Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands – Teil 2

10. Mrz 2009 | von freier Autor | Kategorie: Russland
Panarins Schriften werden noch heute an russischen Hochschulen gelesen.
Panarins Schriften werden noch heute an russischen Hochschulen gelesen.

Der so genannte „neoeurasische“ Ansatz in der Geopolitik ist zu einem weltanschaulichen Paradigma für viele russische Intellektuelle geworden. Auch wenn die antiwestlichen Theorien der „Neoeurasier“ abstrus klingen, stoßen sie in der russischen Öffentlichkeit immer häufiger auf Gehör. Von Andreas Umland

Eine andere Form von „Neoeurasismus” vertrat der Moskauer politische und Kulturphilosoph Aleksandr Panarin (1940-2003), dessen Einfluss auf das intellektuelle Leben Russlands womöglich weniger profund ist, als derjenige Gumilëvs, der jedoch ebenfalls eine Reihe teils preisgekrönter Schriften hinterließ, welche zumindest zu seinen Lebzeiten eine breite Leserschaft hatten und bis heute als Lehrbücher an vielen russischen Hochschulen verwendet werden. Panarin hatte, ähnlich Gumilëv, zu Sowjetzeiten Schwierigkeiten, eine akademische Karriere zu machen und erlangte erst in den 1990ern zunehmenden Bekanntheitsgrad. Panarins postsowjetische ideologische Evolution begann mit einer eher prowestlichen Position, die sich bis zu seinem Tod jedoch prinzipiell wandelte und schließlich zu seinem Eintritt in den Politischen Rat von Aleksandr Dugins rechtsextremer „Eurasien”-Partei 2002 führte.

Während Gumilëv sich von den klassischen Eurasiern durch seine Hinwendung zum Biologismus entfernte, geht bei Panarin die Rolle der Geographie als Bestimmungsfaktor für die Formierung der eurasischen Zivilisation sowie als Begründung des Eurasismus weitgehend verloren. Vielmehr verbleibt Panarin, im Gegensatz sowohl zu den klassischen Eurasiern als auch Gumilëv, im geisteswissenschaftlichen Bereich und wird zum Mitbegründer der postsowjetischen Zivilisationenkunde und Kulturologie – neue russische akademische Disziplinen, welche häufig in pseudowissenchaftliche Apologetik für nationale Stereotypenbildung ausarten. Panarin vertritt keinen geographischen Determinismus oder Rassismus, sondern einen radikalen Kulturrelativismus, womit er sowohl einigen westlichen konservativen Denkern nahe kommt als auch spezifisch russische Denktraditionen – etwa diejenigen des Slavophilentums – fortsetzt.

Die von Panarin in seinem letzten Lebensjahrzehnt entwickelte Ideologie erscheint daher als wenig mehr denn eine an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts angepasste Neuauflage des klassischen nativistischen Denkens Russlands im 19. Jahrhundert mit seinem antiwestlerischen Idealismus und traditionalistischen Fundamentalismus sowie seinen antisemitischen Konsequenzen. Panarin erzählt in seinen Werken von neuem die Mär vom anti-materialistischen Sonderweg Russlands in die – nunmehr Post- – Moderne sowie von der Schädlichkeit des westlichen Modells für die Menschheit insgesamt und die russische Nation im Besonderen. Die biologistischen Spekulationen Gumilëvs oder der konspirologische Mystizismus Dugins (siehe unten) stellen teilweise unterhaltsame Literatur dar. Dagegen sind Panarins Pamphlete meist schwere Kost, welche Lesern, die mit dem Stereotypenarsenal des heutigen radikalen Antiamerikanismus vertraut sind, nur wenig Neues bieten.

Die Eurasier und Atlantiker im „Endkampf“

Alexander Dugin mischt etablierte Erkenntnisse mit Verschwörungstheorien.
Alexander Dugin vermischt etablierte Erkenntnisse mit Verschwörungstheorien.

