Der andere Irak – Ein Reisebericht

09. Jan 2009 | von Raphael Thelen | Kategorie: Internationale Politik
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Wirtschaftliche Rückstandigkeit und Neuaufbruch in Erbil, der kurdischen Hauptstadt

‚The Other Iraq’, unter diesem Slogan bewirbt die Kurdische National Regierung derzeit den Norden Iraks und versucht Touristen und Investoren in einen Teil der Welt zu locken, mit dem die meisten nur Bomben, Tod und Terror verbinden. Ein Reisebericht durch das irakische Kurdistan von Raphael Thelen

Mit einer Werbekampagne sollen Touristen und Investoren angelockt werden

Mit einem eigenen Internetauftritt und Fernsehwerbespotts präsentiert die Kampagne den Norden des Iraks als sichere Küste in einem Meer aus Antiamerikanismus, Gewalttätigkeit und Stagnation.
Die Werbespotts mit Titeln wie „Thank You“, „The Other Iraq“ und „Share the Dream“ sprechen von einem Land, in dem Amerikaner mit offenen Armen begrüßt werden, eine demokratische Regierung mit Hilfe einer wohlausgebildeten Armee für eine sichere Umgebung für Touristen sorgt und der wirtschaftliche Aufschwung in vollem Gange ist. Und tatsächlich, die großen Gewinner der amerikanischen Invasion im Irak im Jahr 2003 sind die Kurden.

Die amerikanische Invasion verhalf den Kurden zur Autonomie

Bereits 1991 nach dem zweiten Golfkrieg stellten die USA die kurdischen Gebiete des Irak unter ihren Schutz, nachdem der frühere irakische Diktator Saddam Hussein, im Zuge seiner „Anfal“ – Kampagne, Hunderttausende Kurden töten ließ und Millionen in den zerklüfteten Bergen Schutz suchen mussten.

Die Kurden nutzten ihre neu gewonnne Freiheit und begannen eigene staatliche Strukturen auszubilden und ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen. Doch die wirtschaftlichen Sanktionen, die dem Irak nach der Invasion Kuwaits auferlegt worden waren trafen auch die kurdischen Gebiete, und die Entwicklung ging langsamer voran, als die Bevölkerung sich es gewünscht hätte. Die amerikanische Invasion 2003 brachte dann die lang ersehnte Freiheit, Selbstbestimmung und wirtschaftliche Möglichkeiten, auf die das öl- und wasserreiche Gebiet lange gewartet hatte.

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Die Altstadt von Erbil

Kurden unterstützen die Invasionstruppen

Die inoffiziellen kurdischen Milizen halfen den Koalitionstruppen dabei, die Kontrolle über den Norden zu gewinnen und stellten einen geschützten Rückzugsraum für die Invasionstruppen bereit. Als Lohn für ihre Loyalität setzten sich die Amerikaner in den folgenden Jahren umfassend für die Kurden ein, welche im Gegenzug eine weitgehende, offiziell verfasste Autonomie erhielten. Den Kurden erschien von nun an alles möglich, viele träumten und träumen gar von einem unabhängigem Staat Kurdistan.

Dieser überwältigende Wunsch nach Unabhängigkeit wird jeden Besucher gleich nach der Einreise über die Türkei deutlich, nicht nur weht die sonnenverzierte kurdische Fahne über allen offiziellen Stellen, auch der Stempel im Pass kündet voller Stolz von Autonomie: „Republic of Iraq – Kurdistan Region“.

Insgesamt ist der Grenzübertritt für regionale Verhältnisse überraschend unkompliziert. Nach nur 45 Minuten und zwei kurzen, freundlich korrekten Befragungen über Zweck des Aufenthalts steht man mit beiden Beinen auf dem Boden eines der offiziell gefährlichsten Länder dieser Welt. Doch das schlechte Image täuscht. Man begegnet viel mehr einem allgemeinen geschäftigen Treiben, und wundert sich wo die Leute ihre Sicherheit hernehmen. Die Antwort ist Peshmerga.

Kurdische Truppen sorgen für Sicherheit in den nördlichen Provinzen

Die Peshmerga („Die dem Tod ins Auge sehenden“) formierten sich während dem Untergang des Osmanischen Reichs, und verstanden sich als Kämpfer für ein unabhängiges Kurdistan. Trotz der oftmals umfassenden Versuche sukzessiver Regime den Widerstand der Kurden zu brechen, gelang es ihnen stets die schwerzugänglichen Berge Kurdistans zu ihrem Vorteil einzusetzen um Widerstand zu leisten oder ihr bloßes Überleben zu sichern.

Während der US-Invasion wurde die Truppe aufgerüstet und in „Regionalgarde“ umbenannt und ist inzwischen alleinig für die Sicherheit der Provinzen zuständig. Mit unzähligen Checkpoints entlang der Landstraßen und an den Dorf- und Stadteingängen sorgen sie dafür, dass die Gewalt aus benachbarten Städten wie Mosul und Kirkuk nicht überschwappt.

Das sie diesen Job erfolgreich verrichten, lässt sich daran erkennen, dass man sich heutzutage problemlos Dörfer wie das biblische Nineveh besuchen kann, ohne auch nur das geringste Gefühl von äußerer Bedrohung zu verspüren, während im 20 Kilometer entfernten Mosul ein Kopfgeld von 5.000 US-Dollar auf jeden Ausländer ausgesetzt ist, und die Überlebenszeit für Ortsfremde auf eine Stunde angesetzt wird.

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Großmoschee in Erbil

Besucher erwartet ein warmer Empfang

Doch solche Gedanken lassen sich schnell vergessen, wenn man ein paar Tage in den Dörfern und Städten verbringt und sich auf die kurdische Kultur einlässt. Selbst für Reisende mit Erfahrung im Nahen Osten ist die entgegengebrachte Freundlichkeit und Gastfreundschaft überwältigend.

Ist man aus vielen touristischeren Ländern der Region gewohnt ein gesundes Misstrauen zu haben, da man sich als Ausländer oftmals mit überhöhten Preisen und verdeckten Verkaufsgesprächen konfrontiert sieht, begegnet man dort oftmals dem genauen Gegenteil. Einladungen zum Mittagsessen mit einer Familie, Weigerungen von Taxifahrern Geld von den „Gästen“ anzunehmen und unaufdringliche Neugierde von jeder Person die man trifft, verblüffen immer wieder aufs Neue.

Verblüffend sind auch die umfassenden Investitionen in Infrastruktur und bauliche Großprojekte, welche vor allem rund um die Hauptstadt Erbil entstehen. Es scheint als würden die Kurden versuchen die verlorenen Jahre der letzten Jahrzehnte aufholen zu wollen.

Konflikt um Kirkuk – Bedrohung für eine friedliche Zukunft?

Doch in der geographischen Lage ohne Meereszugang und umgeben von Staaten, welche auf Grund ihrer eigenen unterdrückten kurdischen Minderheiten alles tun, um eine kurdische Autonomie zu verhindern verheißt die Zukunft nichts Gutes.

Schon jetzt droht der Konflikt zwischen der erstarkenden Zentralregierung und der kurdischen Autonomieverwaltung über die Verwaltungshoheit der ölreichen Stadt Kirkuk militärisch zu eskalieren. Und mit dem baldigen Abzug der Amerikaner wird sich vielleicht ein altes kurdisches Sprichwort ein weiteres Mal bewahrheiten: „Keine Freunde, außer den Bergen“.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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