Brillis ‘n’ Brothels
In Verklärung der „guten alten Zeiten“ träumt sich der Autor zurück in die Vergangenheit. Er begegnet dem Erfinder des Jazz’ und stellt schließlich fest, dass er den erfolgreichen Swing eigentlich langweilig findet. Jazz’s Life. Eine Kolumne von Sören Sgries
Wenn ich Jazz höre, stelle ich mir manchmal vor, ich wäre alt. Also: So richtig alt. Nicht „Golden Ager“-alt mit Finca auf Mallorca, Theater-Abo, Gasthörer-Status am Historischen Seminar und 40-jähriger Geliebter, die ich für jung halte. Sondern gleich ganze 100 Jahre älter. Was könnte ich da nicht alles erlebt haben, was würde ich für tolle Geschichten erinnern.
Eine meiner liebsten Erinnerungen würde mich am Anfang des 20. Jahrhunderts über den Atlantik in die „Neue Welt“ führen. An irgendeiner Straßenecke in Los Angeles wäre ein eleganter Kreole an mir vorbeigeschlendert, an jedem Arm ein leichtes Mädchen. Wenn er mit seinen Begleiterinnen scherzte, hätte ich den blinkenden Brillanten hervor blitzen sehen, der goldgefasst seinen Schneidezahn zierte. Ganz sicher hätte ich gestaunt über die Tausenddollarscheine, die beiläufig aus den Taschen des maßgeschneiderten Anzugs lugten. Und vielleicht hätte ich auch Geschichten gehört über brillanten-besetzte Unterwäsche und Strumpfbänder. In den Clubs, aus denen jeden Abend gedämpfte Piano-Musik klingt, hätte man gemunkelt, dieser reiche, eitle Geck halte sich für niemand anders als den „Erfinder des Jazz“.
Nun, das ist natürlich Unsinn. Jelly Roll Morton – denn um eben den handelte es sich – war sicherlich ein begnadeter Pianist und Komponist. Vor allem war er aber auch ein Lebemann, ein grandioser Aufschneider, der sich zwar seinen Spitznamen „Jelly Roll“ durch sexuelle Eskapaden und Umgang im entsprechenden Milieu zu Recht erworben haben mag, der Erfinder des Jazz‘ war er aber nicht. Sehr wohl aber ein bedeutender Wegbereiter dieser Musik.
Aus den Gassen und Hurenhäusern in die Konzertsäle
Ein Freund, den ich mal zum Jazz bekehren wollte, sagt gerne: „Ich mag ja Jazz. Allerdings eher so Bigband-Jazz. Da muss ein Typ im Anzug stehen, man muss dazu im Takt schunkeln und – vor allem das! – schnipsen können.“ Sicher. Das kann Jazz sein. Vor allem ältere Definitionen sagen, Jazz sei Improvisation und „kraftvolles, elastisches, rhythmisches Pulsieren“ – der Swing eben. In den Anfangsjahren war es genau diese swingende Musik, die als Jazzmusik (oder Jass-Musik) erfolgreich war. Der Legende nach geboren im Mississippi-Delta, in der unterdrückten Gruppe der schwarzen Sklaven, verschmolz hier ein afrikanisches Rhythmus-Verständnis mit europäischem Melodie-Empfinden.
Allmählich setzte sich diese Musik als Unterhaltungsmusik durch. „Marching Bands“, die Ragtime, Blues und archaischen Jazz mit einfachsten Instrumenten spielten, zogen durch die Straßen von Südstaatenstädten wie New Orleans. Das war die eine Seite des Jazz‘. Gleichzeitig war es üblich, dass in den Freudenhäusern der Stadt ein Pianist für musikalische Unterhaltung sorgte. Auch Jelly Roll verdiente hier sein erstes Geld – als kleiner Pianist in den „Whore Houses“ und „Brothels“. Hört man heute seine Aufnahmen, merkt man die Vielfalt seines Werkes. Kleine Pianostücke sind hier ebenso vertreten wie Band-Arrangements. Jelly Roll Morton war ein Pionier des Jazz – der einzige Erfinder wäre er nur gerne gewesen.
