Wolken über dem neunten Himmel
Am 4. September startet Wolke 9, ein neuer Film von Andreas Dresen. Ohne großen Glamour, dafür aber umso einfühlsamer bringt der Regisseur die Sonnenseiten einer späten Liebe auf der Leinwand zum Strahlen. Die Schattenseiten lässt er dabei nicht im Dunkeln. Ein Interview von Nona Schulte-Römer
Andreas Dresen (Foto rechts) hat sich in den vergangenen Jahren durch Filme einen Namen gemacht, die einen fast schon dokumentarischen Blick auf deutsche Gesellschaftsmilieus werfen, die sonst selten vor die Kamera geholt werden. Zu seinen bekanntesten, von Publikum wie Filmkritik gefeierten Filmen gehören Halbe Treppe (Silberner Bär auf der Berlinale 2002), Willenbrock oder Sommer vorm Balkon. Diesmal erzählt Dresen vom Altsein, von flatternden Frühlingsgefühlen und bitterer gesellschaftlicher Realität.
/e-politik.de/: Inge hat sich verliebt und setzt dafür ihre 30-jährige Ehe mit Werner auf Spiel. Gleich in der ersten Filmszene wird der Zuschauer mit Sex konfrontiert. Aber die Menschen, die sich da hastig ausziehen sind nicht jung und hübsch, sondern alt und faltig. Wie es dazu kommt, dass diese fast 70-jährige Frau den bald 80-jährigen Karl kennenlernt, erzählen Sie allerdings nicht. Warum?
Andreas Dresen: Wir fanden es spannender, nicht so brav einzusteigen und Auslassungen zu machen. Den Beginn der Geschichte muss der Zuschauer mit seiner Phantasie füllen. Manchmal sind die Bilder im Kopf besser als die, die man auf der Leinwand sieht. Wir wollten von einer Frau erzählen, die der Blitz getroffen hat, und wie sie jetzt damit umgeht. Dazu gehörte nicht zu erzählen, wie es eingeschlagen hat. Es hat schon eingeschlagen: Eine Frau sitzt fast fremdgesteuert an ihrer Nähmaschine, rennt die Straße runter, klingelt bei einem Mann und liegt fünf Minuten später mit ihm auf dem Teppich. Genau das ist ihr Gefühl und wir wollten, dass dies auch das Gefühl des Zuschauers ist. Dann kommt sie mit einem anderen Mann zur Tür rein. Wer ist das denn jetzt? Irgendwann stellt sich heraus, das ist ihr Ehemann. War das andere jetzt davor oder danach? Nach und nach baut man sich die Geschichte zusammen.
/e-politik.de/: Was hat Sie dazu gebracht, einen Film über Liebe und Sex jenseits der 70 zu drehen? Ich habe mich schon seit Jahren gewundert, warum es diesen Film eigentlich nicht gibt. Warum traut sich da keiner ran? Gab es Inspirationen?
Andreas Dresen: Ich habe in den 90er Jahren einmal den kleinen Dokumentarfilm eines belgischen Freundes gesehen, den ich sehr anregend fand: Die Männer meiner Oma. Dem Film ging eine Schrifttafel voraus, auf der stand: „Mein Produzent wollte einen Film über Sex. Machen wir, sagte meine Oma“ und dann spricht eine 78-Jährige aus Gera über ihr Sexleben – und so freizügig und so lustig. Das hat mich schon vom Hocker gerissen: Was eine Frau in dem Alter masturbiert noch? Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Irgendwie war ich bis dahin der landläufigen Überzeugung, dass das irgendwann aufhört mit uns und dem Sex – und mit dem Verlieben dann wohl auch. Dagegen hat mich der spanische Film Elsa und Fred irgendwie geärgert, weil es schon wieder diese schrulligen, putzigen Alten waren, die sich noch mal ein Küsschen geben durften und Händchen halten. Da dachte ich, nee, so will ich’s nicht. Dann liest man nach, schaut sich um und erkennt, es ist ja eigentlich ganz anders, als es immer gezeigt wird.
/e-politik.de/: Ihr Film wirkt manchmal fast dokumentarisch, die Bettszenen nicht wirklich sexy.
Andreas Dresen: Ich hasse Sexszenen, in denen alles so glatt daherkommt, in dnen immer alles so geschickt aussieht. Man muss ja nur mal versuchen, sich im Liegen den Schlüpfer auszuziehen, da merkt man ja schon, wie blöd man manchmal daherkommt. Ich finde auch solche Momente gehören in einen Film. Das ist menschlich, das ist real. Das ist ja nicht immer so rein-raus und dann hat man schon den schönsten Orgasmus der Welt. Wenn man so etwas in Filmen sieht, dann denkt man gleich, was bin ich für ein erbärmlicher Liebhaber? So wollte ich die Szenen nicht haben. Die Sexszenen sollten unbeholfen sein, rührend und leidenschaftlich. Wie ich aus Erzählungen von älteren Menschen weiß, kann Sex im Alter sehr schön und zärtlich sein und nicht mehr so leistungsorientiert, „Orgasmus um jeden Preis“. Das ist doch eigentlich eine frohe Botschaft. Es ist außerdem ein Teil dieser Welt und ein immer größer werdender.
/e-politik.de/: War es für die Schauspieler schwierig, die Nacktszenen zu spielen?
