Olympia-Boykott kontrovers
Die chinesische Regierung geht hart gegen tibetische Proteste vor, die Weltöffentlichkeit ist entsetzt: Am 8.8.2008 beginnen in Peking die Olympischen Spiele. Ein Fest des Friedens im Land der Menschenrechtsverletzungen? Die Boykott-Forderungen werden inzwischen auf höchster politischer Ebene diskutiert, /e-politik.de/ debattiert mit. Von Fabian Busch und Nona Schulte-Römer.
“Ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren”, so Heinrich Mann Anfang Juni 1936. “Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators”, erklärte der deutsche Schriftsteller auf der Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee in Paris im Vorfeld der Spiele in Hitler-Deutschland. 2008 gefährdet das Ausrichterland China den Geist Olympias, nachdem die Regierung in Peking die Mitte März ausgebrochenen Unruhen in Lhasa, der chinesisch kontrollierten Hauptstadt Tibets, mit Polizeigewalt, Festnahmen und Blutvergießen niedergeschlagen hat. Die Lage ist undurchsichtig, Journalisten wurden ausgewiesen, chinesische Medien arbeiten mit Propaganda und Zensur. Ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking wird weltweit kontrovers diskutiert.
Pro: Nach der chinesischen Reaktion auf die Proteste in Tibet ist das Fass endgültig übergelaufen. Schon im August 2007, also ein Jahr vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking, forderten US-Politiker den Boykott der Veranstaltung. So laut wie jetzt war der Boykott-Aufruf nie, jetzt gilt es entsprechend zu handeln.
Contra: Das Fass ist vielleicht übergelaufen, aber randvoll war es doch schon vorher: Peking hat Tibet nicht erst gestern besetzt, sondern vor mehr als 50 Jahren. Als man Peking die Olympischen Spiele 2001 zusprach, war der Umgang mit nationalen Minderheiten bereits hinlänglich bekannt. Jetzt plötzlich Betroffenheit vorzutäuschen, ist nicht besonders glaubwürdig.
Pro: China die Olympischen Spiele zuzusprechen war eben von vornherein ein Fehler. Jetzt hat die Welt die Möglichkeit, diesen Fehler zu revidieren. Die Regierung in Peking hat die Olympische Charta nicht ernst genug genommen. Dort heißt es: “Jede Form der Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht oder aus politischen und sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung unvereinbar.”
Contra: Dennoch steht das rein sportliche Ereignis bei den Spielen im Vordergrund und politische Äußerungen sind in den olympischen Stätten verboten. Da sollten sich politische Entscheidungsträger, egal ob amerikanische Republikaner oder französische Präsidenten, mit Boykott-Forderungen zurückhalten. Mag sein, dass die Olympischen Spiele seit ihrer Wiederbelebung 1896 ein Politikum geworden sind, aber die Grundidee ist doch eine ziemlich unpolitische: Die Jugend der Welt trifft sich, um nationale Egoismen zu überwinden und sich auf dem sportlichen “Schlachtfeld” zu messen.
Pro: Vehementer Einspruch: Die Olympischen Spiele waren nie “rein sportlich”. Auch wenn das Olympiagelände als politikfreier Raum gedacht ist, war selbst die Grundidee niemals unpolitisch: Sieht man mal von der Antike ab, als die Spiele kultische, also gesellschaftspolitische Funktionen im weitesten Sinne erfüllten, dann sind sie insbesondere in der Neuzeit fast regelmäßig politisiert worden: Baron Pierre de Coubertin (Bild), der die Spiele im 19. Jahrhundert wiederbelebte, wollte zwar nationalstaatliches Lagerdenken überwinden, das bedeutet aber längst nicht, dass die Spiele keine politische Plattform bieten. Hier nur drei Beispiele: In Berlin 1936 missbrauchten die Nazis die Spiele, um sich vor der Welt ins positive Licht zu rücken. In Mexiko nutzten 1968 die US-Sportler Tommy Smith und John Carlos Olympia, um auf dem Siegertreppchen ein Zeichen für die Black Power-Bewegung zu setzen. 1980 demonstrierten zahlreiche Staaten durch ihren Boykott der Spiele in Moskau ihren Protest gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan.
Contra: Über die Wirksamkeit des Olympia-Boykotts von 1980 lässt sich ja streiten. Aber gerade das Beispiel von Black Power zeigt doch: Die Olympischen Spiele bieten unterdrückten Gruppen eine einzigartige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erregen. Das ist der Charakter Olympias: Es ist ein Fest der Weltvölker und nicht der Regierungen. Das gilt übrigens auch für China. Wahrscheinlich werden keine Tibeter in Peking zu Wort kommen, aber die Welt hat wenigstens die politische Situation in Tibet wahrgenommen. Und was frühere Boykotte betrifft: Die Leidtragenden waren doch wohl die Sportler, die sich vier Jahre auf ein Ereignis vorbereitet haben, das viele von ihnen nur ein einziges Mal erleben dürfen.
