An der Protest-Front bröckelt es

01. Dez 2009 | von Jan-Paul Franken | Kategorie: Bildung

Zwei Nürnberger Studentinnen vor dem besetzten Leipziger Rektorat
Zwei Nürnberger Studentinnen vor dem besetzten Leipziger Rektorat

Spaltung in den Universitäten: Im Bildungsstreik sind sich die Studenten über ihre Ziele uneinig. Außerdem haben sie die Rektoren und Präsidenten ihrer eigenen Hochschulen als Feindbild errichtet. Von Jan-Paul Franken und Petra Sorge

Eine Pressekonferenz des Studentenrates, mit Kameras und Dutzenden Journalisten: Das gab es so in Leipzig noch nie. Die gewählten Vertreter der Studierenden wollen anlässlich der siebten Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ihrem Unmut Luft machen. „Die HRK versteht sich als die Stimme der deutschen Hochschulen, ist aber weder demokratisch legitimiert, noch finden andere Mitgliedergruppen außer den Hochschullehrern Mitbestimmungsrecht“, sagt Ulrike Nack, Sprecherin des Studentenrats Leipzig.

Rund 8000 Studenten bekräftigten ihre Worte. Sie gehen in Leipzig auf die Straße, um gegen Studiengebühren und das „Master-Desaster“ – also die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master im Rahmen des Bologna-Prozesses – zu demonstrieren. So wie zehntausende Kommilitonen und Schüler im ganzen Land. Auf Transparenten skandieren sie: „Wir sind das Hackfleisch in der Bolognese!“ und „Mit leerem Kopf nickt sich’s besser“.

Kritik an der „Ökonomisierung der Hochschulen“

Den Rektoren und Präsidenten der deutschen Universitäten werfen sie vor, die „Ökonomisierung der Hochschulen“ maßgeblich vorangetrieben zu haben. Aus Protest hatten die Studierenden im Vorfeld der HRK-Tagung eine Einladung zum Dialog abgelehnt. Stattdessen erstellten sie einen Forderungskatalog, der unter anderem die Studiengebührenfreiheit und die Absage an Zulassungsbeschränkungen umfasste.

Die Hochschulrektoren zeigten sich „ein bisschen enttäuscht“ darüber – so deren Vorsitzende Margret Wintermantel. Sie betont, dass der Bologna-Prozess irreversibel sei. Bereits vier von fünf Studiengängen sind in die Bologna-Struktur überführt worden – ausgenommen einiger kirchlicher und künstlerischer Angebote.

Zwei Drittel der Bachelorabsolventen zufrieden

Der Bildungsstreik vor dem Bundesverwaltungsgericht
Der Bildungsstreik vor dem Bundesverwaltungsgericht

Und sie hebt die Erfolge der Studienreform vor: „Die Verkürzung der realen Studiendauer und die wachsende Akzeptanz der Bachelorabsolventen am Arbeitsmarkt ist inzwischen von unabhängiger Seite bestätigt.“ Sie zitiert zudem eine Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung Kassel, derzufolge 86 Prozent der neuen Absolventen ein Jahr nach dem Studienabschluss den Berufseinstieg geschafft haben. Mehr als zwei Drittel seien „zufrieden“. Wintermantel räumt aber ein, dass es in einigen wenigen Studiengängen noch Probleme gäbe. Die müssten noch „entschlackt“ werden.

Die HRK-Vorsitzende wird in ihren Ausführungen unterbrochen: Acht Studenten verschaffen sich Zutritt zum Pressegespräch. Sie werfen der Runde vor, „nicht legitimiert“ zu sein. Der Studentenrat Leipzig distanziert sich vorsichtig. Die Störung sei eine „andere Form des Protests“. Genauso schätzt der Rat die Stürmung des Leipziger Rektorats ein, welches die Studenten tagelang besetzt halten.

Das ist kein Einzelfall: An vielen Universitäten bröckelt es in der Protest-Front. So auch in Bonn. Als dort Mitte November ein großer Demonstrationszug durch die Innenstadt geplant wurde, kamen von den angekündigten 2500 Demonstranten lediglich knapp 1000. Das nasskalte Wetter hatte wohl viele davon abgehalten, für ihre Bildung zu demonstrieren.

