Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands

10. Mrz 2009 | von freier Autor | Kategorie: Russland
Der Georgienkrieg brachte der russischen Führung einen internationalen Vertrauensverlust.
Der Georgienkrieg brachte der russischen Führung einen internationalen Vertrauensverlust.

Der so genannte „neoeurasische“ Ansatz in der Geopolitik ist zu einem weltanschaulichen Paradigma für viele russische Intellektuelle geworden. Auch wenn die antiwestlichen Theorien der „Neoeurasier“ abstrus klingen, stoßen sie in der russischen Öffentlichkeit immer häufiger auf Gehör. Von Andreas Umland

Die offensichtliche Überzogenheit der russischen Antwort auf die Intervention des georgischen Präsidenten Saakaschwili in Südossetien sowie die anschließende Ungerührtheit des Kremls bezüglich der heftigen europäischen und amerikanischen Kritik stellte für einige ausländische Beobachter eine – meist unangenehme – Überraschung dar. Tat doch die Unverhältnismäßigkeit der Reaktionen Moskaus sowie die anhaltende Verbohrtheit der russischen Führung bei der Suche nach einer Kompromißlösung den bis dato vermuteten außenpolitischen Interessen Russlands Abbruch. Was auch immer die faktische Annexion Südossetiens und Abchasiens den Russen bringen mag: die nachhaltigen internationalen Positions- und Vertrauensverluste, die Russland sowohl in Europa als auch Asien durch sein provokantes Verhalten im August 2008 erlitten hat, scheinen weit größer als jegliche eventuellen Vorteile, die die Russische Föderation aus dem De-Facto-Anschluss der südkaukasischen Provinzen zu ziehen vermag.

Das Verhalten der russischen Führung während und nach dem Kaukasuskonflikt machte einmal mehr deutlich, dass die Wandlung des außen- und allgemeinpolitischen Denkens der russischen Führung tiefer geht, als bislang veranschlagt. Und das, obwohl man das Gegenteil vermuten würde: Mit dem fortschreitenden Generationenwechsel in der russischen Elite hätten die aus der Sowjetzeit geerbten Stereotypen bei der Interpretation weltpolitischer Ereignisse langsam verschwinden müssen. Anstatt einer Modernisierung der russischen außenpolitischen Doktrin kam es jedoch nach einem kurzen „Flirt“ mit dem Westen Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger zu einer schrittweisen Revitalisierung eines Denkens in Null-Summen-Spiel-Kategorien, wie es für das 19. Jahrhundert typisch war.

Als eine wichtige Quelle für die neu-alte Aggressivität der Jungtürken im politischen und intellektuellen Moskauer Establishment darf der sogenannte „Neoeurasismus“ gelten. Dieser Begriff ist, wie unten gezeigt, ambivalent, ja stellt im Falle einiger Anwendungen durch zeitgenössische russische Geschichtsphilosophen und Politiktheoretiker wenig mehr als einen Etikettenschwindel dar – weshalb der Terminus meist in Anführungszeichen zu setzen ist.

Eurasien: ein neuer Kontinent

Für die Theoretiker liegt der neue Kontinent Eurasien zwischen Europa und Asien.
Für die Theoretiker liegt der neue Kontinent Eurasien zwischen Europa und Asien.

Die russischen „Neoeurasier“ verschiedener Couleur verweisen meist ausdrücklich auf den klassischen Eurasismus der russischen Emigration im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts als ihre Quelle. Die Weltsicht der damaligen Eurasier fußte zunächst auf der Behauptung, dass es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur des russischen Reiches einerseits und der romano-germanischen Zivilisation Westeuropas andererseits gab. Damit reproduzierten solche Wissenschaftler wie Nikolaj Trubeckoj und Pëtr Savickij – in freilich stark modifizierter Form – Denkfiguren, wie sie schon bei Konstantin Leont’ev oder Nikolaj Danilevskij zuvor aufgetaucht waren. Die Eurasier gingen noch einen Schritt weiter: Sie beschwörten die Existenz eines neuen Kontinents, Eurasiens, der zwischen Europa und Asien liegt und der in etwa all jene Völker einschließt, die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion leben. Zur Stützung ihrer Theorie bemühten die zumeist hochgebildeten Eurasier nicht nur kulturgeschichtliche und ethnographische sondern auch geographische, linguistische und andere wissenschaftlich verbrämte Argumentationsweisen. Obwohl viele Völker „Eurasiens” muslimischen oder anderen nichtchristlichen Religionen angehören, beharrten die Eurasier darauf, dass in der Zukunft das Orthodoxe Christentum für die gesamte eurasische Zivilisation ausschlaggebend sein müsse.