Pro: Zugegeben, die Spiele schaffen eine Öffentlichkeit, die basisdemokratischen Meinungsäußerungen zugute kommt. Und selbstverständlich trifft ein Boykott die Sportler hart. Sie müssen letztendlich darunter leiden, dass die Olympischen Spiele zwar als friedliches, zivilgesellschaftliches “Fest” angepriesen werden, in Wirklichkeit aber längst verkauft sind: vom IOC an Adidas, Omega, Coca Cola & Co. – für Milliarden und Marktanteile. Und damit das auch immer so bleibt, steht es in der Olympischen Charta festgeschrieben: “Regel 11: Rechte an den Olympischen Spielen: Die Olympischen Spiele sind ausschließliches Eigentum des IOC, das alle mit ihnen zusammenhängende Rechte und Daten, insbesondere und ohne Einschränkung alle Rechte hinsichtlich ihrer Durchführung, ihrer Verwertung, ihrer Übertragung, Aufnahme, Darstellung, Wiedergabe, ihres Zugangs und ihrer Verbreitung in jeder Form und durch jedwede Mittel und Techniken, gleich ob sie heute schon existieren oder künftig entwickelt werden, innehat.”
Contra: Das mag sein, aber irgendwoher muss das Geld ja kommen. Apropos Geld: Die deutsche Wirtschaft unterhält mit China äußerst gewinnbringende Handelsbeziehungen. Nicht nur ist China das einzige Land, welches den Ladenhüter “Transrapid” auf die Strecke gebracht hat. Die deutsche Wirtschaft exportiert jährlich Waren im Wert von 27 Milliarden Dollar nach China. Das Auswärtige Amt bezeichnet die politischen Beziehungen als “freundschaftlich und gut”. Konsequent wäre ein Olympia-Boykott nur dann, wenn man gleichzeitig die Botschaft in Peking schließt und Wirtschaftssanktionen verhängt. Allein die Olympischen Spiele zu missbrauchen, um der Öffentlichkeit ein Pseudo-Bekenntnis zu den Menschenrechten vorzuspielen, ist nicht glaubwürdig.
Pro: Ein Olympia-Boykott schließt ja wirtschaftliche Sanktionen nicht aus, die im Übrigen bereits von Politikern gefordert werden. Nicht umsonst appelliert die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner an die Verantwortung der Wirtschaft: “Unternehmer, die in China tätig sind, sollten in besonderer Weise die Achtung der Menschenrechte einfordern”, so Ferrero-Waldner. Sie räumt jedoch ein: “Man kann Geschäfte nicht von heute auf morgen abdrehen. Aber in einer Situation, wie sie in Tibet herrscht, haben auch Unternehmen eine Verantwortung.” Diese Verantwortung tragen auch die Sportler und das IOC.
Contra: Eben deshalb sollte jeder Sportler für sich entscheiden, ob er nach Peking fährt oder nicht. Im Übrigen, Human Rights Watch und Amnesty International haben sich trotz aller Kritik an China gegen einen Boykott ausgesprochen, ebenso der Dalai Lama. Sie betonen, dass es wichtig sei, nicht alle Brücken nach China abzubrechen, sondern den Dialog mit der Führung in Peking aufrecht zu erhalten. So kann man Verbesserungen der politischen Lage eher bewirken, als wenn man China isoliert. Dadurch würde man vor allem die chinesische Bevölkerung vor den Kopf stoßen, die sich auf die Spiele freut. Auch in der Politik wird die Frage zwar diskutiert, aber Konsequenzen wird wohl niemand ziehen. Eine Boykott-Betroffenheitskampagne würde keinem helfen. Wer ist denn überhaupt dafür?
Pro: Viele sind unter Vorbehalt dafür: Also dann, wenn sich die Situation in Tibet nicht bessert, oder wenn sich die Unruhen so sehr ausweiten sollte, dass die Sportler in Gefahr geraten könnten. Letzteres Argument führt der Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, Peter Danckert, an. Andere sprechen sich für einen Teilboykott aus, etwa durch das Fernbleiben hochrangiger Politiker und Sportler bei der Eröffnungsveranstaltung in Peking.
Contra: Ein definites Ja zu einem Boykott ist das aber nicht. Also nochmal: Wer ist jetzt und uneingeschränkt dafür?
Pro: Die Demonstranten bei den Protesten für Tibet, tibetfreundliche Schauspieler wie Richard Gere oder Hannes Jaenicke und die Mehrheit der Deutschen, das ergaben zumindest Umfragen der Meinungsforschungsinstitute TNS Emnid und Forsa. Nicht zu vergessen: 87 Prozent der Bild.de-Leser.
Die Bilder fallen unter die Creative Commons Bestimmungen (Carlos und Smith auf dem Siegertreppchen und Boykott-Aufruf in Paris von Andreas Praefcke) oder sind gemeinfrei (Pierre de Coubertin).
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Weiterführende Links zum Thema:
Chat zum Thema auf www.politik-digital.de
Amnesty International: Berichte zur Menschenrechtssituation in China
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Ich weiß nicht, ob ein Boykott der Staaten oder der Teams wirklich etwas bringen würde. Meiner bescheidenen Meinung nach sollten die Fernsehzuschauer weltweit die olympischen Spiele boykottieren, das heißt, nicht sehen. Das würde der chinesischen Regierung zumindest zeigen, was die Weltmeinung von ihrer Politik hält. Möglicherweise würde das mehr Eindruck machen, als der Boykott einer Sportler oder Regierungen. Ich jedenfalls werde die Spiele nicht einbschalten.