Moderner Blick auf den Koran
Der Koran wird von vielen Muslimen als ewiges und unveränderbares Wort Gottes gesehen. Doch unter dieser Prämisse fällt eine Interpretation schwer. Wortwörtlich verstanden, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Der Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zaid bettet die heilige Schrift der Muslime in ihren historischen Kontext ein und steht deswegen in der Kritik. Von Alexander Christoph
Dem muslimischen Glauben gehören rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung an – das sind immerhin rund 3,4 Millionen Einwohner und nach der katholischen und evangelischen Konfession die zahlenmäßig stärkste Gruppe. Doch das Wissen der meisten Deutschen über die Religion unserer Mitbürger hält sich in Grenzen. Und dass, obwohl der Islam hierzulande in der politischen und gesellschaftlichen Debatte einen immer breiteren Raum einnimmt – die Einweihung der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh Ende Oktober und die darüber zuvor geführte Diskussion ist ein sichtbares Zeichen. Eins kristallisiert sich dabei jedoch auch heraus: Vorurteile wie das vom Islam als kriegerischer Religion, die den Terrorismus unterstützt, sind nicht auszumerzen.
Wider die Vorurteile…
Und genau Klischees wie diese will der Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zaid (Foto links) in Mohammed und die Zeichen Gottes. Der Koran und die Zukunft des Islam entkräften. Aus mehreren Gesprächen mit der Journalistin Hilal Sezgin, die unter anderem für die taz und Die ZEIT schreibt, ist ein Buch entstanden, das einen liberalen und ebenso weltoffenen Islam zeichnet. Dabei bedient sich der an der niederländischen Universität Utrecht lehrende Ägypter vor allem des Korans, der heiligen Schrift der Muslime. Immer wieder zitiert er Koranverse, die Interessantes – und vielen Lesern sicher Unbekanntes – an den Tag bringen.
So wurde beispielsweise die Kaaba lange „vor dem Islam als Heiligtum verehrt“. Nicht zu vergessen: Der Koran setzte in der arabischen Stammeswelt erstmals allgemeingültige Rechtsnormen. Das kam unter anderem den Frauen zugute. „In der Zeit vor dem Islam hatten die arabischen Frauen überhaupt kein Recht auf einen Anteil vom Erbe. Der Koran spricht den Frauen nun die Hälfte des Erbes zu.“ Das war für die damals patriarchalische Gesellschaft revolutionär.
Doch die Lektüre hält auch sonst einige Überraschungen parat. Das weibliche Geschlecht steht in religiösen Dingen gleichberechtigt neben dem Mann. Ein ungewohnter Gedanke, zumal wenn man über Ehrenmorde oder generell über die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts im Islam liest. Freilich ist die Theorie das eine und die Praxis das andere. Das wird auch nicht verschwiegen.
Darüber hinaus verweist Zaid auch auf Parallelen der drei großen monotheistischen Religionen. Zwar geht die Analyse über Gemeinsamkeiten von Christentum, Judentum und Islam nicht in die Tiefe, aber Grundsätzliches wird durchaus genannt: Der Glaube an den einen Gott oder die Bezugnahme auf Abraham sowie eine Vielzahl weiterer biblischer Propheten mag als Beispiel genügen. Wegen der vielen kleinen Details wie diesen und dem modernen, durchaus westlichen Textverständnis lohnt die Lektüre.
… durch kontextabhängige Interpretation
Abu Zaid schafft es, durch seine Argumentation wesentliche Verständnisfragen über die Heilige Schrift der Muslime zu klären. Dabei geht er davon aus, dass der Koran ein historischer Text ist, ja sogar von einer „Sammlung von Erzählungen“ ist die Rede, die auf bestimmte historische ebenso wie politische Probleme und Fragestellungen der damaligen Zeit reagiert. Deshalb, schlussfolgert Zaid, darf die Auslegung des Korans nie wörtlich geschehen, vielmehr muss sie aus historischer Perspektive immer wieder neu für die jeweilige Zeit erfolgen.
Nichts anders praktiziert Abu Zaid. Dabei spannt er einen Bogen von der Vorgeschichte des Islam über die Offenbarung Mohammeds, seiner Zeit in Mekka und Medina und die „vielen Gesichter des Göttlichen“ bis hin zum Fundamentalismus in der heutigen Zeit. Vieles wird dabei abgehandelt, allgemeine und spezifische Themen angesprochen, oftmals geht die Analyse jedoch zu wenig in die Tiefe. Das mag wohl am begrenzten Umfang liegen – nur knapp über zweihundert Seiten –, vermutlich ebenso an der Entstehungsgeschichte des Buches, schließlich basiert es in erster Linie auf Interviews.