Andreas Dresen: Ich glaube das Ausziehen ist letztendlich nicht so schwer. Ich hatte anfangs ziemlich gehemmt erst einmal eine Probe in Kleidern vorgeschlagen, um zu sehen, wer wie liegt und wie es gehen könnte. Aber die Schauspieler haben sich sofort die Klamotten vom Leib gerissen. Wir hatten einfach ziemlich viel Spaß. Wir haben uns im Vorfeld viel darüber unterhalten und uns auch Beispiele angeschaut von Sexszenen, die wir gelungen oder nicht gelungen fanden.
/e-politik.de/: Aber natürlich spielt sich das Leben der Protagonisten nicht nur im Schlafzimmer ab. Inge geht regelmäßig zum Singen. Wie kam der Chor der älteren Damen ins Spiel?
Andreas Dresen: Den Chor gibt es wirklich. Eine Freundin von Ursula Werner (Inge) singt in diesem Chor. Wir haben immer darüber nachgedacht, was die Figuren machen. Normalerweise haben die Leute ja eine Arbeitswelt, das spielt in meinen Filmen immer eine große Rolle. Das fällt bei Menschen in Rente natürlich flach. Dann schlug Uschi vor, sie könnte doch in diesem Chor singen. Und die alten Damen von den „Singenden Tausendfüßlern“, so heißt der Chor, sind wirklich hinreißend.
/e-politik.de/: Die Wirkung der Lieder geht allerdings über die Darstellung eines Hobbys älterer Damen hinaus. Da ist von junger Liebe die Rede oder von „Freude schöner Götterfunken“ für diejenigen, die einen Partner fürs Leben gefunden haben. Andererseits aber auch von denen, die sich „weinend aus diesem Bund stehlen“ müssen.
Andreas Dresen: Ja, es treten ganz verschiedene Effekte ein. Plötzlich hat man so etwas wie einen antiken Chor, der in regelmäßigen Abständen die Handlung kommentiert. Auf der anderen Seite entsteht so eine Art von Verallgemeinerung, wenn man in die Gesichter der anderen alten Damen sieht und sich fragt: Was haben die wohl noch für Geschichten? Als drittes bilden die Proben eine Art Metrum des Alltags, eine Konstante in Inges Leben, etwas das immer wiederkehrt. Die Beziehungen mögen kommen und gehen, diesen Chor wird sie an jedem Mittwoch um 11 Uhr besuchen. Dieser Chor ist für mich etwas unheimliches Optimistisches. Diese alten Damen strahlen ja teilweise richtig beim Singen.
/e-politik.de/: Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Ihr Film gefeiert und hat einen Preis gewonnen. Aber denken Sie, der an schöne Hollywood-Körper gewöhnte Kinobesucher will alten Menschen beim Sex zusehen?
Andreas Dresen: Man denkt: alte Menschen im Kino? Das will doch keiner sehen. Die Leute wollen doch nur die jungen Hübschen sehen. Mal sehen, ob es uns gelingt, den Gegenbeweis anzutreten, ich weiß es wirklich nicht, es würde mich riesig freuen. Aber für mich zählt, dass es den Film jetzt gibt. Ich kann es nicht zum Maßstab meiner Arbeit erheben, ob Leute reingehen oder nicht. Das wäre genauso absurd wie die Fernsehsender, die immer mit der Quote argumentieren.
/e-politik.de/: Ist es wirklich so einfach, nicht nach den Zuschauerzahlen zu schielen?
Andreas Dresen: Ja, wenn der Film nicht so teuer ist. Wir hatten ja noch nicht einmal das Budget eines Fernseh-Tatorts. Der Film ist ja auch von einem Fernsehsender koproduziert und wird im Fernsehen gesendet. Aber natürlich wünsche ich mir, dass der Film viele Zuschauer hat – und zwar durch alle Generationen. Ich möchte ja nicht für den luftleeren Raum erzählen.
/e-politik.de/: Ihre Geschichte endet sehr drastisch. Das Ende lässt Inge fast verantwortungslos erscheinen oder vermittelt den Eindruck, für eine solche späte Liebe, gebe es in unserer Gesellschaft weder Raum noch Verständnis. Hatten Sie noch einen anderen Schluss in Erwägung gezogen?
Andreas Dresen: Wir haben natürlich über alle möglichen Schlussvarianten diskutiert, aber diese war sofort die bevorzugte. Denn man kann zwar erzählen, dass man mit 70 noch die gleichen großen Gefühle haben kann wie ein 16-Jähriger oder eine 16-Jährige. Aber natürlich hat das Handeln andere Konsequenzen. Denn es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man mit 16 verlassen wird oder mit 70. Weil der verbleibende Lebensweg dann nicht mehr so lang ist und damit auch die Gelegenheit, sich neu zu orientieren. Wolke 9 heißt nicht nur, dass man höher fliegen kann. Es kann auch bedeuten, tiefer zu fallen. Das bezieht sich aber nicht unbedingt auf die weibliche Hauptfigur, denn die wird am Ende aufgefangen.
WOLKE 9
Deutschland 2008
98 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Stoffentwicklung: Andreas Dresen, Cooky Ziesche, Laila Stieler, Jörg Hauschild
Produktion: Peter Rommel
Die Bildrechte liegen bei Andreas Dresen
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