Vorolympischer Spießroutenlauf

Die internationale Presse lässt kein gutes Haar an den ominösen chinesischen Fackelwächtern, die derzeit die olympische Flamme begleiten. Doch auch hartgesottene Elitesoldaten haben eigene Gefühle und Sorgen, vermutlich. Manche von ihnen schreiben vielleicht sogar Tagebuch darüber. Was darin wohl stehen könnte… Von Lennart Faix
Liebes Tagebuch,
momentan liege ich auf meinem Bett und betrachte meinen blau-weißen Trainingsanzug, der schlaff an der Garderobe meines Hotelzimmers hängt. In den letzten Tagen bin ich in diesem Fummel etliche Kilometer gejoggt; nicht wie sonst auf dem Trainingsgelände unserer Kaserne. Ich befinde mich auf dem „vorolympischen Spießroutenlauf“ durch feindlich gesinnte Städte in der so genannten freien Welt. Gut, zwischendurch bin ich auch Bus gefahren, aber nur kurz. Jetzt hängt der Anzug da und muffelt schon ein bisschen.
„Ich habe diese ,Tour de Feu’ ziemlich satt!“
Ich würde das gegenüber meinem Arbeitgeber natürlich nie zugegeben, aber ehrlich gesagt, liebes Tagebuch, habe ich diese „Tour de Feu“ ziemlich satt. Wäre es nach mir gegangen, hätte der Fackellauf nicht in solchen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA stattgefunden. Dort haben die Menschen einfach keinen Respekt vor großen Symbolen wie dem olympischen Feuer. Stattdessen macht dort jeder, was er will und drängt sich mit seinen kleinen, lächerlichen Privatinteressen in den Mittelpunkt. So kann am Ende nie etwas Großes entstehen. Überflüssig zu erwähnen, dass die Briten ihre Blütezeit erlebten, als sie noch ein richtiges Königreich waren…
Die Zukunft gehört eindeutig Völkern wie uns, den Chinesen, die gemeinsam nach Großem streben. Fragt man etwa eine deutsche Familie aus gutem Hause, so lässt diese ihre Kinder heute Chinesisch, die „Sprache der Zukunft“ lernen; notfalls an einer Privatschule. Gegen staatlich verordneten Französischunterricht in der Grundschule, wie man ihn entlang der Rheinschiene versucht hat einzuführen, laufen die Eltern hingegen Sturm.
„Für mich ist das krank, nichts anderes“
Wie gesagt, ich bin diesen Fackellauf müde. Es ist schon anstrengend genug einen gestählten Ein-Meter-Neunzig-Körper zu haben, kilometerweit zu rennen und obendrein noch verschiedene Fremdsprachen und Nahkampftechniken zu beherrschen. Jetzt sind da auch noch diese aufmüpfigen Guerilla-Tibeter und ihre degenerierten westlichen Helfer, die im Dalai Lama so etwas wie ihren esoterischen Oberguru sehen. Für mich ist das krank, nichts anderes.
Einige Male mussten meine Kollegen und ich beherzt zupacken, um die Fackel vor Angriffen zu schützen. Die unfähigen Polizisten in London und Paris waren dazu nicht in der Lage. Die Pariser haben sich zudem noch mit ihren kindischen Rollerblades blamiert; nicht nur sich, sondern ganz Frankreich. Immerhin war es in Buenos Aires ein bisschen ruhiger. Mich hat das nicht gewundert, denn die Argentinier wissen noch aus der jüngeren Vergangenheit, wie man ein Volk auf Linie hält.
Ich bin schon auf unseren Aufenthalt in Canberra gespannt: Der dortige Premierminister Kevin Rudd hat nämlich schon ganz groß getönt: Solche Leute wie wir, also die chinesischen Fackelwächter, kämen ihm nicht ins Land. Seine Polizisten könnten allein aufpassen. Ich frage mich, was australische Ordnungshüter haben, was die französischen nicht haben. Knieschützer? Reflektorenstreifen?
Wir jedenfalls haben eine Spezialausbildung genossen, die uns auf noch ganz andere Dinge vorbereitet hat, als ein paar kümmerliche „Pro-Tibeter“ zu Boden zu zerren. Und lass dir eines gesagt sein, mein Tagebuch: Manche meiner Kollegen konnten sich nur mit Mühe beherrschen, diese Fähigkeiten anzuwenden.
„Glauben die, dass wir Territorium gegen Olympia tauschen?“
Tibet gehört zu China und wir Chinesen haben unsere eigenen, bewährten Methoden. Das ist nicht nur dem IOC schon länger bekannt. Was glauben denn diese Demonstranten? Dass wir Territorium gegen Olympia tauschen? Und was, wenn wir erst einmal anfingen, den Tibetern freizustellen, zu welchem Land sie gehören möchten? Glauben die Leute im Westen tatsächlich, das seien die Einzigen, die sich bei uns nicht so recht wohl fühlen? Da gibt es noch die Uiguren, die Christen, die Studenten,… glaub mir, liebes Tagebuch, da gibt es eine ganze Menge an potentiell Umorientierungsbereiten. Wir werden jedenfalls nicht erlauben, dass uns ein ähnliches Schicksal wie den Serben widerfährt und wir am Ende gerade noch Peking plus Vororte als China bezeichnen dürfen.
„Auch im Westen gibt es noch vernünftige Menschen“
Aber, liebes Tagebuch, auch im Westen gibt es noch vernünftige Menschen wie zum Beispiel Thomas Bach, Vizepräsident des IOC. Der hat nämlich eines genau erkannt: Das Olympische Komitee ist nun mal keine Weltregierung, die das Recht hätte Prädikate wie „gut“ oder „böse“ an Staaten zu vergeben als seien es Zertifikate für giftstofffreies
Kinderspielzeug. Recht hat er; wenigstens einer.
Dem Rest der heuchlerischen Westler-Sippe würde ich gerne zurufen: „Besinnt Euch auf Eure kulturellen Wurzeln der Antike!“ Die von Euch so hoch geschätzten alten Griechen zum Beispiel, die haben die Logik erfunden. Nun geht aus den „fundamentalen Prinzipien des Olympismus“ in der IOC-Charta ganz klar hervor, dass jegliche Art von Diskriminierung unvereinbar mit dem olympischen Gedanken ist. Ferner kann nur derjenige Teil der Olympischen Bewegung sein, der sich im Einklang mit diesen Prinzipien befindet.
Was also folgert man nach den Gesetzen der Logik aus der Tatsache, dass die Spiele nach Peking vergeben wurden? Siehst Du, mein Tagebuch, ich wusste, dass Du es kapierst.
Die Bildrechte liegen bei Carolincik (Tibetische Frau, Chinesische Flagge); unusualimage (Londoner Polizisten); zoonabar (Fackelläufer); angela7dreams (Uigurische Fahnen) und sind unter Creative Commons lizensiert.
Weiterführender Link:
Die IOC-Charta (Englisch)
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I love it! Ein abgefahrener Text, weil ungewoehnliche Perspektive ueber ungewoehnlichen Missstand. Mich in einen chinesischen Fackelwaechter hineinzuversetzen, waere mir schwer gefallen, umso interessanter war es, zu lesen, wie es darin aussehen koennte.