Privatisierte Gewalt
Jeremy Scahill beschreibt in seiner als Enthüllungsgeschichte angekündigten Dokumentation den Aufstieg des Unternehmens Blackwater von einem Schießplatzverwalter zur mächtigsten militärischen Dienstleistungsfirma der Welt. Von Christian Noss
Nach den Anschlägen des 11. September 2001 profitierte Blackwater von der Privatisierung ursprünglich militärischer Aufgaben durch die US-Regierung und verstand es wie kein zweites, durch geschickte Lobbyarbeit hoch dotierte Aufträge zu erhalten und auf beeindruckende Weise zu expandieren. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Blackwater durch seinen Einsatz im Irak als Schutztruppe des US-Sondergesandten und als private Ergänzung der US-Armee – eine Art Zusatzarmee, die jedoch im Gegensatz zu den regulären Streitkräften rechtliche Immunität genießt. Vor keinem Gericht der Welt können also Blackwater-Mitarbeiter für eventuelle Verbrechen angeklagt werden. Die Anfänge der Firma gestalteten sich da weitaus bescheidener. Begonnen hat sie mit Weiterbildungsangeboten für Polizisten und Soldaten.
Der Firmengründer ein Kreuzritter?
Doch bevor Jeremy Scahill zur eigentlichen Firmengeschichte kommt, stellt er etwas zu ausführlich die Familiengeschichte des Gründers von Blackwater, Erik Prince, vor. Auch die Biografie seines Vaters, Edgar D. Prince, einem erfolgreichen, konservativen und religiösen Unternehmer, erhält dabei breiten Raum. Etwas arg psychologisierend wird er als gestrenger Familienhirte mit großen Fußstapfen und viel Kapital charakterisiert – gewissermaßen als Vorbild und Hauptursache für Eriks spätere Entwicklung zum Söldner-Manager.
Beim Lesen regt sich gerade bei solchen Passagen Widerwillen, da hier versucht wird, alles in Erik Princes Leben so darzustellen, als wäre es von entscheidender Bedeutung für Blackwater. Geradezu langweilig sind die Aufzählungen der eher geringfügigen Spenden, die Prince verschiedenen religiösen Einrichtungen zukommen lässt. Wiederholt rückt Scahill den Glauben in den Vordergrund und sieht ihn als ein Hauptmotiv für Princes Handeln.
Schnelles Reagieren auf den Markt
Die Ausführlichkeit ist an anderer Stelle ein großer Gewinn für das Buch. Scahill zeichnet den Aufbau des Unternehmens detailliert nach und rückt dabei Dinge in den Vordergrund, die bislang in den Medien nur am Rande wahrgenommen wurden. So schildert er Blackwaters Anfänge als hochmodern eingerichtete Schießanlage in Moyock, North Carolina, mit Trainingsangeboten für Polizei und Militär, die dankbar angenommen wurden, da hier offensichtlich ein Mangel bestand. Scahill zeigt, wie es das Unternehmen immer wieder versteht, bestimmte Katastrophen Gewinn bringend auszunutzen, indem es schnell auf sie reagiert und neue Angebote schafft.
So bot Blackwater bereits kurz nach dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton, bei dem 1999 13 Menschen starben und der große Beunruhigung in der US-Bevölkerung hervorrief, ein spezielles Training für Polizeibeamte in einem 1370 qm großen Spezialgebäude an: „In der Pseudo-Schule konnte man über eine Lautsprecheranlage alle Räume beschallen – mit panischen Schreien von Schülern, Schusswaffenlärm, dem Stöhnen von Verwundeten und Ähnlichem.”
Ein weiteres Beispiel ist die Reaktion Blackwaters auf die Verwüstungen des Wirbelsturms Katrina 2005 in New Orleans. Schneller als die Bundesregierung und die meisten Hilfsorganisationen waren Mitarbeiter vor Ort und patrouillierten durch die Stadt. Offiziell verkaufte die Firma ihre Anwesenheit als kostenlose Hilfe. Tatsächlich ließ sie sich viele ihrer Dienste jedoch vom US-Heimatschutzministerium und von Privatfirmen, deren Gebäude sie beschützte, hoch bezahlen. „Bis Juni 2006 stellte Blackwater den staatlichen Behörden rund 73 Millionen Dollar für Leistungen im Katastrophengebiet in Rechnung, rund 243.000 Dollar pro Tag.”
