Italien im Schwebezustand

20. Feb 2008 | von Stefanie Linhardt | Kategorie: Europa

schwebe_italien.jpgRomano Prodi, 2006 als neuer Ministerpräsident gefeiert, bleibt nach verlorener Vertrauensfrage nur kommissarisch im Amt. Es folgen Parlamentsneuwahlen und eine neue Chance für Silvio Berlusconi. Hintergründe des Scheiterns der Regierung Prodi und ein Blick in die Zukunft. Von Stefanie Linhardt

Die Parlamentswahlen in Italien im Mai 2006 brachten die Wende – weg von Berlusconi und der konservativen Koalition hin zu Prodi und dem Mitte-Links-Bündnis. Berlusconi hatte durch mehrere private Justizskandale das Vertrauen der Italiener verspielt. Prodi hingegen war kein Unbekannter: Von 1996 bis 1998 war er schon einmal italienischer Ministerpräsident und zwischen 1999 und 2004 war er Präsident der Europäischen Kommission. Zudem ließ Prodis Hintergrund, sein Rechts- und Volkswirtschaftsstudium auf Verbesserungen in der Wirtschaftspolitik hoffen. Nach nicht einmal zwei Jahren scheint die anfängliche Euphorie verflogen und Berlusconi wieder vertrauenswürdig. Wie es dazu kommen konnte:

Das Scheitern der Regierung Prodi

Hoch gelobt und tief gefallen, das trifft nicht nur auf die Umfragewerte des Mitte-Links-Bündnisses unter Prodi zu, sondern auch auf das Ende seiner Regierung. Mit dem Rücktritt des ehemaligen Justizministers Clemente Mastella, gegen den die italienischen Behörden wegen Korruptionsvorwürfen ermitteln, ist auch dessen christdemokratische Partei UDEUR aus der Regierungskoalition ausgetreten. Das kostete Prodi die dünne Mehrheit im Senat. Ende Januar stellte Prodi die Vertrauensfrage, die er im Unterhaus gewann, im Senat jedoch verlor.

prodi.jpgAnzeichen für eine Regierungskrise gab es schon seit Längerem. Im Februar 2007 reichte Prodi (Foto links) sein Rücktrittsgesuch bei Staatschef Napolitano ein, da er Probleme bei der Mehrheitsfindung für seine außenpolitischen Vorhaben hatte, wie z.B. der Truppenverbleib in Afghanistan und der Truppenrückzug aus dem Irak. Doch Napolitano lehnte ab.

Auch die nicht endenden Müllberge in Neapel und das Scheitern des Vorhabens, Steuererleichterungen einzuführen, haben die Regierung Prodi unbeliebt gemacht. Letzteres brachte besonders Prodis-Klientel gegen ihn auf – weniger gut Verdienende hatten sich von der Mitte-Links-Regierung mehr erhofft.

Hinzu kamen die von Anfang an schwierigen Mehrheitsverhältnisse im italienischen Parlament. Die Mitte-Links-Koalition bestand aus zehn Parteien sowie 15 Unterstützerparteien. Alles in allem hatten nur vier Regierungsparteien mehr als fünf Prozent der Stimmen bei der letzten Parlamentswahl. Eine klare Linie im Regierungsprogramm wurde schwer erkennbar. Innerhalb der Regierung konkurrierte eine Vielzahl von Parteien mit zum Teil sehr unterschiedlichen Meinungen.

Fluktuierende Splitterparteien machen es italienischen Regierungen an sich schwer. Zum einen ist es schwierig, viele Parteien auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Zum anderen kann sich eine Regierung nie sicher sein, dass ihr alle Koalitionsparteien treu bleiben. Aktuellstes Beispiel ist die aus der Mitte-Links-Regierung ausgetretene Partei von Mastella. In den kommenden Parlamentswahlen wird sie an der Seite des Mitte-Rechts-Bündnisses von Berlusconi antreten.

