Schiefer Blick auf alliierte Weltkriegspolitik
Nur scheinbar behandelt Lothar Fritze in seinem Buch Die Moral des Bombenterrors das alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg. Offensichtlich verfolgt er ein anderes Ziel: die Politik der Alliierten geschickt zu kritisieren und deren Kriegsziele moralisch zu hinterfragen. Von Wolfgang Mehlhausen
Schon auf dem Schutzumschlag findet man innen zwei interessante Zitate von Churchill. Es geht dabei um eine Rede im Country Club vom 14. Juli 1941, um Rache an den Deutschen und ein Memorandum vom 6. Juli 1944. Und es geht um den Einsatz von Gas. Diese Fragen haben sicher auch mit dem Thema der Moral des Bombenterrors zu tun, das Prof. Dr. habil Lothar Fritze, Jahrgang 1954, Philosoph und Politikwissenschaftler, Mitarbeiter am Hannah Arendt-Institut und Privatdozent an der TU Chemnitz, in seinem dicken Buch behandeln will. Allerdings muss man die einzelnen Kapitel studieren und zugleich versuchen, bei der Gliederung in 26 Kapitel nicht den Faden zu verlieren. Verschiedene Kapitel scheinen nämlich nur sehr mittelbar mit dem Thema zu tun zu haben.
Kritik des „Siegs um jeden Preis“
Der Philosoph arbeitet das Thema nicht chronologisch und als geschlossene geschichtliche Darstellung ab. Er entschuldigt sich zugleich dafür, dass er kein Historiker ist und nicht das gesamte einschlägige historische Material überblicken kann. Auf vielen Wegen gelangt er zur Aussage, dass der Bombenkrieg der Alliierten, der sich vorrangig gegen die Zivilbevölkerung richtete und unter dieser ein Blutbad anrichtete, völkerrechtswidrig war und militärisch kaum Nutzen brachte. Dass dieser Bombenterror eher zur „Festigung der Volksgemeinschaft“ und nicht zum Widerstand gegen die NS-Herrscher führte, ist eine allgemein anerkannte Meinung und wohl keine „neuartige Entdeckung“ von Fritsche.
Interessanter wird es, wenn er die moralische Seite der Politik der Alliierten untersucht. Er hinterfragt auf verschiedenen Umwegen, ob die Forderung nach der „bedingungslosen Kapitulation“ moralisch einwandfrei war. Das ist natürlich ein legitimes Anliegen. Warum haben die Alliierten keinen Kontakt zum Widerstand in Deutschland gesucht bzw. alle Versuche, in Kontakt zu kommen, abgelehnt? Durfte man so weit gehen und jeglichen Verhandlungsfrieden a priori ausschließen? Das sind interessante völkerrechtliche Fragen, die aber wenig mit Moral zu tun haben.
Klare Worte zu klaren Fakten
Bei seiner wortreichen und geschickten Argumentation gelangt der sensible Leser bald zu dem Eindruck, dass Churchill, der schon auf dem Umschlag des Buches wörtlich zitiert wird, das war, was auszusprechen schwer fällt und was wörtlich nicht geschrieben wird: ein Kriegsverbrecher. Das ist starker Tobak, auch wenn immer wieder auf die Verbrechen der NS-Herrschaft hingewiesen wird.
Denn die fehlende Bereitschaft der Alliierten, mit dem Kriegsgegner Deutschland zu verhandeln, kann trotz aller völkerrechtlicher Bedenken nicht darüber hinwegtäuschen: Die Alliierten wussten, dass Adolf Hitler uneingeschränkt über die Deutschen herrschte und die um ihn gescharte Verbrecherbande alle Fäden in der Hand hatte. Alle Behörden, Wehrmacht und Wirtschaft folgten ihm bedingungslos, freiwillig und durch Terror einschüchtert. Es gab keinen organisierten Widerstand gegen das Regime, ausgenommen jene „kleine Gruppe von Offizieren“, die 1944 den Aufstand wagten, der aber sofort erstickt wurde. Aber auch erst als dem deutschen Militärs klar war, dass dieser Krieg verloren war.
Mit Hitler, Himmler, Göring, Goebbels und anderen Verbrechern konnte man nicht verhandeln. In den Reihen der Widerständler waren keineswegs nur Antifaschisten und viele wollten nur retten, was tatsächlich schon verloren war. Mit anderen Worten: Es wäre unmoralisch von den Alliierten gewesen, mit Hitler oder einer „Reichsregierung“ zu verhandeln, in der maßgebliche Hitlerleute waren. Solche klaren Worte vermisst man in dem Buch.
Weder kurios noch ausgewogen
Dieses Buch bietet recht wenig Neues. Dazu sind selbst gewisse Details einseitig beleuchtet. Hierzu ein letztes Beispiel: Zu den schlimmsten Luftangriffen auf deutsche Städte gehörte zweifelsfrei der auf Dresden vom 13. Februar 1945. Diesem Kriegsereignis ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Hier betrachtet der Philosoph verschiedene Aspekte, nur keine militärischen. Meist wird behauptet, dass dieses Bombardement nur ein Terrorakt war, sinnlos und ohne Bedeutung für die weitere Kriegsführung.
Doch zugleich gibt es andere Stimmen: Immer wieder wird von Militärfachleuten erklärt, dass die massive Bombardierung des Hauptbahnhofs zu diesem Zeitpunkt erfolgte, weil die Russen große Angst vor einem Flankenstoß bei ihrer Offensive im Norden hatten. Die Armee Schörner stand in Prag und hätte in kurzer Zeit über das Bahndrehkreuz Dresden umgelenkt werden können. Dieser Aspekt wird nicht einmal erwähnt.
Dieses dicke Buch ist nicht einfach zu lesen und manchmal sehr langatmig geschrieben. Zudem stellt es selbst für Laienhistoriker weder eine interessante noch eine Wissenszuwachs bringende Lektüre dar. Dass Philosophen zu sonderbaren moralischen Bewertungen des Kriegsvölkerrechts gelangen können, beweist das vorliegende Buch.
Was als theoretische Debatte angelegt ist, verfehlt jedoch die historische Realität. Auch wenn kaum direkte Entlastungsargumente für die NS-Politik angebracht werden, ist die dauerhafte und allseitige Kritik an den Alliierten unterschwellig und mit zweifelhaften Moralargumenten untersetzt. Auch aus diesem Grund kann das Buch nicht empfohlen werden.
Fritze, Lothar,
Die Moral des Bombenterrors. Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg
(2007), München, Olzog,
347 Seiten, ISBN 3789281913, 29,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Olzog-Verlag.
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