Tango – eine argentinische Arbeiterbewegung
Die schönste soziale Bewegung Argentiniens ist der Tango. Der Weg des exotischen Tanzes von Südamerika nach Europa war nicht immer einfach, aber spannend und unaufhaltsam. Von Erwin Blattgold
In seinem Aufstieg zum Nationaltanz spiegeln sich die Pirouetten der argentinischen Identität zwischen „Zivilisation und Barbarei“ – so zumindest benennt es ein gleichnamiger Klassiker argentinischer Literatur. Auf widersprüchlichen Zuschreibungen von Pampa und Stadt, Europa und Lateinamerika gründet sich Argentinien; und auf dem Verlangen, empfundene Rückständigkeit durch Europäisierung zu überwinden.
Der einst verachtete Tanz aus den Arbeitervierteln von Buenos Aires ist neben Rindfleisch wohl der bekannteste Exportartikel des Landes. Seinen Ursprung hat er in den Sklaventänzen des Rio de la Plata. Zum Tango wurde er Ende des 19. Jahrhunderts im bundscheckigen Gemisch der Barrios in Buenos Aires, wo die Gestrandeten aus der nahen Pampa und dem fernen Europa Land erreichten. Zahllose Texte erzählen vom Leben auf der Straße, in Bordellen und vom Leid verlassener Liebhaber.
Verlassen, vergessen und einsam
Der „Hombre Tanguero“ ist ein trauriger Mann und leidender Macho. Verlassen von der Frau seines Herzens sucht er Trost im Alkohol und im Tango, dessen formalisierte Regelsprache ihm Unnahbarkeit und den unangefochtenen Führungsanspruch gewährt. So ist der Tango getanzte Verführung und Enttäuschung in einem.
Das Wechselspiel von Verlangen und Ernüchterung spiegelt sich auch der politischen Geschichte Argentiniens. Das Land wurde nach Erlangen der Unabhängigkeit 1816 vom Konflikt zwischen den Autonomiebestrebungen der feudal regierten Provinzen und den Interessen einer marktliberalen und zentralstaatlich orientierten urbanen Bourgeoisie geprägt. Immer förderte man dabei die europäische Einwanderung, nicht zuletzt in der Hoffnung, den Geist der Aufklärung des bewunderten Europas heraufzubeschwören.
Europäer suchen ihr Glück in Buenos Aires
Dies findet bis heute seinen Niederschlag in der argentinischen Verfassung, die der gewünschten europäischen Zuwanderung einen eigenen Artikel widmet. Doch statt der Schweizer Uhrmacher und englischen Ingenieure kamen damals vor allem die Ausgegrenzten (Süd-) Europas, bevölkerten das explodierende Buenos Aires und taten ihren Teil zur Bewegung des Tango. Die argentinische Elite wäre Anfang des 20. Jahrhunderts niemals auf die Idee gekommen, sich mit diesem Unterschichtentanz zu identifizieren. Aber der prosperierende Außenhandel brachte viel Geld und damit auch für die neuen Beef Barons die Möglichkeit, nach Europa zu reisen, besonders nach Paris, die kulturelle Weltkapitale der damaligen Zeit. Mit ihnen reiste der Tango nach Europa, im Unterdeck.
Der Vatikan hält mit Begeisterung zurück
Paris war begeistert. Der Erfolg klassenübergreifend. Einige offizielle Vertreter Argentiniens protestierten zunächst peinlich berührt gegen den „Bordelltanz“. Beinahe wäre der Tango sogar in den Bannstrahl des Papstes geraten, hätte nicht ein berühmter Tänzer persönlich beim Heiligen Stuhl interveniert. Und so erlebte der Tango schließlich seine Renaissance als europäischer Modetanz. Allerdings wurde er für den europäischen Geschmack entscheidend modifiziert – was wäre eine Renaissance ohne ein wenig neuen Putz? Dem Mythos nach weiter ist der Tango ein Tanz der wilden Leidenschaften, dessen anstößige Elemente von europäischen Maîtres de Danse den Tango bereinigt und verändert wurden, etwa indem feste Schrittfolgen an die Stelle von Improvisation treten.
Diesem für seine Zackigkeit bekannten europäischen Tango kann man heute vor allem noch in Finnland begegnen. Über den Umweg durch Europa durchdrang der Tango schließlich ganz Argentinien. Geadelt durch europäische Salons hatte der „Bordelltanz“ seinen Hautgout – im Sinne von hohem Geschmack und Anspruch – verloren und wurde in Tanzakademien nun den höheren Töchtern nahe gebracht. Nach der klassischen Epoche der 1920er bis 1950er und einem zwischenzeitlichen Bedeutungsverlust verlieh ihm Piazzolla Ende des 20. Jahrhunderts neuen Schwung. Seitdem ist der Tango so argentinisch wie ein köstliches Steak.
Ein Spiel, unverbindlich und erotisch
Dem zivilisierten Europäer bietet der Tanz unverbindlich-erotisches, andeutungsvolles Spiel abseits allgegenwärtiger Unterwäschereklame. Hier darf der Mann noch „Herr“ sein und die Frau diesen Umstand genießen. Ein wildes Land erzeugt wilde Männer. Der europäischen Frau vermittelt der Tango dabei die Illusion eines wenigstens Midlife Crisis-resistenten Kerls, den darf sie lächelnd weiterreichen oder aber mit dem Müll runterschicken kann.
Für die Europäer eröffnet der Tango die Möglichkeit fremder Authentizität, auf die Spitze getrieben durch die immer beliebter werdenden Tango-Pauschalreisen in das Land seiner Herkunft. Und labt sich so an fremder Ursprünglichkeit, verdauungsfreundlich gemacht durch einen guten Schuss Musealisierung. Argentinien hat seine getanzte Minne, als sie aus Europa kam, mit offenen Armen empfangen können.
Die Barbarei formalisierter Zügellosigkeit, die die europäischen Füße zucken lässt, ist für die Zivilisierten Argentiniens annehmbar geworden – durch den Kreuzschritt über das bewunderte, ferne Europa. Und mehr als das: bis heute bewegt der Tango die Nation und berichtet lebendig von seinen Ursprüngen.
Dieser Artikel ist Teil der Kooperation zwischen /e-politik.de/ und WeltTrends, Zeitschrift für internationale Politik und vergleichende Studien.
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