Skandale machen Geschichte

02. Feb 2008 | von Andreas Morgenstern | Kategorie: Museen und Bibliotheken

Skandale_Plakat.jpgSkandale zeigen Missstände auf, sind aber damit ein Teil der Demokratie. Das Bonner Haus der Geschichte dokumentiert 20 Skandale, die in vielen Fällen auch gesellschaftliche Veränderungen anstießen. Die Ausstellung zeichnet damit auch deutsche Nachkriegsgeschichte nach. Von Andreas Morgenstern

Das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland präsentiert gegenwärtig in einer Sonderausstellung einen Gang durch die (bundes-)deutsche Nachkriegsgeschichte entlang ihrer Skandale. Der Bogen ist dabei weit gespannt. Das Museum erinnert mit seinen 20 ausgewählten Beispielen an gesellschaftliche Tabubrüche, Polit- und Wirtschaftsskandale und die zu lang ausgebliebene Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Aufruhr und Fehlanzeige

Die Ausstellung begrüßt ihre Besucher gleich mit zwei Fällen, die eindrücklich eine Veränderung der Moralvorstellungen in der bundesrepublikanischen Geschichte offenbaren. Riefen die Melange aus exklusivem Leben und geheimnisvollem Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und der Aufruhr um das Melodram “Die Sünderin” mit Hildegard Knef in den 1950er Jahren noch Schlagzeilen und öffentliche Aufregung hervor, so kommen derlei Meldungen heute kaum noch über den Medienboulevard hinaus.

Rosemarie.jpgWährend der Besucher diese Skandale heute eher mit einem Lächeln ansieht, so kann er sich gegenüber einem späteren Fall einer eigenen Positionierung nicht mehr entziehen: Die Auseinandersetzung um illegale Abtreibungen durch einen Memminger Arzt in den Achtzigern macht auf ein Thema aufmerksam, das auch noch nach der beschlossenen Fristenlösung kontroverse Diskussionen hervorruft.

Besonders spannend ist, dass die Kuratoren auch Medienskandale thematisieren, definieren sie doch Skandale als “Verfehlungen, die im Zuge ihrer Enthüllung eine breite öffentliche Entrüstung auslösen”, wobei die Medien hierbei eine “wichtige Rolle” spielen. So gewinnen die ausgewählten Affären, wie die Posse der Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher durch den “Stern” und die skrupellose Inszenierung des Gladbecker Geiseldramas besondere Bedeutung, zerstörten sie doch das Vertrauen in den Enthüllungsjournalismus. Dagegen hatte die “Spiegel”-Affäre des Jahres 1962 noch zu einer Stärkung des freien Pressewesens beigetragen und ist ebenfalls in der Ausstellung vertreten.

Skandalöse Geschichtsaufarbeitung

Der Rundgang durch die Schau offenbart auch, wie schwer sich die Bundesrepublik mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit tat. Genannt werden hier der erzwungene Rücktritt des CDU-Bundesministers Theodor Oberländer, Rolf Hochhuths Bühnenstück “Der Stellvertreter“, die Ohrfeige Beate Klarsfelds und auch Philipp Jenningers missratene Gedenkrede zur “Reichskristallnacht“. Wie kontrovers diese Frage noch immer behandelt wird, zeigte sich ja gerade in den Auseinadersetzungen um den späteren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, die im letzten Jahr wieder aufflammte.

Bei allen präsentierten Skandalen dokumentieren die Kuratoren mehr als nur den verbreiteten Widerwillen zur Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit vieler bekannter Protagonisten der Nachkriegsgeschichte, deren persönliche Verantwortung im Unterschied zur großen Bevölkerungsmehrheit benannt wurde.

Zwielichtige Politik und Schmutzwirtschaft

Natürlich dürfen in solch einer Präsentation auch die prominentesten Politskandale nicht fehlen. Die Ausstellungsmacher erinnern an die Affären um den als “Witwenmacher” berüchtigten Starfighter, die Flick-Affäre und natürlich den inzwischen legendenumwobene Barschel-Pfeiffer-Skandal.

Packung.jpgSchließlich tönt durch die Ausstellungshalle das berühmte “saludos amigos” des bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl, der noch kurz vor seinem Abtritt wegen Bestechlichkeit sein freundschaftliches Verhältnis zu Unternehmern rechtfertigte. Hierzu passen auch die Fälle von Wirtschaftskriminalität, im Haus der Geschichte anhand des zuletzt in die Schlagzeilen zurückgekehrten Skandals um das Schlafmittel Contergan, des Hormonskandals um Masttiere stellvertretend für viele Lebensmittelskandale, der Pleite der DGB-eigenen “Neuen Heimat“, des Bundesligaskandals und der umstrittenen Übernahme des Traditionsunternehmens Mannesmann durch das britische Vodafone dargestellt.