Während Alexander Dugins letzte, für eine breitere Öffentlichkeit geschriebene politikphilosophischen Lehrbücher ähnlich langatmig und unoriginell erscheinen, stellen seine älteren sowie einige jüngere, für seine unmittelbare Anhängerschaft verfasste Schriften nicht weniger als eine neue Form von Sachliteratur dar. Dugin kombiniert in seinen hunderten Artikeln und dutzenden Büchern auf schwindelerregende Art und Weise etablierte Erkenntnisse und gebräuchliche Konzepte anerkannter westlicher Sozialwissenschaftler und Philosophen mit bizarren Verschwörungstheorien sowie einem manichäischen Weltbild. Der daraus resultierende eigenartige Ideencocktail dient ihm dazu, eine neue Erklärung der Menschheitsgeschichte als eines (teils „geheimen”) Kampfes zwischen zwei antagonistischen Metazivilisationen, den „Eurasiern” und den „Atlantikern” – zu entwickeln.

Die jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendealte Auseinandersetzung zwischen der „eurasischen” und „atlantischen” Kultur nähert sich nun ihrem Ende, wobei Dugin hier stellenweise das deutsche Wort „Endkampf” ohne Übersetzung gebraucht. Diese Wortwahl illustriert Dugins intellektuelle Provenienz, wurde er doch – entgegen seinen jüngsten Selbstdarstellungen – zunächst nicht vom klassischen Eurasismus sondern von westlichen Denkschulen, wie dem Integralen Traditionalismus, der deutschen Konservativen Revolution, der französischen Neuen Rechten und nicht zuletzt vom europäischen Faschismus geprägt. So hat Dugin in den Neunzigern nicht gezögert, bestimmte Aspekte der nazistischen Ideologie zu verteidigen und zu kopieren, ja sogar den Zusammenbruch des Dritten Reiches als aus Sicht des von ihm präferierten „Dritten Weges” bedauerlich darzustellen.

Im Mainstream des politischen Denkens

Das Verblüffende am Duginphänomen sind vor diesem Hintergrund weniger diese und viele andere extravagante Aussagen des inzwischen unbestrittenen Anführers des postsowjetischen „Neoeurasimus”. Das Erstaunliche an Dugin ist, dass er es, trotz seiner mehrfachen Verletzungen der russischen politischen Korrektheit, vermocht hat, sich im Mainstream des russischen politischen Diskurses zu etablieren. Was Dugin sowohl von inzwischen verstorbenen als auch noch lebenden anderen „Neoeurasiern” unterscheidet, ist seine nicht nur publizistische und pseudowissenschaftliche sondern auch enorme journalistische und politische Aktivität. Dugin ist zwar nicht Mitglied einer relevanten politischen Partei, jedoch ein nahezu alltäglicher Teilnehmer an politischen Debatten in traditionellen und elektronischen Medien sowie ein sowohl in Russland als auch im Ausland hervorragend vernetzter Theoretiker mit einem breiten Leserkreis im gesamten postsowjetischen Raum und darüber hinaus. Dabei dient Dugin der Begriff „Neoeurasimus” weniger zur politischen Positionierung, denn als Codewort für einen rabiaten Antiamerikanismus, dessen praktische Implementierung in der Außenpolitik Russlands auf kriegerische Auseinandersetzungen im GUS-Raum und sogar mit dem Westen hinauslaufen würde.

Die Verteufelung des Westens kommt auch bei der einfachen Bevölkerung an.
Die Verteufelung des Westens kommt auch bei der einfachen Bevölkerung an.

