Junge Männer – unverstandene und ultimative Konfliktursache

16. Mai 2008 | von Michael C. Pietsch | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Heinsohn_neu.jpgErklärungen zu Aufstieg und Fall großer Mächte sind seit jeher Lieblingsprojekte von Historikern und Politikwissenschaftlern. Gunnar Heinsohn hat für sich nun in den überzähligen Söhnen die entscheidende Variable gefunden und erklärt die sogenannten youth bulges zum „Motor der Geschichte“. Von Michael C. Pietsch

Die Gleichung, die der Soziologe und Genozidforscher Gunnar Heinsohn in seinem Buch Söhne und Weltmacht auf knapp 160 Seiten aufmacht, überzeugt vor allem durch ihre Schlichtheit und ihre fast zwingende Logik. Junge Männer zwischen 15 und 25 streben demzufolge vor allem nach Einem: Macht, Anerkennung und den gesellschaftlichen Positionen als Ausdruck derselben. Erreiche eine Gesellschaft also ein kritisches Verhältnis dieser Gruppe zur Gesamtbevölkerung, übersteige dies die gesellschaftlichen Kompensationsmöglichkeiten.

Dass in jedem jungen Mann auch ein „archaischer Stammeskrieger“ auf der Suche nach einer besseren Scholle steckt, oder wahlweise auch der sich in das legitimierende Gewand der Religion kleidende Gotteskrieger und Terrorist, wird jedoch nicht näher erklärt. Die statistischen Daten, die der Autor präsentiert, sind allerdings nicht immer überzeugend: Wenn zwischen 1750 und 1850 zwölf Nationen ein Bevölkerungswachstum zwischen 50 und 100 Prozent erfahren, und es in diesen immerhin 100 Jahren in jedem dieser Länder auch zu „Unruhen und Staatskrisen“ gekommen ist (wie viele sich hinter diesem unbestimmten Plural verstecken und die genaue Definition bleiben ungeklärt), dann zeigt dies einen für die Validität der These bestenfalls notwendigen, keinesfalls jedoch hinreichenden Zusammenhang.

Auch der Zusammenhang zwischen youth bulge, fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten (also rational-egoistischem Kalkül) und Terrorismus erscheint auf den zweiten Blick wenig zwingend. So sehr dem Autor auch in seiner appellhaft formulierten Erkenntnis beizupflichten ist, dass sich das Töten für eine (vermeintlich) gerechte Sache niemals logisch aus derselben ableiten lasse – den Attentätern des 11. Septembern waren als privilegierten Söhnen ihrer Gesellschaft entsprechende Positionen garantiert. Für sie war die „gerechte Sache“ also nicht Feigenblatt individueller, wirtschaftlicher Motive, wie Heinsohn argumentiert, sondern realer Antrieb zum tausendfachen Mord.

Wann und warum kommt es zu Bevölkerungsexplosionen?

Die Ursachen spontaner Geburtenanstiege macht Heinsohn zu einem Mysterium, dem allein mit biologischen, soziologischen oder demographischen Erklärungsansätzen nicht beizukommen sei, sondern nur durch einen umfassenderen und historisch-vergleichenden Ansatz. Und so erklärt der Autor auf gerade einmal 36(!) Seiten den Aufstieg der europäischen Kolonialmächte und schließlich auch den Weg der USA zur Weltmacht zu „Abfallprodukten der Wiederbevölkerung“. Die überzähligen Söhne seien auch hier „Motor der Weltgeschichte“ – deren Streben nach besseren Positionen fern heimatlicher Gestade führte ausschlaggebend zur Errichtung der Kolonialreiche. Auch in den USA habe nur die hohe Zahl junger europäischer Einwanderer in Verbindung mit dem eigenen „youth bulge Neuenglands dem eher läppischen Ärger über Steuern ohne parlamentarische Repräsentation in London die für eine Rebellion erforderlichen wurzellosen urbanen Heißsporne hinzugefügt“.

Auf der Suche nach den Gründen für die plötzliche und massive Geburtenzunahme der neuzeitlichen europäischen Großmächte löst der Autor, quasi nebenbei, noch ein weiteres „Geheimnis der Weltgeschichte“, nämlich Ursachen und Folge der Hexenprozesse seit dem späten 15. Jahrhundert. Die Gleichsetzung sämtlicher Geburtenkontrollverfahren, über das in jener Zeit in erster Linie Hebammen verfügten, mit dem „Tatbestand“ der Hexerei weise auf eine Verschwörung europäischer Eliten zur Wiederbevölkerung hin.

Voraussetzungen hegemonialer Macht

Da bislang nicht jede Nation mit hohen Bevölkerungszuwächsen automatisch hegemoniale Macht erlangte, sucht der Autor seine Argumentation wirtschaftswissenschaftlich zu untermauern. Erst die „Erfindung“ des Eigentums in Europa, das heißt beleihbarer beziehungsweise verpfändbarer Rechtstitel und das Wirtschaften mit Zinsen, führte zur Entstehung von Märkten und der ihnen eigenen Wachstumsdynamik: „Gesellschaften ohne Eigentum haben kein Geld, also keine zinsbelasteten Schulden und bleiben deshalb ohne Wachstum.“ Je mehr bloßer Besitz in einer Gesellschaft in verschuldbares Eigentum umgewandelt ist, desto überlegener sei diese gegenüber anderen bei sonst vergleichbarem Bevölkerungszuwachs. Daher seien die Europäer „bis heute ein ernsthafter Aktivposten der Weltpolitik, weil sie eben nicht nur rauben und töten, sondern auch das Wirtschaften etablieren“.