Der mündige Besucher ist gefordert

Der Gang entlang der Stellwände und Vitrinen fordert den Besucher zur ständigen Auseinandersetzung mit den Exponaten heraus. Hier ist nicht der Raum für ein seichtes Unterhaltungsprogramm, er muss sich diese Schau immer wieder selbst erarbeiten. Wiederholt stellt sich die Frage, worin denn nun bei dem Facettenreichtum aus Verfehlung, Enthüllung – meist verbunden mit juristischer Aufarbeitung – und öffentlicher Debatte der eigentliche Skandal lag. Bestand das Skandalöse wirklich in den eigentlichen Vergehen oder nicht vielmehr in der Verwicklung zwischen den Ereignissen einerseits und deren medialer Darstellung andererseits? Oder lag der Skandal in manch fragwürdiger Gerichtsentscheidung?

So erfährt der Besucher, dass im Contergan-Skandal das Verfahren gegen den Hersteller Chemie Grünenthal ohne Schuldspruch eingestellt wurde. In den Skandalen um die NS-Vergangenheit der CDU-Politiker Oberländer und Kurt Georg Kiesinger scheint gar die Beeinflussung einer freien Gesellschaft durch Propaganda aus der DDR gelungen zu sein. Entsprechend stellen sich die Skandale meist sehr verwickelt dar. Während die Kuratoren die Fälle detailliert dokumentieren, verzichten sie auf deren Beurteilung. So wird der Besucher zur Meinungsbildung angeregt.

Insgesamt bieten sich viele neue Erkenntnisse, wobei die einzelnen Skandalpräsentationen stets auch die Lehren aufzeigen, die eine offene Gesellschaft aus Verfehlungen ziehen kann. Der Besucher erfährt beispielsweise, dass die Vorgängerinitiative der “Aktion Mensch“, die “Aktion Sorgenkind“, infolge der gesteigerten Aufmerksamkeit für das Schicksal von Behinderten nach dem Contergan-Fall gegründet wurde. So erzählt die Ausstellung auch durch ihre sinnvolle Auswahl eine Geschichte der Bundesrepublik. Zugleich zeigt sich auch die Aktualität mancher Themen; sind doch Untersuchungsakten im Fall Barschel-Pfeiffer weiter unter Verschluss und bieten so noch immer Raum für vielfältige Spekulationen.

Augstein.jpgEin Wermutstropfen ist, dass die Schau mit einer Ausnahme Skandale in der DDR ignoriert. Geschuldet ist dies der starken Fokussierung der Ausstellungsmacher auf die skandalisierende Funktion freier Medien, die in Diktaturen mit einem staatlichen Meinungsmonopol nicht gegeben ist.

So bleibt allein die nun merkwürdig isoliert wirkende Darstellung der Fälschung der Kommunalwahlen übrig, die durch Samisdatschriften und Berichte der Westmedien publik wurde. Unerwähnt bleiben hingegen Ereignisse wie die “Kaffeekrise” des Jahres 1977, als devisenträchtiger Bohnenkaffee mit Surrogaten versetzt worden war. Die Empörung gegen diese Qualitätsverschlechterung, sichtbar durch eine Vielzahl von Eingaben aus der Bevölkerung, erzwang schließlich deren Rücknahme. So hätte man den Ausstellungsmachern etwas mehr Mut gewünscht, aus dem klassischen Bild des Zusammenspiels zwischen Medien und öffentlicher Empörung zur Skandalisierung auszubrechen.

Ein Besuch lohnt

Die Ausstellung Skandale in Deutschland nach 1945 verschafft spannende Einsichten in die deutsche Nachkriegsgeschichte, zeigt deren Kontinuitäten aber insbesondere auch den gesellschaftlichen Wandel. Die Auswahl der Skandale ist sowohl thematisch als auch zeitlich ausgewogen, wobei aber leider das beinahe vollständige Aussparen der DDR eine zu einseitige Fokussierung auf die mediale Aufbereitung der Fälle offenbart. Zugleich verlangen die Ausstellungsmacher mit ihren facettenreichen Darstellungen dem Besucher viel ab, weshalb der sich diese labyrinthartig angelegte Schau geradezu erarbeiten muss.

Skandale in Deutschland nach 1945

bis 24. März 2008 im Haus der Geschichte in Bonn,

dann im Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

Begleitband zur Ausstellung ist im Kerber Verlag erschienen.


Die Bildrechte liegen beim Haus der Geschichte.


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Eine Chronik der Skandale


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