Berlusconi und warum er abgewählt wurde

Staatspräsident Giorgio Napolitanos Entscheidung, Neuwahlen abzuhalten, hat unterdessen Berlusconis lange Zeit zerstrittenes Bündnis gestärkt. Bei den Wahlen werden den Konservativen gute Chancen eingeräumt. Doch vor nicht allzu langer Zeit – im Mai 2006 – wurde Berlusconi mit Freuden abgewählt. Warum? Der Blick zurück:

berlusconi.jpgBerlusconis (Foto rechts) Amt als Ministerpräsident dauerte von 2001 bis 2006. In dieser Zeit machte er sich einen Namen beim Abbau sozialstaatlicher Errungenschaften. Doch besonders pikant war seine Rolle als Unternehmer in der Medienwirtschaft: Er kontrollierte als Chef von „Mediaset“ auch während seiner Amtszeit die drei größten landesweit ausgestrahlten privaten Fernsehsender. Zudem versuchte er, auf die staatlichen Rundfunkanstalten „RAI“ durch Umstrukturierung mehr Einfluss auszuüben.

Zu allem Überfluss stand der Unternehmer Berlusconi im ständigen Konflikt mit der italienischen Justiz. Er versuchte alles, um aus seinen branchenübergreifenden Posten ein Stück für den Privatmann Berlusconi auszuhandeln. 2003 verabschiedete seine konservative Regierungskoalition zum Beispiel ein Gesetz, das führende Staatsfunktionäre immun gegen jegliche Strafverfolgung machte. Berlusconi wollte sich so von Ermittlungen und richterlichen Anschuldigungen befreien.

Doch das oberste italienische Verfassungsgericht setzte dieses „Immunitätsgesetz“ außer Kraft, und es kam Ende 2004 zu einem Urteilsspruch gegen den Regierungschef wegen Korruption von Richtern. Er konnte trotzdem nicht belangt werden – die Vergehen waren verjährt. Einen letzten Coup landete die Regierung Berlusconi Ende 2005. Nach sich anbahnenden, außerplanmäßigen Neuwahlen verabschiedete die Regierung ein neues Wahlgesetz, das die Chancen auf eine Wiederwahl der konservativen Koalition erhöhen sollten. Das 1993 abgeschaffte Verhältniswahlrecht wurde mit einer Zwei-Prozent-Sperrklausel wieder eingeführt. Die Reform sollte der bestplatzierten Parteienkoalition einen Mandatsbonus einräumen. Doch Berlusconi unterlag und die neue Mitte-Links-Regierung hatte durch zu niedrige Sperrklauseln mit einer wackeligen Regierungskoalition zu kämpfen.



Ausblick: Veltroni vs. Berlusconi?

Die fehlende Effizienz des Wahlgesetzes und der Versuch, Neuwahlen herauszuzögern, veranlassten Staatspräsident Napolitano, nach Prodis Scheitern den Senatspräsidenten Franco Marini mit der Bildung einer Übergangsregierung zu beauftragen. Dieser sollte dann ein neues Wahlgesetz auf den Weg bringen. Es sollte die bestehenden Sperrklauseln erhöhen, um die Anzahl der Splitterparteien im Parlament zu verringern. Die Hürde für den Einzug ins Abgeordnetenhaus sollte von zwei auf vier Prozent steigen – die Vier-Prozent-Hürde im Senat sogar auf acht Prozent.

Doch obwohl Berlusconi bereit war, über eine Wahlreform zu sprechen, waren weder er noch andere Mitglieder des Mitte-Rechts-Bündnisses bereit, die Übergangsregierung zu unterstützen. Marini scheiterte und Neuwahlen waren unabwendbar.

velt.jpgBerlusconis Bündnis hat bekommen, was es wollte. Schon im Dezember letzten Jahres forderten sie Neuwahlen. Heute steht es sogar besser für die Konservativen. Die Rechte ist einig wie nie und Berlusconi ist wieder der unangefochtene Chef. Der erklärt auch gerne, dass er bereit ist, eine Wahlrechtsreform in Angriff zu nehmen – wenn die Rechte die Wahlen gewonnen hat.

