommentare
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  1. Interessant. Aber das ist das Problem beim Schach: Das Leben und die Entwicklungen sind komplzierter,
    Ich melde mich bei Ihnen, im Augenblick halte ich es für eine gute Idee,d as an die amerikanische
    Botschaft zu schicken.

  2. Ich bin russischer Abstammung und sehe eine Entwicklung zu einer traditionell-nationalen russischen Politik gerne, die sich auf die drei Russischen Prinzipien “Selbstherrschaft(russische Monarchie auf gynokratischer Grundlage mit einer Frau als Staatsoberhaupt, die ihre Erbfolge nur auf eine ihrer Töchter vererbt, da das religiöse Oberhaupt der russischen Kirche nur ein Mann sein kann), Nationalbewußtsein(auf die wahren Werte des russischen Volkes begründet) und der Rechtgläubigkeit (die nur die russische rechtgläubige

  3. Ich sehe im russischen Nationalismus eine Gelegenheit, daß in Rußland eine gynokratische Monarchie entsteht, in der die Thronfolge von der Imperatorin auf eine ihrer Töchter vererbt wird. Rußland ist nach dem oströmisch-byzantischen Erbe zu einem Staat geworden, in dem nur eine erbliche Monarchie zum Glück des russischen Volkes dienen kann. Daß nur ein Frau das Amt des Staatsoberhauptes in erblicher Folge in Rußland übernehmen und vom Patriarch gekrönt werden kann, ist das russische Prinzip, da auch die Mutter Heimat eine Frau ist und nur die russische Mutter die lebensspendende Kraft des russischen Volkes ist und das russische Volk fortpflanzt. Außerdem bietet eine russische Imperatorin neben dem religiösen Oberhaupt des russischen Volkes, dem Patriarchen, die Gewähr, daß die drei Prinzipien der Russischen Nation Selbstherrschaft, Nationale Integrität des russischen Volkes, Rechtgläubigkeit (der Glaube an die russische Kjrche) bewahrt werden.

  4. Außerdem muß auch im ruhmreichen russischen Volk der Gedanke eingeprägt weren, daß der Buddhismus Quatsch ist und der ständige Besuch der buddhistischen Pagoden und die pseudoartigen Belehrungen der buddhistischen Mönche und Lamas nur den Verstand verwirren.

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