Religiöse Friedensstifter?

12. Mai 2008 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Brocker.jpgAlle Religionen halten spezifische Friedensvisionen auch für die säkulare Welt bereit. Friedensstiftende Religionen? von Manfred Brocker und Mathias Hildebrandt spürt deren theoretischen und praktischen Dimensionen in vielschichtiger Weise nach. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Von Jodok Troy

Nachdem sich die beiden Herausgeber, Manfred Brocker (Foto unten)und Mathias Hildebrandt im vorangegangenen Band Unfriedliche Religionen? mit dem politischen Gewalt- und Konfliktpotential von Religionen beschäftigt hatten, gehen sie nun dazu über, das Thema „Religion und die Deeskalation politischer Konflikte“ näher zu untersuchen. Und das zu recht. Zwar sind in jüngster Zeit eine Reihe von Studien mit diesem Ziel erschienen, dennoch lohnt es sich, dem Thema umfassendere und weitere Betrachtung zu schenken. Die Rückkehr der Religion als politischer Faktor, gerade in der internationalen Politik, geht oft mit der negativen Annahme des Clash of Civilizations einher. Dass Religion aber auch friedensstiftendend wirken kann, etwa durch ihre explizite Friedensvisionen, wird oft übersehen. Ausgehend von der Frage, ob Religionen nicht auch friedensstiftendes Potential aufweisen, zielen die Herausgeber darauf ab, dass der Band mit seinen insgesamt 15 Beiträgen eine Bestandsaufnahme „über den Beitrag religiöser Akteure zur Nicht- oder gar zur De-Eskalation und Befriedung von gesellschaftlichen oder politischen Auseinandersetzungen“ bildet.

Dialog – Mittel zum Frieden?

Die Tradition der Religionsdialoge, inter- aber auch überkonfessionell, in der Geschichte wie in der Gegenwart, zeigt vor allem eines: wirklich konsensuale Lösungen blieben und bleiben meist ausgeschlossen. Vielmehr war meist (nur) ein modus vivendi erreichbar. Dies zeigt insbesondere Thomas Fuchs in seinem Beitrag „Reformatorische Auseinandersetzungen in der Stadt“. Mathias Hildebrandt wiederum weist in „Mittelalterliche Religionsdialoge“ nach, dass vor allem die Methode der Religionsdialoge lehrreich ist. Die „interreligiöse Hermeneutik“, das sich in andere „Hineindenken“, ist auch die Herausforderung heutiger Religionsdialoge. Dass dies aber nur erfolgversprechend sein kann, wenn der Bildung ein zentraler Stellenwert zukommt, zeigt Uwe Voigt in „Allen alles auf allseitige Weise lehren“ (Johann Amos Comenius). Gerade eine umfassende religiöse Bildung, die alle Facetten einer Tradition beleuchtet, ist ein notwendiger Garant für ein friedliches Zusammenleben der Religionen und kann ein Abdriften in eine selektive, mitunter Gewalt-favorisierende Auslegung verhindern. Dies betont auch Andreas Hasenclever in seiner Analyse der „Merkmale gewaltresistenter Glaubensgemeinschaften“.

Die theoretische Dimension

Peter Koslowski zeigt in „Dialog der Weltreligionen und die Philosophie der Offenbarungen“, dass Religion der zentrale Versuch des Menschen ist, „die Kontingenz (die Offenheit menschlicher Lebenserfahrungen) seines Daseins zu bewältigen“. Religion heißt aber auch die Möglichkeit, dass Gott sich den Menschen an verschiedenen Zeiten, Orten und in unterschiedlichen Arten offenbart. Allein deshalb drängt sich zwischen den Anhängern verschiedener Religionen und Konfessionen ein Toleranzgebot geradezu auf. Herausragend, weil in dieser Form selten zu finden, ist der Beitrag von Kerstin Kellermann „Christus – Stein des Anstoßes“. Kellermann versteht es, die fundamentale Liebesethik (etwa in der Bergpredigt zum Ausdruck gebracht) des Christentums in das Zentrum der Betrachtung von Religion und Politik zu stellen. Die Autorin weist somit das christliche Verständnis eines menschenwürdigen Lebens als Alternative zu „Siegerlogiken in Politik und Religion“ auf. Notwendig dafür ist aber eine „sozial engagierte Spiritualität“. Als Beispiele nennt sie etwa Albert Schweitzer oder Desmond Tutu, die erkannt haben, dass „der Friede die höchste Verwirklichung einer Seinsgerechtigkeit ist, welche sich in allen Dimensionen des Lebens dem freien Wirken der Liebe verdankt“.