Polizei räumt Hörsaal

Doch die größte Enttäuschung ist, dass von den fast 30.000 Studenten der Universitätsstadt nur knapp 300 in der Demo mitgehen. Den größten Teil stellen die Bonner Schüler. Anschließend besetzen die Demonstranten, nach dem Vorbild anderer Universitäten, den Hörsaal 1. Die Hochschulleitung geht gegen die Besetzer mit allen Mitteln vor. Erst wird der Strom abgeschaltet, am Abend mit Räumung gedroht. Als die Polizei anrückt, verlassen die Studenten freiwillig den Hörsaal. Am nächsten Morgen sind sie jedoch wieder da. Die Universitätsleitung gibt vorerst nach und überlasst den Studenten den Hörsaal für ihren Streik.

Die Aktion spaltet die Bonner Studentenschaft: Weder Hochschulgruppen noch Fachschaften unterstützen den Bildungsstreik. Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta), der vom CDU-nahen Ring Christlich-Demokratischer Studenten geführt wird, lehnt die Hörsaalbesetzung ab. Denn so würde den Kommilitonen der Zugang zu den Bildungsveranstaltungen verwehrt. Zwar fordert auch der Asta die Verbesserung von Lehre und Studium im verschulten Bachelor- und Master-Programm. Doch die Abschaffung der Studiengebühren und des Hochschulrates lehnt der Ausschuss ab.

Rektoren als falsche Feinde?

Der Bildungsstreik vor dem Alten Rathaus in Bonn
Der Bildungsstreik vor dem Alten Rathaus in Bonn

Das Thema Studiengebühren droht zum Zankapfel der Bildungspolitik zu werden. Was das bedeutet, weiß eine Lehramtsstudentin aus Nürnberg, die anonym bleiben möchte: „Wir zahlen 542 Euro pro Semester und bekommen nur in einer Vorlesung die Skripte gestellt.“ Weil sie alle anderen selbst ausdrucken muss, hat sie extra ein Konto bei einer Bank eröffnet, wo es einen Drucker kostenlos dazu gab. Die 21-Jährige arbeitet neben dem Studium etwa dreißig Stunden pro Woche in einer Disco. Sie erhält kein Bafög – obwohl ihre Mutter alleinerziehend ist.

Trotzdem hat sie Verständnis für die Gebührenpolitik: „Den Universitäten wurde doch so lange das Geld gekürzt, dass sie gar keine andere Möglichkeit hatten als Studiengebühren zu fordern.“ Haben sich die Protestler also mit den Rektoren den falschen Feind ausgesucht?

Krasse Qualitätsgefälle

Von einer Forderung jedenfalls ist während der Leipziger Konferenz der Hochschulrektoren nichts zu lesen: die Universitäten besser mit Geld auszustatten. Da jedes Bundesland selbst für die Verteilung der Finanzen zuständig ist, kommt es in der Hochschullandschaft zu krassen Qualitätsgefällen. Die Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität etwa verfügt über 50 Prozent mehr Mittel als die sächsischen Unis, sagt Franz Häuser, Rektor der Leipziger Universität. Auch seien die Abbrecherquoten und die Überlastung bei Bildungseinrichtungen ohne Studiengebühren deutlich höher. Mit Blick auf die Demonstranten fragt Häuser: „Warum klagen sie uns an, wenn wir in erster Linie die Opfer sind?“ Und die HRK-Vorsitzende Wintermantel legt eins drauf: „Was sollen wir denn machen? Sollen wir die Banken überfallen?“

Ihrem Ärger wollen die Rektoren am 10. Dezember Luft machen. Dann nämlich tagt die Kultusministerkonferenz in Bonn. Dafür hat die HRK auch gleich eine Wunschliste. Die Länder sollten die gemeinsamen Strukturvorgaben überarbeiten. „Ein anderer Wunsch ist die Schließung der Finanzierungslücke“, sagt Margret Wintermantel.

Der Rektor der Bonner Uni, Jürgen Fohrmann, hat seinen Studenten auch schon ein Friedensangebot gemacht: Er will sich bei den Dozenten für die Aufhebung der Anwesenheitspflicht am 10. Dezember einsetzen. Vielleicht, so hofft er, werden die Studenten dann nicht gegen die Universitätsleiter protestieren. Sondern gegen die Kultusminister – gemeinsam mit den Rektoren.


Die Bildrechte liegen bei Petra Sorge und Raphael Thelen.


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