Soziologen am Abgrund?

08. Nov 2008 | von Jochen Groß | Kategorie: Politisches Buch

Die deutsche Soziologie arbeitet scheinbar hartnäckig an der Selbstzerstörung. Während sich die Disziplin innerlich noch immer zerstritten zeigt und öffentlich nach wie vor vorrangig mit feuilletonistisch-philosophischen Traktaten hervortut, übernehmen andere die Erklärung sozialer Phänomene – und das durchaus mit Erfolg wie zwei neue Bücher zeigen. Von Jochen Groß

Die Soziologie ist sicher aufgrund ihres Gegenstands eine herausfordernde Wissenschaftsdisziplin. Die Beschäftigung mit sozialen Interaktionen, daraus erwachsenden Strukturen und deren Entwicklungen spricht die Grundlagen und Regelhaftigkeiten des sozialen Miteinanders an und betrifft damit nicht nur uns alle, sondern verändert sich mit der Beschäftigung damit fortwährend. Aber Deutschlands Soziologen, Spezialisten für mögliche Antworten etwa auf die Frage nach der Entstehung sozialer Kooperation, sollte man meinen, beschäftigen sich vorrangig mit sich selbst und bemitleiden sich gegenseitig in dem eigenen Bedeutungsverlust.

Mathematik- und Empiriefeindlichkeit als Grundübel

Während in anderen Disziplinen, allen voran die Naturwissenschaften und auch die Ökonomik, theoriebasierte empirische Forschung unbestritten als Motor kumulativen Wissensfortschritts angesehen wird, können sich Soziologen weder auf ein einheitliches Forschungsprogramm noch auf eine gemeinsame wissenschaftstheoretische Basis besinnen. So ist in der Disziplin unklar, ob man soziale Phänomene erklären oder verstehen sollte und wie beides zu erreichen sei. Dabei schlägt dominant eine Mathematik- und Empiriefeindlichkeit durch, die angesichts des Erfolgs anderer Disziplinen, welche sich genau auf diese Aspekte fokussieren, anachronistisch erscheint.

So stützen sich Ökonomen auf präzise, formalisierte Theorien, welche klar an der Realität prüfbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge postulieren, welche dann möglichst rigoros empirisch geprüft werden. Folglich wundert es nicht, dass auf der Suche nach Antworten auf unbestreitbar zentrale soziologische Fragen – etwa nach der Auswirkung der Globalisierung auf die internationale Einkommensungleichheit oder zur Chancenungleicheit im Bildungssystem – insbesondere von Ökonomen belastbare Befunde präsentiert werden. Diese nutzen die theoretische wie empirisch-statistische Schwäche von Soziologen aus. Theoretisch schwach ist die moderne Soziologie deshalb, weil sie zumeist Theorien formuliert, die gar nicht darauf ausgelegt sind, jemals mit der Realität konfrontiert zu werden – entsprechend schwer gestaltet sich dies dann auch, wie etwa der Diskurs um Ulrich Becks Individualisierungsthese zeigt.

So zeigen uns Wirtschaftswissenschaftler, wie das Elfmeterschießen funktioniert, warum hässliche Menschen eher kriminell werden und sind auf einem guten Weg, das aus klassisch ökonomischer Sicht paradoxe Schenken zu erklären. Soziologen hingegen diskutieren, ob der Akt des Schenkens nicht zu komplex sei und sich damit jedweder Erklärung entziehe – im Prinzip eine Kapitulation vor dem eigenen Gegenstand. Neben den Ökonomen entdecken nun Physiker und bereits seit längerem Biologen, dass auch sie mit ihrem Theorie-Empirie-Kanon soziologische Fragen bearbeiten können – und drängen damit die intern diskutierende Soziologengemeinde weiter ins Abseits

Biologen vs. Ökonomen

Physiker und Biologen verstehen es dabei offenbar zudem, ihre Ergebnisse allgemeinverständlich zu verkaufen, wie die Bücher von Eckart Voland und Mark Buchanan zeigen. Voland, Professor für Philosophie der Biowissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen, ist einer der führenden Soziobiologen des Landes. In seinem neuesten Buch Die Natur des Menschen zeigt er anschaulich auf, dass Evolutionstheorie und das Verständnis sozialer Interaktion eng verknüpft sind, denn Volands Leitthese lautet: „Menschen gehorchen wie alle anderen Lebewesen der Logik der Evolution“. Anhand zahlreicher empirischer Resultate vom Heiratsmarkt bis zur Ungleichheit zwischen den Geschlechtern fordert diese Abhandlung insbesondere die Familiensoziologie heraus. Dabei stachelt das Buch bewusst die sehr alte Diskussion um „nature vs. nurture“ an, also die Frage, ob Evolution oder kulturelles Erlernen soziale Beziehungen determinieren. Während dies vielerorts noch immer als antagonistischer Gegensatz erscheint, zeigt Voland überzeugend, dass beides zusammengeführt werden muss und stellt schon die weiterführende, jedoch noch unbeantwortete Frage, „welche Lernprozesse aus welchen Gründen von der natürlichen Selektion hervorgebracht werden könnten“.

