Degenerierter Kapitalismus

27. Jun 2009 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

cover_sinnHans-Werner Sinn hat ein Buch vorgelegt, in dem er klar nachweist, dass systemische Defekte im Bereich der Haftungsbeschränkung den Sünden der Bankiers den Weg bereitet haben. Von Christoph Rohde

Hans-Werner Sinn, Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat mit Kasino-Kapitalismus eine Abhandlung geschrieben, die in vieler Hinsicht Licht in die dubiosen Finanzmarktgeschäfte bringt. Sinn klärt dabei einige Positionen, die er unlängst ungeschickt in die Öffentlichkeit getragen hatte. Sein Image als stark marktgläubiger Ökonom verteidigt er jedoch vehement.

Der Verfasser glänzt mit einer sprachlich nachvollziehbaren Analyse komplizierter Sachverhalte, die einen wertvollen Überblick über die Ursachen der Bankenkrise liefern. Die Untersuchung beginnt mit einer Diagnose der Krisendimensionen und der amerikanischen „Leben auf Pump“-Mentalität. Es folgen Untersuchungen zum Glücksrittertum an der Wall Street, dem Versagen der Politik, Prognosen zukünftiger Krisenentwicklungen sowie Vorschläge für Reformen. Dabei weist Sinn nachdrücklich darauf hin, dass das Finanzsystem im Oktober 2008 „vor der Kernschmelze“ gestanden habe. Für Deutschland macht er den Höhepunkt der Krise für das Jahr 2010 aus.

Der Verlust der Kontrolle über die eigenen Produkte

Der Autor zeigt auf, durch welche Mechanismen sich der brutale Wettbewerb um hohe Renditen verselbständigt hat und zu einer abstrusen „Innovationswerkstatt“ wurde. Fast skurril wirkt die Aussage eines Bankmanagers, den Sinn wie folgt zitiert: “Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, ein Finanzprodukt nur dann zu genehmigen, wenn es wenigstens einer von uns wirklich verstand. Diesen Grundsatz konnten wir aber nicht durchhalten, denn wir mussten stets befürchten, dass es dann von den Briten oder den Deutschen genehmigt werden würde. Also haben wir die Augen zugedrückt und die Genehmigung erteilt.”

Ein territoriale Grenzen überschreitender Deregulierungs- und Innovationswettbewerb auf dem Finanzmarkt war die Folge, den renditegierige Vertreter unterschiedlicher Kapitalgesellschaften durch waghalsige Anlagestrategien auf die Spitze trieben. Hier wirft Sinn vor allem der Politik ein gravierendes Versagen vor. Der bekennende Anhänger des Euckenschen Ordoliberalismus fordert einerseits stärkere Regulierungsmaßnahmen im finanzwirtschaftlichen Bereich, andererseits mehr Deregulierung in der Realwirtschaft und hier vor allem auf dem Arbeitsmarkt.

Wichtig klingende Schattenpapiere

Spannend ist der Teil des Buches, in dem Sinn zeigt, wie faule Kredite in „Anleihen“ umgebastelt und mit einem Häubchen an sicheren Krediten garniert wurden, um dann als Gesamtpaket bei den Rating-Agenturen gute Noten zu bekommen. So genannte Collateralized Debt Obligations (CDO) sind immobilienbesicherte Wertpapiere, die Ansprüche verbriefen. Diese Papiere wurden von Investmentbankern in verschiedene Tranchen aufgeteilt – manchmal 25 Mal -, bis die Ratingagenturen 70 bis 80 Prozent der unterschiedlich sicheren Tranchen mit dem begehrten “AAA” auszeichneten.

Ergebnis war eine Fülle aneinander verschachtelter Ansprüche und Risikostrukturen, die häufig nicht einmal der cleverste Investmentbanker durchschaute. Die Risiken waren für die Käufer jedenfalls nicht mehr ersichtlich. Markttransparenz und Haftung wurden so „kreativ“ ausgehebelt. Während die Chinesen so schlau waren und vor allem amerikanische Staatsanleihen gekauft haben, finanzierten viele deutsche Banken die US-Schulden dadurch, dass sie auf die schmutzigen Deals zwischen Investmentbanken und den „kläglich versagenden“ Rating-Agenturen hereinfielen.