Zum Zwecke und infolge seiner zunehmenden Akzeptanz im Moskauer politischen Establishment hat Dugin in den letzten Jahren seine Rhetorik adaptiert, geriert sich heute paradoxerweise häufig als „Antifaschist” und versucht sich neuerdings als Ideologe eines spezifisch russischen „Konservatismus” zu empfehlen. Dabei erfüllt der Konservatismusbegriff eine ähnliche Deckmantelfunktion wie „Neoeurasimus”: Während letzterer Terminus Dugin zur Verschleierung seiner nichtrussischen, meist westeuropäischen Quellen dient, eignet sich „Konservatismus” dazu, von der Aggressivität seiner Interpretation heutiger Weltkonflikte abzulenken bzw. den im Kern faschistischen und damit antikonservativen Charakter seiner Ideologie zu vertuschen.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Popularität dieser Ideenwelt und ihrer Schöpfer bei einem zunehmenden Teil der russischen intellektuellen und politischen Elite erscheint die zunehmende Entfremdung zwischen Russland und dem Westen wenig verwunderlich. Zwar werden die absonderlichen Welterklärungstheorien Gumilëvs, Panarins und Dugins von nur wenigen russischen Entscheidungsträgern in ihrer Fülle und öffentlich bejaht. Eine unterschwellige Wirkung der beschriebenen pseudowissenschaftlichen Verteufelungen des Westen ist jedoch allseits zu spüren. Ob in populären Talkshows des staatlich kontrollierten Fernsehens, in vielzitierten politischen Reden Putins oder auf akademischen Konferenzen im postsowjetischen Raum – die angebliche Russophobie und Verschlagenheit des Westens, insbesondere der USA, stellen kaum noch hinterfragte Allgemeinplätze dar, welche sich mehr und mehr zu Axiomen russischen außenpolitischen Denkens entwickeln. Sollte diese Transmutation des postsowjetischen Elitendiskurses in den kommenden Jahren fortschreiten, könnte die jüngste diplomatische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen sich in einen neuen Kalten Krieg ausweiten.


Dieser Beitrag erschien in leicht abgeänderter Form zuvor in den von der Bremer Forschungsstelle Osteuropa herausgegebenen “Russlandanalysen”.


Dr. Dr. Andreas Umland ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.


Die Bildrechte unterliegen der Creative Commons Lizenz (Statue: AlexWhittaker/flickr; U-Bahn: Victoriachernovol/flickr)  oder sind gemeinfrei (Dugin).


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3 Kommentare
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  1. Was will e-politik überhaupt erreichen. Ich habe den Eindruck, dass man mit Entspannung und Normalität wenig am Hut hat. Ehrlich gesagt, ich habe dieses Kauderwelsch von oben nicht verstanden.
    Für mich steht nur eins fest: Lenin und auch Stalin haben aus dem Zaristischen Reich einen Staat geschaffen, der dem einfachen Volk (natürlich nicht mit den Kulaken) ein menschenwürdiges Leben in Aussicht stellte und in gewissem Masse auch ermöglicht hat. (Warum sehnen sich so viele ehmalige Sowjetbürger nach der UDSSR zurück? Doch nicht wegen des Stalinismus, sondern weil es dem einfachen Volk besser gegangen ist.)
    Der Konllikt Georgien Russland ist doch eindeutig von der USA und den sogenannten freiheitsliebenden westlichen Ländern inszeniert worden.
    Ich frage nochmals: e-politik.de was wollt ihr?

    MfG W. Neubert

  2. Sehr geerhter Herr Neubert,

    was wir erreichen wollen, finden Sie hier: http://www.e-politik.de/unsere-mission-warum-wir-e-politikde-machen/

    MfG,
    Christian Heise

  3. Sehr geehrter Herr Neubert,
    haben Sie sich eigentlich schon einmal mit den Schriften des “Neoeurasiers” Dugin beschäftigt? Danach, was dieser Mann mit Russland vorhat, kann sich kein ernsthafter Mensch sehnen – da würde es dem “einfachen Volk” sehr beschissen gehen, um es euphemistisch zu formulieren. Bevor Sie etwas als Kauderwelsch diskreditieren, machen Sie sich gefälligst die Mühe, sich mit dem Gegenstand, über den gesprochen wird, auseinanderzusetzen. Sie nützen die Demokratie des Internets, um Ihre Schwachsinnigkeiten von sich zu geben. Würden Sie in jenem Russland leben, das sich der Herr Dugin erträumt, würden Sie vielleicht für Ihre Meinungsäußerungen einen Kopf kürzer gemacht werden. Gott sei Dank kann das nicht passieren und Sie, Herr Neubert, können Ihren Senf zu allem und jedem dazugeben, ohne dass Ihnen was passiert.

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