Auch wenn Voland ureigene soziologische Themen abgrast, sieht er sich eher im Disput mit Ökonomen, deren theoretischer Basis des rational kalkulierenden Individuums er ein „Vollzugsorgan der biologischen Evolution“ entgegenstellt. Eine klare Positionierung gegenüber soziologischen Ansätzen sucht man vergebens – wie auch, wenn diese kaum vorhanden sind.

Physiker: Auf der Suche nach sozialen Regelmäßigkeiten

Während Voland zwar für eine evolutionstheoretische Basis der Gesellschaftswissenschaften steht und diese empirisch zu belegen trachtet, verfolgt der Wissenschaftsjournalist und promovierte Physiker Mark Buchanan in Warum die Reichen reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie einen pragmatischeren Ansatz. Ausgehend von der Grundthese, dass sich Erklärungen sozialer Phänomene weniger auf Menschen als auf Muster konzentrieren sollten, sucht Buchanan erst nach empirisch auffindbaren Regelmäßigkeiten im sozialen Zusammenleben und schiebt anschließend die Erklärung nach. Diese Regelmäßigkeiten findet er empirisch zuhauf: Die Tendenz zur Segregation, Herdenverhalten auf den Finanzmärkten oder plötzlich auftretender ethnischer Nationalismus folgen bestimmten Mustern und können somit erklärt werden, so der Grundtenor Buchanans.

Für das Auffinden von Erklärungen für diese sozialen Muster arbeitet sich Buchanan – ähnlich wie Voland – an ökonomischen Beiträgen zur Soziologie ab. Auch er greift das Menschenbild der Ökonomen an, vornehmlich mit den längst bekannten – und auch in der Disziplin wahrgenommenen und rezipierten – Anomalien rationalen Handelns und entwirft das „soziale Atom“ als unterste Erklärungseinheit der Sozialwissenschaften. Hierhinter verbirgt sich nicht mehr als ein anpassungsfähiges, imitierendes, soziales Wesen, dessen Charakter anhand empirischer Belege skizziert wird. Damit erscheint Buchanans theoretisches Argument nicht gerade neu, weshalb sein Rundumschlag gegen die Sozialwissenschaften sowie die Wortkreation „Sozialphysik“ als Versinnbildlichung eines neu entworfenen Ansatzes zur Erklärung sozialer Phänomene mit physikalischen Methoden deutlich zu hoch gegriffen erscheint.

Soziologie – aber richtig!

Erklären soziologische Phänomene des Alltags: Eckart Voland (links) und Mark Buchanan (rechts)

Sowohl Voland als auch Buchanan (Fotos rechts) liefern spannende und leicht verdauliche Einsichten in die neuen Befunde der Soziobiologie und der so genannten Sozialphysik. Sie bieten aufregende Erklärungen und empirische Illustrationen für Phänomene des Alltags, die uns alle interessieren: Von der sozialen Ungleichheit über Geschlechterdifferenzierung bis hin zum Beleg, dassBlut eben doch dicker ist als Wasser. Dabei liefern die Bücher nicht nur populärwissenschaftlich interessierten Fachfremden neue Einsichten. Dank der jeweils hervorragenden Literaturverweise eignen sich beide Bücher auch für Spezialisten und insbesondere Soziologen. Beide Werke sind eine wahre Wohltat im sozialwissenschaftlichen Bücherwald, da Buchanan und Voland mit klaren, präzisen und empirisch relevanten Aussagen und Befunden aufwarten, aufräumen mit belangloser, widersprüchlicher Sozialphilosophie und deutlich machen, dass gesellschaftlich relevante Sozialwissenschaft notwendiger ist denn je.

Voland, Eckart
Die Natur des Menschen, Grundkurs Soziobiologie,
(2008), München, Verlag C. H. Beck,
174 S., ISBN 978-3-406-56334-8 , 17,90 Euro.

Buchanan, Mark
Warum die Reichen reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie. Neue Erkenntnisse aus der Sozialphysik,
(2008), Frankfurt am Main, Campus Verlag,
262 S., ISBN 978-3-593-38456-6 , 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag C. H. Beck (Eckart Voland und Buchcover: Die Natur des Menschen), beim Campus Verlag (Buchcover: Warum die Reichen reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie) und bei Kate Buchanan (Mark Buchanan).