Von Lateinamerika bis zum Nahen Osten – Kirchen und Friedensarbeit

Die Lateinamerika-Expertin Sabine Kurtenbach untersucht „Die Rolle der Kirchen bei der Konfliktregulierung in Zentralamerika“. Die Frage dabei ist, ob die Kirchen dort, aufgrund ihrer relativ erfolgreichen Tätigkeit als Modell für andere Regionen bewertet werden können. Es gilt zu beachten, dass die Kirchen dort sich auf eine weitestgehend religiös homogene (katholische) Gesellschaft stützen können. Die hohe Anpassungsfähigkeit der Kirchen an lokale Gegebenheiten bedingt offenbar einen Großteil der friedensstiftenden Möglichkeit durch die Religionsgemeinschaften, gerade in jener Region. Dazu kommt, dass die Kirchen in Südamerika durch ihre starke Verwurzelung in der Gesellschaft allgemein als unparteiische Vermittler anerkannt und respektiert werden. Nicht zuletzt, weil deren Angehörige selbst oft zu Opfern politischer Auseinandersetzungen wurden. Viel negativer fällt die Bilanz im Nahen und Mittleren Osten aus. Thomas Scheffler zeigt in „Dialog und Dialog. Frieden und Frieden“, dass die in jener Region auffallend starken Verbindungen von Religion und Ethnizität oftmals zu unüberwindbaren Hürden einer friedlichen Auseinandersetzung werden. Nicht zuletzt, weil christliche Initiativen meist pauschal unter den Verdacht fallen, ein „Transmissionsriemen westlicher Politik“ zu sein.

Bleibende Fragezeichen

Portrait_Brocker.jpgDas Fragezeichen im Titel des Bandes ist charakteristisch und macht deutlich: nach wie vor scheint es keinen Konsens über die friedensstiftende Funktion von Religion zu geben. Zumindest nicht was die allgemeine Postulierung der Friedfertigkeit von Religion anbelangt. Dies verwundert nicht, werden doch Arbeiten zum Thema auf der einen Seite eher allgemein gehalten, und wird auf der anderen Seite allzu stark auf einen blinden Multikulturalismus gesetzt. Vor allem fehlen „aussagekräftige quantifizierbare Indikatoren für das friedensstiftende Engagement religiöser Akteure“, wie die Herausgeber eingestehen.

Diese zu identifizieren wird eine der größten Herausforderungen der Forschung zum Thema. Darüber hinaus, so scheint es, ist es leichter und vor allem populärer, die unübersehbare mit Religion assoziierte Gewalt (z.B. Selbstmordattentäter) ins Zentrum der Betrachtung zu stellen. Das aber unzählige Menschen gerade aufgrund ihrer Religion und ihres Glaubens für Frieden und Gewaltlosigkeit eintreten, oft unter Einsatz ihres Lebens, wird allzu gern übersehen. Mit dem Band wird diesem Trend Erfolg versprechend entgegen gesteuert. Primär für die akademische Welt geschrieben, ist die Publikation aber auch für interessierte „Laien“ durchaus lesenswert die sich nicht mit einem every thing goes Multikulturalismus und interkulturellem Dialog, aber auch nicht in ein Clash of Civilizations-Denken verfallen wollen – und sollen.

Brocker, Manfred; Hildebrandt, Mathias (Hrsg).,

Friedensstiftende Religionen? Religion und die Deeskalation politischer Konflikte, (2008), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften,

333 S., ISBN 9783531157245, 44,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim VS Verlag für Sozialwissenschaften (Cover) und bei Manfred Brocker (Portrait). Der Verlag im Internet.


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