Erschreckend jedoch, wie der Autor das Rechtsstaatsprinzip zum bloßen Eigentumsrecht degradiert: „In einer reinen Eigentumsgesellschaft herrschen weder Häuptling noch König und auch demokratisch gewählte Präsidenten nicht wirklich, sondern Konkursrichter und Gerichtsvollzieher. Darin liegt der Sinn der Herrschaft des Rechts.“ Weil eben jener Fortschritt in der Schaffung und dem Schutz von Eigentumstiteln zum Beispiel in den Staaten Südamerikas im 20. Jahrhundert unterblieb, richtete sich das „youth bulge induzierte Töten“ ausschließlich nach innen, ohne dass zeitgleich die Grundlagen für ein wirtschaftliches Wachstum oder gar Expansion geschaffen worden wären.

Portrait_Heinsohn_neu.jpgStrategische Unterlegenheit des Abendlandes

Die bereits geborenen, insbesondere männlichen Kinder machen heute ein Drittel der Weltbevölkerung aus, eine Heinsohn (Foto rechts) zufolge „kritische Schwelle“. Im Jahr 2018 werden von diesen jungen Männern „selbst im optimistischsten Szenario“ 300 Millionen an die Türen der ersten Welt klopfen, zu allem bereit und entschlossen. Ihnen gegenüber stünden dann noch 100 Millionen größtenteils zu Gewaltlosigkeit und Toleranz erzogene oder – um mit Herfried Münkler zu sprechen – post-heroische Alters- und Geschlechtsgenossen.

Während die Staaten Europas diese Herausforderung komplett verschlafen hätten und folgerichtig „sicherheitspolitisch irrelevant“ werden würden, verhehlt der Autor nicht seine Bewunderung für die Strategen im Pentagon. Da youth bulge-geplagte Nationen zu einer revolutionären, das heißt den status quo überwindenden Außenpolitik neigten, ziele die US-Strategie „auf eine sequentielle Ausschaltung despotischer Staaten mit Megatötungswaffen“ beziehungsweise solcher, die im Begriff sind, diese zu entwickeln. Vor dem Hintergrund der „islamischen Ambitionen zur Reichsbildung“ wirbt der Autor um Verständnis für die US-Außenpolitik nach 9/11: „Es geht schlichtweg um die bereits vorhandenen Demokratien und um die amerikanische Macht, mit der allein diese verteidigt werden können.“ Die Sehnsucht nach der pax americana als kleinerem Übel bringt Heinsohn klar zum Ausdruck: „Womöglich wird man erst nach einem Abtreten Amerikas verwundert, ja gerührt an eine liberale Macht zurückdenken, die wenigstens hier und da genozidalen Mördern in den Arm gefallen ist, die ihr direkt ja gar nichts getan haben.“

Fragwürdige Unterstützung

Wer nun in den europäischen, eurasischen und japanischen Geburtendefiziten das rettende Ventil für die Millionen junger Männer aus Afrika und den islamischen Ländern sieht, den holt Heinsohn schnell und unsanft auf den Boden zurück: Von den 600 Millionen „überzähligen“ Kindern der Dritten Welt, die innerhalb der nächsten 15 Jahre an unsere Türen klopfen, müsse und könne Europa ungefähr 60 Millionen aufnehmen, um „dort die Vergreisung zu mildern“. Abgesehen von der enormen Integrationsleistung und dem Problem des Konfliktimports in Europa blieben dann immer noch 540 Millionen vor Europa – und die hätten außer dem Leben nichts zu verlieren.

Söhne und Weltmacht reduziert unbestrittene und seit langem bekannte demographische Befunde auf ein leicht verdauliches Maß – um den Preis einer umfassenden und ausgewogenen Konfliktanalyse. Allerdings liefert Heinsohn zahlreiche lesenswerte Impulse und ist deshalb bis heute gefragter Gesprächspartner der Leitmedien, sowohl in sicherheitspolitischen Fragen (zuletzt zum Nahostkonflikt) als auch in der Integrationspolitik. Mit seinen stark vereinfachenden und oft zugespitzt formulierten Thesen liefert er aber auch (ungewollt) den Foren der intellektuellen Neuen Rechten, wie zum Beispiel der Jungen Freiheit, die gewünschten Stichworte.

Heinsohn, Gunnar,

Söhne und Weltmacht : Terror im Aufstieg und Fall der Nationen,

(2008), München/ Zürich: Piper Verlag

ISBN: 978-3-492-25124-2 3-492-25124-2, 8,95 €, 188 S.


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag (Cover) und beim Autor (Portrait). Der Verlag im Internet.


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