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2 Kommentare
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  1. Lieber Jochen, deine Kritik schreit nach einem Plädoyer für den Methodenpluralismus. Es wäre traurig, geradezu fatal, wenn Soziologen im Bestreben, ihre in deinen Augen “theoretische wie empirisch-statistische Schwäche” auszugleichen, das Denken jenseits der Variablen aufgäben, nur weil letztere schlagkräftiger in Schaubildern präsentiert werden können. Solange die Weltformel noch nicht gefunden ist, tun die Sozial- und Geisteswissenschaften gut daran, weiter dicht am heißen Brei zu diskutieren. Und eben weil der so heiß ist, kommen sie nicht ganz an ihn ran. Aber würdest du das Erbsenzählen in der lauwarmen Suppe vorziehen, nur weil du ein Rezept dafür hast?
    Wenn sich beispielsweise der Akt des Schenkens für unseren aktuellen sozialen Kontext wirtschaftstheoretisch ausdrücken lässt, ist das toll. Aber deshalb ist das Phänomen aus anthropologischer, ethnologischer, kulturhistorischer oder soziologischer Sicht eben noch lange nicht erschöpfend erklärt. Entsprechend gibt es, wie du weißt, durchaus soziologische Überlegungen sowohl zum Elfmeterschießen als auch zum Schenken und nicht zuletzt zu wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen wie Märkten oder Geld, in denen Ökonomen wertvolle Anregungen für die Ausarbeitung ihrer mathematischen Modelle finden können.
    Sind Buchanans und Volands Abgrenzungsversuche gegenüber der Vorstellung vom homo oeconomicus also nicht eher die Symptome von Interdisziplinarität und öffentlichkeitswirksamer Abgrenzung als Indikatoren für fehlende soziologische Diskussionsarenen? Ich möchte ja meinen, im Kreise der Sozialwissenschaften rennen ‘Sozialbiologie’ und ‘Sozialphysik’ schon offene Türen ein. Konstruktive Grüße, Nona

  2. Liebe Nona,

    danke für Deinen Kommentar, es freut mich natürlich, dass ich mit der Zuspitzung in meiner Rezension Reaktionen herausfordere.

    Zunächst mal verstehe ich meinen Artikel keineswegs als ein Plädoyer für einen Methodenmonismus und schon gar nicht für eine Variablensoziologie. Vielmehr fordere ich ja explizit eine theoriegeleitete empirische Wissenschaft. Meines Erachtens ist das zenrale Problem, dass sich die Soziologie bisher nicht auf eine wissenschaftstheoretische Grundlage und damt ein Theoriebegriff einigen konnte. Insofern wird in der Soziologie so gut wie jede empirieferne Aneinanderreihung von Sätzen als Theorie bezeichnet.

    Möchte man jedoch soziale Phänomene erklären – und dies würde ich als zentrales Ziel jedweder Wissenschaft veranschlagen – benötigen wir ein einheitliches Verständnis einer Erklärung. Mein Argument ist nun, dass uns andere Disziplinen hier vorexerzieren, das man mit Stützung auf ein Erklärungsprogramm das dem Ideal des deduktiv-nomologischen Schemas nach Hempel und Oppenheim folgt, erfolgreiche Wissenschaft betreiben kann. Erfolgreich in dem Sinne, dass diese wissenschaftstheoretische Basis kumulativen Wissenschaftsfortschritt erlaubt. Als Gründe hierfür sehe ich zum einen die Forderung innerhalb dieses Paradigmas nach präzisen Theorien, welche klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge postulieren und zum anderen die Notwendigkeit, der empirischen Prüfbarkeit der hieraus gefolgerten Hypothesen.

    Meines Erachtens reicht gerade das Diskutieren “dicht am heißen Brei” hier nicht aus, um Erkenntnisgewinne zu erzielen. Dies ist – so mein Plädoyer – nur möglich, wenn man sich auch in der Soziologie auf ein Forschungsprogramm einigt und das sollte meiner Auffassung nach sich an den erfolgreichen Konzepten anderer Disziplinen orientieren. Hierfür sind nicht zwingend formale Theorien notwnedig, aber meines Erachtens sehr hilfreich, denn die Mathematik ist hinreichend präszise und erlaubt es vergleichsweise einfach das deduktive Potenzial von Theorien offenzulegen. Und gerade soziologische Ansätze lassen zumeist Präzision vermissen. Ein weiteren Vorteil der Formalisierung würde ich gerade in der Interdisziplinarität sehen. Hiermit wäre ein fächerüpbergreifender Austausch viel leichter möglich als auf rein sprachlicher Ebene, wenn man die diversen Fachsprachen, gerade auch die der Soziologen berücksichtigt. Sicher ein Grund, warum gerade Physiker wie Buchanan oder Biologen wie Voland sich insbesondere mit Ökonomen, die soziologische Themen bearbeiten auseinandersetzen und weniger mit Soziologen.

    Zweifellos richtig ist, dass insbesondere klassische Arbeiten von Soziologen zahlreiche Anstöße zur Durchdringung der verschiedenen, auch im Artikel angesprochenen, Themen liefern. Gerade beim Schenken ist hier an die Arbeiten von Gouldner, Malinowski oder Mauss zu denken. Diese Arbeiten werden etwa auch von den Ökonomen wahrgenommen und deren Ideen entsprechend genutzt. So wurde beispielsweise die Idee der Existenz einer Norm der Reziprozität in spieltheoretischen Modellen integriert. Interessant ist jedoch, dass diese neuen Arbeiten auf Grundlage klassischer soziologischer Ideen nicht von Soziologen angefertigt werden und diese hier offenabr wenig beizutragen haben. Mein Punkt hier wäre also keineswegs der, dass Soziologen einen Mangel an relevanten Ideen aufweisen, aber dass sie insbesondere aus den vorliegenden Ideen zu wenig machen.

    Beste Grüße
    Jochen

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