Zerissene Türkei

16. Okt 2008 | von WeltTrends | Kategorie: Kooperation mit WeltTrends
Welttrends Heft 62
Welttrends Heft 62

Wirtschaftliche Entwicklung versus politische Zerrissenheit, Militär gegen zivile Kräfte, Religion versus Politik – die derzeitige Situation in der Türkei ist paradox. Das Land am Bosporus ist innerlich gespalten. Im Thema dieses Heftes analysieren türkische und türkischstämmige Autoren die Ursachen und Realitäten einer „Zerrissenen Türkei“ und diskutieren das Phänomen AKP, die Rolle von Militär und Verfassungsgericht, den „Turban“ sowie die Rolle des Westens.

Weitere Themen im aktuellen WeltTrends Heft: Die vertraglichen Grundlagen zur Aufstellung des US-Raketenschildes in Mitteleuropa sind geschaffen. Ist dieser Schild „alternativlos“ oder „provozierend und unreif“? Im Forum diskutieren Militärs und Wissenschaftler. Im Weltblick finden sich aktuelle Beiträge zur Kaukasus-Problematik, zum Präsidentschaftswahlkampf in den USA sowie eine Bilanz zum weltweiten Kampf gegen AIDS. Hinzu kommt ein Porträt Gustav Stresemanns sowie Konferenzen, Literaturberichte, Rezensionen und ein Kommentar zur deutschen Anti-Terrorstrategie.

Titielthema: „Zerrissene Türkei“

Die Rückkehr zur Normalität in der Türkei wird Zeit brauchen. Birgül Demirtaş-Coşkun, Wissenschaflerin an der Universität von Baskent, analysiert die paradoxe Situation, dass die Zerwürfnisse in der Türkei durch ein geringes Vertrauen der Bevölkerung in die Politik und ihre Institutionen verstärkt werden. Das Militär hingegen genießt ein hohes Ansehen. Diesen Gedanken greifen Phillip Schweers, Mitarbeiter des Düsseldorfer Institutes für Außen- und Sicherheitspolitik, und Przemysław Osiewicz, Assistant Professor an der Adam-Mickiewicz-Universität, auf. In ihrer Analyse des türkischen Militärs warnen sie vor einseitigen Urteilen.

Ein Jahr nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zieht Zuhal Yesilyurt Gündüz, Wissenschaftlerin an der Universität von Baskent, eine widersprüchliche Bilanz. Die Themen EU-Beitritt, Präsidentschaftswahl und „Turban-Gesetz“ zeigen, dass die Türkei eine Regierung benötigt, die nicht polarisiert, sondern den Dialog fördert. Dem pflichtet der türkisch-stämmige Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses Giyasettin Sayan bei. Kenntnisreich gibt er einen Ausblick auf die zukünftige politische Entwicklung in der Türkei. Im Gegensatz dazu sind für Savaş Genç, Assistant Professor an der Universität Fatih in Istanbul, die Auseinandersetzungen in der Türkei ein politischer Machtkampf. Dabei geht es für die alten kemalistischen Eliten ums politische Überleben. Für die Vertreter der neuen bürgerlichen, religiös-konservativen Mittelschicht hingegen geht es um ihre Zukunft in einer globalisierten Welt. Ähnlich argumentiert Cemal Karakas in seiner Analyse der AKP. Für den Doktorand der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung bedeutet die Etablierung der Partei einen Fortschritt für die türkische Demokratie. Damit wiederlegt er dem Mythos von der „geheimen islamischen Agenda“.

Abschließend untersucht der Verfassungsrechtler Baris Caliskan detailliert und juristisch fundiert die Bedeutung des türkischen Verfassungsgerichtes.

Weitere Themen im “WeltBlick”

Kaukasus-Problematik: Um diesen Krieg zu verstehen, sind tiefergehende Analysen jenseits der Propaganda nötig. Der Politologe Erhard Crome diskutiert das Problem des Nationalismus im Osten Europas, die Eigenheiten der post-kommunistischen Eliten sowie das Vorgehen des Westens und Russlands in diesem Konflikt.

AIDS: Zwölf Jahre nach Gründung von UNAIDS stellt die Immunschwächekrankheit nach wie vor eine große Herausforderung für die internationale Gemeinschaft dar. Die Dresdener Politologin Sarah Forberger zieht eine kritische Bilanz der zehnjährigen Arbeit der UN-Organisation.

Wahlen in den USA: Politischer Prediger gegen polternden Vietnamveteran? – Mit Barack Obama und John McCain treffen zwei Kandidaten aufeinander, deren Konzepte und Lebenswege kaum unterschiedlicher sein können. Wie der Duisburger Politikwissenschaftler Michael Hennes zeigt, ist jedoch noch offen, ob der Vertreter des „alten“ oder „neuen“ Amerika ins Weiße Haus einziehen wird.

Analyse + Forum: US-Raketenschild

Im Forum diskutieren deutsche Militärs und Wissenschaftler über Zweck und Wirkung des geplanten US-Raketenschildes in Polen und Tschechien: Der Friedens- und Konfliktforscher Wolfgang Kötter aus Potsdam untersucht die widersprüchlichen Ergebnisse bei der Beseitigung der atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen. Während die chemische Abrüstung vorankommt, fehlt dem Verbot der B-Waffen ein wirksames Kontrollinstrument. Das nukleare Nichtverbreitungsregime droht sogar an einer Renaissance der Atomare Waffen zu zerbrechen.
Im Gegensatz dazu sieht Hans Martin Sieg keine Alternative zum Raketenschild. Die Sorgen Russlands seien „nicht wirklich plausibel“. Der Experte für deutsche Außen- und Sicherheitspolitik folgert, dass es „für Europa letztlich nur darum gehen kann, ob die Raketenabwehr ein rein US-amerikanisches System bleibt oder in NATO-Strukturen einbezogen wird“.
Marc Oprach von der Führungsakademie der Bundeswehr, hingegen warnt vor den unabsehbaren Konsequenzen, einer Stationierung von US-Abwehrraketen. Dies könne sogar zu einer Radikalisierung der russischen Innenpolitik führen, die vom „Kampf Russlands um Ebenbürtigkeit“ geprägt ist.
Liegt ein „Hauch von Kaltem Krieg“ in der Luft? Zumindest sieht es Götz Neuneck von der Stiftung für Friedensforschung und Sicherheitspolitik so: „Eine voreilige Stationierungsentscheidung auf europäischem Boden könnte mehr Probleme schaffen als lösen“.

Lesen Sie folgende Artikel des aktuellen WeltTrends-Hefts vorab auf /e-politik.de/:

Savaş Genç: Demokratie, nicht Laizismus um jeden Preis. – Zu den inneren Auseinandersetzungen in der Türkei

Erwin Blattgold: Istanbul 2008

Attila Kiraly: Interessenwahrnehmung

Erhard Crom: Kaukasische Verwicklungen


Mehr über WeltTrends unter: http://www.welttrends.de

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