Das Trauma des Jahres 1968

16. Jan 2009 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch
Buchcover
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„Achtundsechziger“ ist ein Begriff für die Jugend, die damals gegen ihre Väter rebellierte – im Westen. In der DDR gab es andere 68er, die durch die CSSR-Okkupation traumatisiert waren. Im neuen Jahr wird das 20. Beerdigungsjahr der DDR gefeiert, deren Ende eigentlich schon 1968 für die Ost-68er vor 41 Jahren begann. Dies beschreibt Stefan Wolle in einem bemerkenswerten Buch. Von Wolfgang Mehlhausen

„Der Traum von der Revolte“ heißt das Buch von Stefan Wolle, der selbst Jahrgang 1950 ist und als Historiker seine Berufslaufbahn im Osten Deutschlands, in der DDR begann. Im Untertitel nennt er sein Werk „Die DDR 1968“. Warum war das Jahr 1968 so wichtig für die Leute in der DDR. Die Jugend im Westen war 1968 angetreten, um gegen die Väter- und zugleich oft Tätergeneration aufzubegehren.

Im Osten wurde über die rebellierenden Weststudenten, die mit Mao-Plakaten und roten Fahnen über den Kurfürstendamm rannten, bestenfalls mitleidig-neidisch gelächelt. Während die jungen West-Wilden ihre akademische Freiheit auslebten und sich Schlachten mit der Polizei lieferten, dämmerten die Oststudenten in den „Gewi- Seminaren“ dahin, hörten sich politischen Unfug an, übten auf der Sturbahn sozialistische Wehrerziehung oder halfen Kartoffeln auf den Feldern der LPG ernten – und wünschten Vergleichbares den Westlern. Dennoch prägte das Jahr 1968 auch im Osten eine ganze Generation, wenngleich grundlegend anders als im Westen.

Panzer gegen Argumente

Wolle beschreibt, dass nach dem missglückten Aufstand von 1956 und dem Schock des Mauerbaus 1961 die meisten Menschen im Osten wenig Illusionen hatten, dass sie bald wieder mit den „Brüdern und Schwestern“ im Westen in einem Staate leben werden. Osten und Westen lebten sich schnell auseinander, doch es ist das ewige Recht der Jugend, nicht alles so hinzunehmen, wie es ist. Die Jungen in Ost und West hofften auf Veränderungen der bestehenden Systeme, im Osten wurde von nicht Wenigen der Traum von einem menschlichen Sozialismus geträumt, den man in der benachbarten CSSR aufzubauen gedachte. Der Autor beschreibt diesen Prozess sehr einfühlsam.

Dubcek und seine Genossen wollten einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Allein diese Worte reizten Leonid Breschnew und seine Funktionäre und Vasallen in anderen Ostbockstaaten bis aufs Blut, denn im Kehrschluss hatten sie bei sich alle ein System mit „unmenschlichem Antlitz“. Am 21. August 1968 rückten dann sowjetische Panzer und Truppen in die CSSR ein, mit ihnen Truppen aus Bulgarien, Ungarn und Polen.

Ulbricht wollte auch seine Soldaten entsenden, doch Breshnew war so klug, auf diese Hilfe zu verzichten. Dass die Soldaten mit den Uniformen, die sehr an die der Wehrmacht erinnerten, nicht in der CSSR waren, wurde so richtig erst nach der Wende bekannt. In seinem Buch beschreibt Wolle sehr anschaulich in drei Teilen Tauwetter und Dauerfrost, den Prager Frühling und seine Ideen und schließlich das Ende dieses historischen Kapitels.

1968 – der Anfang vom Ende

Wolle versteht es, sehr detailgenau und anhand vieler Fakten und Beispiele die Gefühle der Menschen der DDR im Jahre 1968 zu beschreiben. Schließlich war er dabei und wer in seinem Alter ist, alles das, was damals geschah, miterlebte, wird seiner Darstellung beipflichten. Er zeigt die Hilflosigkeit der Parteiführung in Moskau und Ostberlin auf, weil sie ad hoc weder eine Kollaborateursregierung zustande brachte, noch genau erklären konnte, wer die Konterrevolutionäre sind, was sie Schlimmes planten und machten.

Stefan Wolle
Stefan Wolle

Auch waren sie nicht in der Lage, die „begeisterte tschechoslowakische Bevölkerung“ zu zeigen, die die einrückenden Sowjetpanzer herzlich begrüßte. Ostfernsehen und Zeitungen blamierten sich damals so wie nur noch am Ende der Honecker-Zeit. Die Nachrichtensendungen begannen damit, dass man zu den Ereignissen in der CSSR nach Moskau umschaltete und höchstens mal ein Bild vom Wenzelsplatz zeigte.

Die meisten politisch interessierten Menschen traf der Einmarsch wie ein Blitzschlag. Niemand hatte geglaubt, dass die Russen so weit gehen würden und einfach in ein Bruderland einmarschieren. Da Ostfunk und Fernsehen nichts zu melden hatten, schauten selbst ganz „stramme Genossen“ Westfernsehen oder hörten Westradio.

Die meisten Menschen in Ostdeutschland erkannten, dass diese verlogen „brüderliche Hilfe“ genannte Gewaltaktion gegen einen kleinen „Bruderstaat“ nicht nur ein völkerrechtliches Verbrechen, eine Aggression war, sondern zugleich das Ende jeglicher Reformen bedeutete. Jede Partei im Ostblock sollte wissen, dass die Sowjetpanzer überall dorthin kommen, wo mit Moskau nicht vereinbarte Experimente stattfinden.

Friedhofsruhe bis 1989

Zur Wende wurde in der DDR noch laut über einen besseren Sozialismus nachgedacht. Es dauerte noch einige Wochen und Monate, bis der große reiche, westliche Bruder mit dem Versprechen zur Einführung der Deutschen Mark und baldigen Schaffung von blühenden Landschaften erreichte, dass überall im Osten immer lauter „Wir sind ein Volk“ gebrüllt wurde. An einen verbesserten Sozialismus glaubten da nur noch wenige.

Gestritten wird bis heute, ob es 1968 hätte gelingen können, eine bessere Gesellschaft als die des realen Kapitalismus aufzubauen. Eine Antwort gibt der Autor dazu nicht. Schließlich hat dieser gerade wieder bei der Finanzkrise bewiesen, dass der berühmte Marktmechanismus nicht alles automatisch zum Wohle der Menschen richtet. Die Tschechen hingegen hatten diese Gedanken weit hinter sich gelassen, als dort die Wende eintrat, wollte man nur noch schnell das, was der Westen hatte: den realen Kapitalismus, Marktwirtschaft und Freiheit von Moskau. Auch daran erinnert Wolle.

Eines ist jedoch klar: Die 1968er Ereignisse in der Tschechoslowakei desillusionierten viele Menschen, die noch guten Willens waren, an ein verbessertes System zu glauben. Die Sowjetpanzer schafften Friedhofsruhe, zumindest in der DDR und der CSSR bis 1989. An das, was 1968, vor mehr als 40 Jahren geschah, muss man sich unbedingt erinnern, wenn man nun daran geht, über das nachzudenken, was vor 20 Jahren passierte. Das Buch von Stefan Wolle ist dazu hervorragend geeignet. Es kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Stefan Wolle
„Der Traum von der Revolte – Die DDR 1968“
Ch. Links Verlag. Berlin, 256 Seiten, 21 x 14,5 cm,
ISBN 978- -3-86153 – 469-3


Die Bildrechte für das Buchcover und das Foto von Stefan Wolle liegen beim Ch. Links Verlag.


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