70 Jahre danach

11. Nov 2009 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Mit den Schüssen des Linienschiffes „Schleswig-Holstein“ auf die Danziger Westerplatte begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Pünktlich zum Jubiläum liegen zahlreiche (Neu)Bewertungen der größten Katastrophe aller Zeiten vor. Ein Überblick über klassische und unkonventionelle Ansätze. Von Bert Große

Wohl kaum ein anderes Ereignis der neueren und neuesten Geschichte ist so umfassend, detailliert und wertend beschrieben worden, wie der Zweite Weltkrieg. Die Bibliotheken weltweit quellen über vor Literatur über den globalen Weltenbrand. Braucht es da wirklich noch neue Darstellungen? Oder sind die zahlreichen Neuerscheinungen nur vor dem Hintergrund des medienwirksamen Jubiläums zu sehen?

Den Weg zum Krieg zeichnet Richard Overy in einem schmalen Taschenbuch nach. Die letzten zehn Tage bieten ein nahezu minutiöses Bild der Verantwortlichen, ihrer Strategien und Aktivitäten. Overy, Historiker an der Universität Exeter, meint, dass Hitler den Krieg gegen Polen zwar unbedingt wollte, dass er aber keinen „Plan zur Welteroberung hatte, in dem Polen das Sprungbrett für ein späteres deutsches Weltimperium war. Tatsächlich haben jüngere Forschungen gezeigt, dass noch nicht einmal Pläne dafür vorlagen, was mit dem eroberten Polen geschehen sollte; auch die Pläne für ein deutsches Imperium in Mittel- und Osteuropa mussten fast vom Nullpunkt aus improvisiert werden.“ Der Band zeigt auch die äußerst angespannte politische Gemengelage in Europa sehr gut.

Umfassend berichtet

Kriegsgeschichte klassischer Art bietet Richard J. Evans voluminöser Abschluss seiner Trilogie zum Dritten Reich. Auf mehr als 950 Seiten Text (komplettiert durch gut 200 Seiten Anmerkungen) zeichnet Evans, Professor für Modern History an der Universität Cambridge die Geschichte des Dritten Reichs im Zweiten Weltkrieg umfassend nach. Durch seine Fokussierung auf die deutsche Seite ist daraus allerdings keine globale Darstellung geworden.

Die Militärgeschichte steht naturgemäß im Mittelpunkt – kein wesentlicher Kriegsaspekt, keine relevante Schlacht bleibt unerwähnt. Wie Evans bei einer Buchvorstellung erwähnte, ist die Form der umfassenden Nacherzählung vor allem für den englischsprachigen Raum gedacht. Seinen umfassenden Wert gewinnt der Band dadurch, dass es ihm gelingt, Militär und Zivilgesellschaft, Holocaust und Euthanasie, Bombenkrieg und Untergang in Verbindung zu sehen.

Auch wenn die Lektüre gelegentlich langatmig ausfällt, die Zitierung zahlreicher bisher unveröffentlichter Quellen (Feldpostbriefe, Tagebücher etc.) machen die Schilderungen nachvollziehbar. So sind die vereinzelten Reaktionen der Kirche im Dritten Reich gegen die organisierten Mordprogramme an Behinderten erwähnenswert. Die Aufrufe in den Gottesdiensten sorgten für Publizität und zivilen Widerstand, der so stark wurde, dass die Nazis die Morde einstellen ließen, die gewonnen Erfahrungen freilich für die späteren Vernichtungslager nutzten.

Meisterhaft verglichen

Norman Davies bietet mit Die große Katastrophe einen weiteren Ansatz. Seine vergleichende Darstellung von 2006 liegt jetzt erstmals in deutscher Sprache vor und darf zu Recht als Meisterwerk der Geschichtsschreibung bezeichnet werden. Statt der wiederholten Nacherzählung lenkt der emeritierte Professor der London University den Blick komparativ auf zahlreiche Faktoren und Perspektiven des Krieges. In seiner fairen Darstellung erhalten die Nationalsozialisten die unzweifelhafte Rolle des Aggressors, aber Davies zeigt auch, dass die Soldaten der westlichen Demokratien an Kriegsverbrechen, Vergewaltigungen und Plünderungen beteiligt waren.