Hans-Werner Sinn

Das Phänomen der „Friedhofsversicherung“

Aber auch über den Wilden Westen lernt der Leser Erstaunliches. Im 19. Jahrhundert war es in den USA möglich, eine Lebensversicherung zu eigenen Gunsten auf das Leben einer anderen Person (!) abzuschließen, mit der man nichts zu tun haben musste. Dies führte jedoch im Wilden Westen dazu, dass urplötzlich eine Menge von Personen scheinbar grundlos mit dem Colt erledigt wurden. Die Rationalität dahinter ist klar. Dasselbe Prinzip liegt vor, wenn Versicherungsnehmer sich gegen den Konkurs einer Firma versichern, deren Geschicke sie durch großen Aktienbesitz beeinflussen können. Diese Betrugskonstruktion ist in heutiger Zeit rechtlich möglich.

Diese EU schadet Deutschland

Die Euro-Zone steht durch die jüngste Krise erheblich auf dem Prüfstand. Es ist mutig, mit welcher Vehemenz sich Sinn gegen die Ausgabe von Euro-Anleihen wendet. Diese würden dazu führen, dass alle Euro-Staaten ihre Verschuldung zu identischen Zinskonditionen finanzieren könnten. Den absoluten Netto-Nachteil hätte Deutschland in Form von massiven Transferzahlungen in die instabilen Euroländer zu tragen, da die Deutschen die Zinsvorteile ihrer Verschuldung teilweise verlieren würden. Sinn vermag nicht zu akzeptieren, dass die Deutschen historisch und politisch-geographisch den größten Gewinn von der EU haben und folglich auch eine größere finanzielle Beitragsleistung akzeptieren.

Künftige Krisenvermeidungsstrategien

Wie sind zukünftige Krisen zu verhindern? Gar nicht, meint der Ökonom. Aber es gibt Maßnahmen, um regelmäßig auftretende Krisen schneller unter Kontrolle bringen zu können. Dazu gehören die Erhöhung der Eigenkapitalquote von Banken sowie die Rückkehr zur Bewertung von Anlagen nach dem Niederstwertprinzip. Vermögensgegenstände müssen dabei handelsgesetzlich konservativ und risikolos bewertet werden. Aber Sinn weiß auch, dass das Glücksrittertum der Börse sich nicht einfach entwaffnen lässt.

Die Darstellung von Anlageformen, Bankstrategien, Rating-Mechanismen und makroökonomischen Zusammenhängen toppt in seiner Breite und Nachvollziehbarkeit alles, was in der Literatur für ein breites Publikum vorzufinden ist. Aber: Wie ein Karl-Otto Pöhl die Umstellung von Ost- auf D-Mark zu den durchgeführten Bedingungen kritisierte, aber die Flüchtlingsströme aus Ostdeutschland in den Westen vergaß, so sieht Sinn vor allem die ökonomischen Zusammenhänge und vernachlässigt dabei häufig die sozialpolitischen Folgen wirtschaftlichen Handelns.

Ein Beispiel dafür ist sein Blick auf die Europäische Union aus deutscher Perspektive. Seine Perspektive bleibt im Ökonomischen haften. Die Managerschelte, die er vor Monaten mit Pogromstimmungen gegen jüdische Mitbürger in einen Topf geworfen hatte, lässt er dieses Mal als emotional nachvollziehbar einfach stehen. Dazu weist das Buch ein Konsistenzproblem auf: Einerseits fordert Sinn eine starke politische Ordnungsmacht oberhalb des Wirtschaftsgefüges, andererseits aber macht er den Staat für zu starke Eingriffe in die Ökonomie verantwortlich. Beides geht nicht. Die Abhandlung ist dennoch für ökonomisch Interessierte aller Provenienz ein Muss.

Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus – Wie es zur Finanzkrise kam und was jetzt zu tun ist. Econ Verlag, Berlin 2009. ISBN-13 9783430200844. Gebunden, 340 Seiten, 19,90 EUR.


Die Bildrechte (Cover, Porträt) liegen beim Econ Verlag


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