Peinlich, peinlich: Die “Goldenen Jahre”
Während des Zweiten Weltkriegs setzte sich – neben dem altbekannten New-Orleans-Jazz – der durchorganisierte Swing, also der sehr rhythmische, bigbandbestimmte Jazz, als kommerziell erfolgreiche Musik durch. In diesen „Goldenen Jahren“ konnten große Orchester reichlich Geld verdienen. Bekannte Bandleader dieser Zeit, deren Namen auch im jazzfernen Publikum bekannt sein dürften, sind Louis Armstrong und Duke Ellington. Auch weiße Musiker fanden zu dieser Musik, die sich von den schwarzen Wurzeln immer mehr entfernte, je mehr Erfolg sie hatte. Benny Goodman und „Ol‘ Blue Eyes“, Frank Sinatra, lassen grüßen.
Wäre ich 100 Jahre älter, ich wäre bestimmt gerne durch New Orleans geschlendert, hätte den großen Orchestern in New York oder L.A. gelauscht. So bin ich schließlich auch tatsächlich zum Jazz gekommen. Nach ersten Blues-Erfahrungen mit Clapton und John Lee Hooker landete ich sehr schnell bei Louis „Satchmo“ Armstrong. Stundenlang konnte ich „Jeepers Creepers“, „Do You Know What It Means To Miss New Orleans“ oder „Baby, It’s Cold Outside“ hören. Inzwischen ist mir das fast peinlich. Um hier keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Armstrong war wirklich gut, Ellington zeitlebens ein großer Bandleader, Sinatra ein Vorbild an Stil für jeden Mann.
Hurra, ein Ende des Erfolgs!
Aber: Wenn ich 100 Jahre älter wäre, hätte ich gerne auf New Orleans verzichtet, wenn ich nur Anfang der 1940er Jahre in New York, in „Minton’s Playhouse“, hätte dabei sein dürfen. Hier wurde der Jazz erst richtig spannend. Hier formierte sich eine Gruppe junger schwarzer Musiker, die wahrscheinlich endgültig das große Publikum für den Jazz vergraulten. Rund um Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und Bud Powell bahnte sich hier der „Bebop“ seinen Weg – der Anfang des modernen Jazz‘.
Der bekannteste Pionier des Bebop wäre aber zunächst kaum aufgefallen: Keine Brillanten, keine Reichtümer, keine leichten Mädels an seiner Seite. Stattdessen wäre irgendwann ein abgerissener, junger Schwarzer auf die Bühne getrottet, sichtlich gekennzeichnet vom Heroinmissbrauch; er hätte aus einer braunen Papiertüte sein verbeultes Horn gezogen, hätte das Saxophon an die Lippen geführt und dann – die Jazzwelt verändert. Wer ihm zuhörte, verstand die Welt nicht mehr: Herkömmliche rhythmische, melodische und harmonische Gesetze schienen nicht mehr zu gelten. Wer den Bebop mögen wollte, musste seine Hörgewohnheiten radikal umstellen. Verkaufen ließ sich diese Musik lange Zeit sehr schlecht – im Grunde ist das bis heute so geblieben. Charlie „Bird“ Parker, der junge Saxophonist, zerstörte den traditionellen Jazz.
So, jetzt aber genug der Geschichtsseligkeit. Wenn ich heute 100 Jahre älter wäre, ich würde wahrscheinlich keinen Ton mehr hören können, höchstwahrscheinlich wäre ich dement, könnte Parker nicht mehr von Armstrong, Ellington nicht von Gillespie unterscheiden.
Also, Hausaufgabe: Genießt die Jugend und die Chancen der modernen Welt. Stöbert im Internet. Hört Jelly Roll Morton. Bewundert Louis Armstrong. Trauert um “Bird”. Denn wie kann man besser in die Jazz-Geschichte eintauchen, als wenn man sich durch die Musik der Zeit verzaubern lässt?
Nächsten Freitag erklärt Jazz’s Life, warum nichts so cool ist wie guter Jazz.
Die Bildrechte liegen beim Autor.
Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