Romano Prodi kann den Wahlsieg des Mitte-Rechts-Bündnisses nun nicht mehr abwenden. Doch sein Nachfolger Walter Veltroni (Foto rechts), ehemaliger Bürgermeister von Rom, hat Chancen dazu. Veltroni wurde jüngst zum neuen Parteichef der Demokratischen Partei (PD) gewählt, löste damit Prodi ab und steigt – wie auch Berlusconi – gleich in den Wahlkampf ein. Mit 52 Jahren ist er weit jünger als Prodi (68) und Berlusconi (71) und versucht das auch zu zeigen.

So sprach sich Veltroni klar gegen eine Allianz mit anderen Parteien aus. Er erklärte damit der Kommunistischen Partei eine Absage, die mit der PD ein Wahlkampfbündnis eingehen wollte. Zudem gilt Veltroni als talentierter „Kommunikator“. So verkündete er beispielsweise, nach den Wahlen die Steuern senken zu wollen – das hätten allerdings nur die wirtschaftlichen Erfolge Prodis möglich gemacht.

Trotzdem, Berlusconi bleibt vorerst der Favorit bei den Parlamentswahlen am 13. und 14. April. Umfragen sehen die Mitte-Rechts-Allianz klar vorne. Es bleibt abzuwarten, was Veltroni, der Neue von links, bewirken kann. Nur sein frischer Wind kann Mitte-Links zu einem Wahlerfolg verhelfen.


Die Bilder sind unter Creative Commons lizensiert und stammen von Agência Brasil (Foto Prodi) und Jollyroger (Foto Veltroni). Die übrigen Bilder sind gemeinfrei (Collage: Foto Prodi, Foto Berlusconi) und unter GNU Free Documentation License (Collage: Karte Italien).

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2 Kommentare
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  1. Als Italiener erlauben Sie mir einige Bemerkun-gen:

    1. Jedes Land demokratisch regiert braucht zuerst
    den Staat. Damit verstehe ich nicht einen Le-
    viathan sondern jene “polis” als Sublimierung
    des Gemeischaftsbegriffes. “Lo Stato è tutto e
    l’ individuo nulla”, nach dem Philosophen Gio-
    vanni Gentile, Bildungsminister in dem ersten
    Mussolinis Regierung. Italien hat zwar einen
    Statsoberhaupt, leider noch keinen Staat.

    2. Jedes Land (oder Nation ?) braucht dringend,
    eine Verfassung. Mein Land hat leider nur
    eine “carta” (dtsch.: Papier). Es braucht
    dringend eine “Costituzione”.

    3. Zum regieren braucht man fähige und integere
    Politiker. In meinem Lande sind sie eine rare
    Ware und die Wenige sind nicht in der Lage,
    die Politik als “Ente”, d.h. Wesen zu ver-
    stehen.

    Dies ist das grosse Drama meines Landes.

  2. @ Nicola Piro:
    Italien hat keine Verfassung?
    Was wurde dann am 1. Januar 1948 verabschiedet?
    Und was schützt das “Corte Costituzionale” dann, wenn nicht die italienische Verfassung?
    Auch wenn diese zugegebenerweise anders ausgestaltet ist, als die der Bundesrepublik Deutschland. Aber das ist ja die Regel, schaut man sich die europäischen Demokratien an.

    Ob sich die Regierung dann an die Entscheidungen des Verfassungsgerichts hält (siehe Berlusconi bei Entscheidungen zur Liberalisierung des Medienmarkts), ist eine andere Frage.

    Dem dritten Punkt ist (bedauerlicher Weise) wieder zuzustimmen.

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