Sein kritischer Forschungsansatz führte in der islamischen Welt zu heftigen Diskussionen. Gilt doch der Koran als das ewige und unveränderbare Wort Gottes. Letztendlich wurde er sogar wegen seiner Interpretation des Korans Mitte der 90er Jahre nicht nur von seiner Frau zwangsgeschieden, sondern man verweigerte ihm ebenfalls den Ruf auf eine ordentliche Professur in seinem Heimatland Ägypten. Seitdem lebt er im niederländischen Exil, auch und vor allem weil er als Apostat verunglimpft zahlreiche Morddrohungen erhielt.
Der Islam – eine tolerante und weltoffene Religion
Doch Abu Zaid begegnet nicht nur den islamischen Fundamentalisten und ihrem starren Interpretionsschema mit Unverständnis, sondern auch den westlichen Islamkritikern. Schließlich war der Islam stets für andere Kulturen offen und ist es immer noch. Nicht selten spricht er vom „Respekt vor anderen Religionen“ und vom „Gebot der Toleranz“. Und so schreibt er: „Die frühen Araber haben nicht alles vernichtet, was sie vorgefunden haben, sondern darauf aufgebaut. Und sie haben kulturelle Errungenschaften und religiöse Ideen aufgenommen, übernommen und sie zu dem weiterentwickelt, was wir heute als die verschiedenen Traditionen der islamischen Kultur kennen.“ Vorbehalte gegen eine „vermeintlich kriegerische, frauenfeindliche, rückständige Religion“ sind also unbegründet.
Die voreingenommene und vorurteilsbeladene Sichtweise vieler Menschen in der westlichen Staatenwelt gegenüber dem Islam sieht Abu Zaid in der Medienlandschaft begründet. Diese konzentrierten sich auf den „traditionellen Islam“, der sich weitgehend abschottet und nach seinen eigenen Regeln lebt. Dieses einseitige Bild blende hingegen einen wesentlichen Teil der Muslime aus. Folglich wird „das Image des Islam durch eine Minderheit geprägt, deren Einfluss man noch künstlich durch eine bestimmte Art der Berichterstattung verstärkt.“ Die Mehrheit der Muslime würde sich jedoch sehr wohl integrieren. Doch „sie werden nicht wahrgenommen und fallen nicht auf“.
Beitrag zum gegenseitigen Dialog
In Mohammed und die Zeichen Gottes wird ein guter, informativer Überblick über den islamischen Glauben gegeben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Manchmal möchte man beim Lesen jedoch mehr wissen. Auf die verschiedenen Glaubensrichtungen wie den Schiismus oder den Sunnismus wird ebenso wenig eingegangen wie auf den Sufismus oder diverse andere Sondergruppen. Auch erfährt man nicht wirklich viel über fundamentale Glaubensgrundsätze wie die fünf Säulen des Islam. Das muss nicht weiter stören, verfolgt das Buch doch ganz andere Ziele.
Es will einerseits den Laien ebenso wie den gläubigen Muslim aufzeigen, wie der Koran auf die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft reagieren kann. Zum anderen tritt Abu Zaid dafür ein, in einen gegenseitigen Dialog zu treten. Denn nur durch gegenseitiges diskutieren kann man sein gegenüber verstehen. Und eins sollte am Ende nicht vergessen werden. Die Worte Hilal Sezgin geben dies treffend wieder: „In den Gesprächen mit Abu Zaid habe ich plötzlich Zusammenhänge verstanden oder sah zum ersten Mal Fragen aufgegriffen, die seit früheren Koranlektüren offen geblieben waren und mich teilweise schon sehr lange umgetrieben hatten, ohne dass ich sie in anderen Büchern zum Islam angesprochen fand.“
Nasr Hamid Abu Zaid,
Mohammed und die Zeichen Gottes, Der Koran und die Zukunft des Islam,
(2008), Herder-Verlag, Freiburg,
222 S., ISBN: 978-3-451-29274-3, 19,95 Euro.
Die Bildrechte liegen bei Julika Tillmann (Portrait Szegin), Abu Zaid Nasr (Portrait) und dem Herder Verlag (Cover). Der Verlag im Internet
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