Auf Völkermord mit Krieg antworten

09. Nov 2009 | von Norman Gutschow | Kategorie: Politisches Buch

Daniel Jonah Goldhagen präsentierte bei der Berliner Vorstellung seines neuen Buches ein umstrittenes Konzept zur Abwehr von Völkermorden. Zurück bleiben mehr Fragen als Klarheiten. Von Norman Gutschow

Der ehemalige Harvard-Professor Daniel J. Goldhagen wurde als „umstrittener Star“ der Historikerzunft vorgestellt, was vor allem mit der Debatte um sein erstes Buch Hitlers willige Vollstrecker zu tun haben dürfte, das in seiner groben Vereinfachung den Widerspruch vieler renommierter Historiker provozierte. Auch sein neues Buch ist wissenschaftlich einfach, teilweise holzschnittartig konzipiert und hält für den Themenkomplex Völkermord oder Genozid die simple Lösung „Krieg führen“ bereit.

Im Jüdischen Museum in Berlin wurde das neueste Buch von Daniel Goldhagen Schlimmer als Krieg: Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist vor etwa 200 Interessierten der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. Moderiert wurde der Abend von Jaques Schuster, Redakteur der Tageszeitung DIE WELT. Dieser nahm zunächst den amerikanischen Historiker gegen seine Kritiker in Schutz und sprach davon, dass Goldhagen immer neue Debatten und Forschungen anstoßen würde.

Persönliche Angriffe auf den Autor wertete er vor allem als Neid auf den Erfolg, den Goldhagen mit seinen Büchern hat. Schuster sagte, er habe den Eindruck, dass bei einigen Rezensenten dementsprechend „mehr“ als nur wissenschaftliche Kritik hinter den teilweise drastischen Verrissen stecke. Nach einem kurzen Ausschnitt aus der ARD-Dokumentation über Goldhagens Buch, das seine Gespräche mit ehemaligen Hutu-Milizionären zeigte, erläuterte der Historiker kurz die Thesen seines neuen Werkes.

Er sprach von „kleinen und großen Wahrheiten“, davon, dass Völkermord eine persönliche Entscheidung gegenüber den Opfern darstelle, Völkermord ein größeres Problem als Krieg ist, diese Vorgänge aber nicht über unser Verständnis oder unsere Kontrolle hinausgingen. Er forderte, Völkermord müsse in das Gesellschafts- und Politikverständnis eingehen, es sollte ein „zentrales Problem der internationalen Politik“ werden und damit einen „substantiellen Wechsel der Perspektive in der Politik“ möglich machen.

Man konnte den Eindruck gewinnen, der Historiker sei in der internationalen Politik, der Krisen- und Konfliktforschung sowie der Kriegsursachenforschung nicht nur nicht auf dem neuesten Stand, sondern ignoriere diese absichtlich. Das störte zwar auch nicht, als er Völkermorde beschrieb oder seine Gespräche mit Opfern und Tätern schilderte. Die Reaktionen des Publikums zeigten, dass seine Analysen so schlecht nicht sind, aber seine Folgerungen und Vorschläge sind, gemessen an der internationalen Debatte, veraltet.

Völkermord darf sich nicht mehr lohnen

Daniel Jonah Goldhagen
Daniel Jonah Goldhagen

Goldhagen definierte den Völkermord als Manifestation eines größeren Programms, das er als „Eliminationism“ bezeichnete. Völkermord beruhe auf dem Willen zur Tat. Es werde die bewusste politische Entscheidung getroffen, eine Gruppe zu stigmatisieren, sie aus dem gesellschaftlichen Leben auszugrenzen und sie anderen Maßnahmen zu unterziehen, bis zur physischen Vernichtung. Neu an Goldhagens Vorstellung ist lediglich, dass er nun die Kosten-Nutzen-Rechnung der Verantwortlichen für diese eliminatorische Politik verändern will. Ziel: Die Option Völkermord soll ausscheiden.

Da für ihn das Ganze ein internationales Problem ist, forderte er eine dementsprechend internationale Lösung. Goldhagen erklärte prinzipiell das gesamte System internationaler Politik als fehlerhaft und mitverantwortlich. Dafür entwarf er selbst ein „Anti-Eliminations-System“, bestehend aus einem Präventiv-, Interventions- und Bestrafungs-System. Wobei er der Prävention, wie er sie versteht, klar den Vorzug gibt. Dazu bedürfe es „glaubwürdigen Drucks“. Der „Westen“ müsse „umgehend“ ein Land, das eine eliminatorische Politik beginnt, bombardieren, natürlich nur die Militärbasen, da damit die Kosten für die Verantwortlichen zu hoch würden und ihre eliminatorische Politik keinen Nutzen mehr bringt. Somit wäre der Genozid abgewendet.

Goldhagen erkannte jedoch selber an, dass es vielleicht nicht möglich ist, Großmächte wie China (Tibet) oder Russland (Tschetschenien) anzugreifen. Aber für kleinere Staaten hält er dies für ein probates Mittel. Insgesamt warfen Goldhagens Thesen mehr Fragen und vor allem Verwirrung auf, als er auflösen konnte. Die Ideen und Lösungsansätze sind bestenfalls grob vereinfachend. Das ist alles sehr idealistisch und wirklich gut gemeint, aber leider wirkte die Theorie nicht sehr durchdacht.

Goldhagen, Daniel J.,
Schlimmer als Krieg: Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist,
(2009), München, Siedler Verlag,
688 Seiten,
ISBN: 978-3-88680-698-0, 29,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag.


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Ein Kommentar
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  1. Aber es bleibt doch die Frage, wie glaubwürdig bzw. abschreckend eine von der Staatengemeinschaft proklamierte “responsibility to protect” ist, wenn es seltenst zu drastischen Maßnahmen kommt, wann immer ein Genozid beginnt. Auch wenn Länder wie China und Russland sicher nicht zu einer anderen Politik zu zwingen sind, viele Diktaturen Afrikas würden auf militärischen Druck sehr wohl reagieren. Rwanda und Srebrenica wären, den entsprechenden Willen der Großmächte vorausgesetzt, zu verhindern gewesen.

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