Über Jahrzehnte fand das Eurasiertum weder unter russischen Emigranten noch Sowjetbürgern größere Aufmerksamkeit, geschweige denn eine nennenswerte Anhängerschaft. Nichtsdestoweniger wurde der Eurasismus bzw. dessen – teilweise abwegigen – Re-Interpretationen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst zu einer intellektuellen Mode und im weiteren zu einem weltanschaulichen Paradigma für viele russischen, aber auch zahlreiche zentralasiatische und andere postsowjetische Intelligenzler. Die Mitglieder dieser neuen transkontinentalen „neoeurasischen“ Intellektuellenbewegung verbindet allerdings oft nicht viel mehr als der Begriff „Eurasismus“: was diese Ideologie beinhaltet und was für praktische Handlungsanweisungen aus ihr abzuleiten sind – darüber gehen die Meinungen der verschiedenen „Neoeurasier“ auseinander. Obwohl die „Neoeurasier“ sich gerne auf jene renommierten Wissenschaftler, welche den klassische Eurasismus der Zwischenkriegszeit ausmachten, berufen, spielten zudem häufig jüngere und teilweise nichtrussische rechtsradikale Autoren eine entscheidende Rolle für die Ausformung dieser oder jener Variation des heutigen „Neoeurasismus“.

Eine neue Form rassistischen Denkens

"Klassiker" des Eurasismus: Lev Gumilev, hier im Denkmal mit seinen Eltern.
"Klassiker" des Eurasismus: Lev Gumilev, hier im Denkmal mit seinen Eltern.

So hat zum Beispiel der bekannte russische Geograph, Historiker und Ethnologe Lev N. Gumilëv (1912-1992) inzwischen den Status eines weiteren „Klassikers“ des Eurasiertums erlangt – und dies, obwohl sich Gumilëvs Geschichts- und Menschenbild erheblich von demjenigen der klassischen Eurasier unterscheidet. Zwar hat Gumilëv sich selbst als „letzten Eurasier“ sowie als „Genie” bezeichnet. Auch hat er heute offenbar für einige Russen die Bedeutung eines russischen Galileos, Kopernikus’ oder Newtons. Seine Interpretation der Menschheitsgeschichte wirkt jedoch – zumindest aus westlicher Sicht – noch abstruser, als die der klassischen Eurasier. Gumilëv hält ethnische Gruppen, wie die Russen, für „natürliche“ Einheiten, die sich keinesfalls mit Mitgliedern anderer „Superethnien“ (z.B. Juden) vermischen dürfen.

Er lehrt darüber hinaus, dass der Aufstieg und Fall von Ethnien aufgrund von Schüben an „Passionarität“ bestimmt wird – einen Faktor, den er ausdrücklich als „biologisch“ definiert. Zudem würden diese „Passionaritätsschübe“ in Ethnien durch Mikromutationen hervorgerufen, welche ihrerseits – so vermutet Gumilëv – durch „kosmische Strahlung“ verursacht werden. Mit derlei Spekulationen verlässt Gumilëv nicht nur die Grenzen des wissenschaftlichen Diskurses. Er begründet auch – was von vielen Russen heftig bestritten wird – eine neue Form rassistischen Denkens. Gumilëvs Neorassismus orientiert sich nicht an menschlichen Phänotypen, sieht jedoch ebenso wie der klassische Rassismus “natürliche” oder gar “biologische” Unterschiede zwischen Nationen als entscheidende Bestimmungsfaktoren menschlicher Geschichte. Damit ist das Gumilëvsche biologistische Denken zwar weniger primitiv als die nazistische Mythologie, aber letztlich ähnlich phantastisch wie die Rassenkunde im Dritten Reich.

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