Im ersten Moment gefühlskalt mag sein ökonomischer Vergleich an Sollstärken, Bewaffnung oder Rüstungsausstoß scheinen, aber die klare Sprache der Zahlen lässt den Leser nur fragen, wie verblendet Hitler und seine Gefolgsleute gewesen sein müssen, einen Zweifrontenkrieg gegen das größte Land der Welt und später die leistungsfähigste Ökonomie anzuzetteln.

Davies sieht in der Sowjetunion den eigentlichen Kriegsgewinner. Unter dem Einsatz der gesamten Volkswirtschaft und Menschen im wahrsten Wortsinn als Material gelang es Stalin und der Roten Armee, die Angreifer auch ohne Unterstützung westlicher Alliierter oder amerikanischer Materiallieferungen aufzuhalten, bei Stalingrad und Kursk vernichtend zu schlagen und bis nach Berlin zurückzutreiben. Die Auslöschung einer ganzen Generation wurde durch die Generalität bewusst in Kauf genommen. Davies zeigt auch, das die Rote Armee von einem führungslosen Haufen, dem Stalin die fähigsten Generäle genommen hatte, zur schlagkräftigsten Armee des Krieges wurde.

Was wäre wenn…

Im höchsten Maße spannend ist die Perspektive von Ian Kershaw. In seinem jüngsten Buch Wendepunkte untersucht der in Deutschland durch seine zweibändige Hitler-Biographie bekannt gewordene Historiker zehn relevante Entscheidungen der Jahre 1940/41, die den Lauf des Krieges entscheidend beeinflussten.

Der Mut der Briten, sich auch nach der Niederlage von Dünkirchen gegen die deutschen Aggressoren zu stellen, darf zuallererst Premier Winston Churchill zugeschrieben werden. Kershaw zeigt, dass in London Alternativen in Form eines Waffenstillstands oder sogar die Aufgabe der Hauptstadt und Rückzug in die Highlands ernsthaft erörtert wurden.

Der Historiker der Universität Sheffield beleuchtet auch die in Europa sonst wenig beachtete pazifische Dimension des Krieges. So betrachtet er Japans Aggressionen gegen China und Südostasien nicht nur unter dem Aspekt von Herrenmenschentum und „Lebensraum“. Die mächtige japanische Admiralität sah für die eigene Armee nur ein begrenztes Zeitfenster der militärischen Überlegenheit, um kriegswichtiges Erdöl, Stahl und Kautschuk zu sichern und schickte die Flotte bis zu den weit entfernten indonesischen Erdölfeldern.

Kershaw verfällt nicht in die spekulative „was-wäre-wenn-Perspektive“, aber die Skizzierung möglicher Alternativen und Bewertung der Konsequenzen machen den Band höchst interessant.

Sicher mag die mediale Aufmerksamkeit zum traurigen Jubiläum verantwortlich für die vielen Neuauflagen sein. Sieben Jahrzehnte nach Kriegsbeginn sollte der Bedarf an nacherzählenden Gesamtgeschichten endgültig gedeckt sein. Offene Forschungsfragen gibt es jedenfalls noch reichlich.

Overy, Richard,
Die letzten zehn Tage, Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs 24. August bis 3. September 1939,
(2009), München, Pantheon,
160 S., ISBN 978-3-570-55088-5, 12,95 Euro

Evans, Richard J.,
Das Dritte Reich, Band 3, Krieg,
(2009), München, DVA,
1152 S., ISBN 978-3-421-05800-3, 49,95 Euro

Davies, Norman,
Die große Katastrophe, Europa im Krieg 1939 – 1945,
(2009), München, Droemer Knaur,
848 S., ISBN 978-3-426-27496-5, 36,00 Euro

Kershaw, Ian,
Wendepunkte, Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg,
(2008), München, DVA,
736 S., ISBN 978-3-421-05806-5, 39,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei den Verlagen Pantheon (Die letzten zehn Tage), DVA (Das Dritte Reich und Wendepunkte) und Droemer Knaur (Die große Katastrophe).


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2 Kommentare
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  1. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges liegt bereits 70 Jahre zurück, nicht 60.

  2. Lieber Tim,

    danke für den Hinweis. Ist geändert.

    LG,
    Christian (Heise)

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