Den Fuß in der Tür
Scahill versteht es gut, die Mechanismen des Aufstiegs sichtbar zu machen. Der gute Ruf, den sich das Unternehmen in seinen Anfangsjahren als Ausbildungsstätte gemacht hat, führt in Verbindung mit geschickter Lobbyarbeit im Jahr 2000 zum ersten Vertrag mit einer Regierungsbehörde. Das Volumen ist mit 125.000 Dollar für fünf Jahre relativ überschaubar. Blackwater verpflichtete sich, militärische Trainingsausrüstung zu liefern. Letztlich war dieser Vertrag jedoch von elementarer Bedeutung für das Unternehmen, da es sich durch ihn als eine Art Hoflieferant etablierte und in der Folge wesentlich höher dotierte Aufträge erhielt.
Die Folgen der militärischen Privatisierung
Auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 reagierte Blackwater im Jahr 2002 mit der Gründung der Tochterfirma Blackwater Security. Im März 2003 erhielt diese den Auftrag, den US-Sondergesandten im Irak, Paul Bremer, zu beschützen, und etablierte sich in der Folgezeit als teure private Elite-Ergänzung zu den regulären US-Truppen. Scahills Anliegen ist es, die Gefahren aufzuzeigen, die sich aus dieser Vermischung von Militär und auf Gewinne zielende Privatunternehmen ergeben. Dafür zählt er eine Reihe von militärischen Zwischenfällen auf, die nahe legen, dass die Immunität bei den Blackwater-Mitarbeitern zu kriminellen Handlungen führt. Er gibt weiterhin zu bedenken, dass sich eine Zweiklassenarmee entwickelt, wobei die regulären US-Truppen aufgrund der geringeren Bezahlung und des schlechteren Images abgewertet werden. Es ist für gut ausgebildete Soldaten attraktiver, für die Privatarmee zu arbeiten.
Drittens belegt Scahill, wie ausbeuterisch das expandierende Unternehmen, das immer mehr Aufträge erhält und daher auch einen wachsenden Bedarf an Soldaten hat, in lateinamerikanischen Staaten rekrutiert, wie es Soldaten mit falschen Lohnzahlen ködert und sie dann schlechter bezahlt. Außerdem zeigt der Autor, dass Blackwater auch in zwielichtigen Milieus um Söldner wirbt. Auch Soldaten, die in Lateinamerika oder Afrika in Todesschwadronen gekämpft und Verbrechen begangen haben, können reguläre Mitarbeiter werden.
Der springende Punkt ist die mangelnde Kontrolle über eine immer stärker wachsende Macht. Längst ist Blackwater militärisch dazu in der Lage, allein ganze Regierungen zu stürzen. Hinzu kommt die administrative Abhängigkeit von solchen Firmen. In den Planungen des US-Verteidigungsministeriums sind private Militärunternehmen mittlerweile ein fester Bestandteil im Budget. 2006 wurden die privaten Dienstleister in der finanziellen Planung des Pentagons sogar offiziell als Teil der militärischen „Gesamtstreitmacht” anerkannt. Scahill resümiert: „Was an der ‚wachsenden Bedeutung’ insbesondere von Blackwater vor allem irritiert, ist die rechtslastige Führungsspitze des Unternehmens, ihre Nähe zu einer ganzen Reihe konservativer Anliegen und Politiker, ihre christlich-fundamentalistischen Zielvorstellungen, ihre Geheimniskrämerei sowie ihre engen und langjährigen Verflechtungen mit der republikanischen Partei, dem US-Militär und den Geheimdiensten. Blackwater steigt immer schneller zu einer der mächtigsten Privatarmeen der Welt auf, und die extremen religiösen Eiferer in der Führungsspitze des Unternehmens scheinen überzeugt zu sein, das Christentum in einem heroischen Kampf verteidigen zu müssen.”
Ein Manko des Bandes, der von Naomi Klein als „Triumph des investigativen Journalismus” gefeiert wurde, ist seine Sprache. Scahill neigt dazu, Kriegsszenen mitunter etwas zu reißerisch darzustellen, wo es eine nüchternere Beschreibung auch getan hätte. Da werden Jeeps „durchlöchert wie ein Sieb”, ein „schreckliches Blutbad” mit „entsetzlichen Szenen” geschildert, bei dem verkohlte Leichen in Stücke gerissen werden. Das Autohupen und die Allahu-akbar-Rufe auf dem Video des Massakers von Falludscha werden bei Scahill zu einem „Soundtrack des Grauens”. Wenn man sich daran nicht stört, wird man an dem informativen und gut recherchierten Buch seine Freude haben, sofern das bei der eher traurigen Botschaft möglich ist. Denn Blackwater expandiert weiter.
Scahill, Jeremy,
Blackwater. Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt
(2008), München, Verlag Antje Kunstmann
352 S., ISBN-10 3888975123, 22,00 Euro
Die Bildrechte liegen bei Jared Rodriguez (Portrait) und dem Verlag Antje Kunstmann (Cover).
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