In Frieden geteilt

14. Apr 2008 | von Petra Sorge | Kategorie: Europa

Mural.jpgZehn Jahre nach dem Abkommen von Belfast regieren die ehemaligen Feinde friedlich in Nordirland. Jetzt melden sich die Opfer des jahrzehntelangen Konflikts zu Wort. Die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Von Petra Sorge

Wie eng Grauen und Hoffnung im Gedenken verzahnt sind, zeigt sich in diesen Tagen in Nordirland. Vor genau zehn Jahren wurde der wichtigste Friedensvertrag, das Belfaster Abkommen, unterzeichnet. Kurz darauf riss der blutigste Anschlag in der Geschichte der Provinz 31 Menschen in den Tod. Eine Autobombe explodierte im August 1998 in der Grenzstadt Omagh, mitten in einer belebten Einkaufsstraße. Hunderte wurden verletzt.

Es wirkt fast wie inszeniert, dass jetzt, in der Friedenswoche, die von der Europäischen Mediationskonferenz begleitet wird, die Opfer erstmals auf Gerechtigkeit hoffen dürfen: In einem Zivilprozess, der ein Meilenstein der Justizgeschichte werden könnte, klagen die Hinterbliebenen gegen die fünf mutmaßlichen Täter des Anschlags. Sie fordern 10 Millionen Pfund. Für die Angehörigen kommt der Prozess bereits einem „moralischen Sieg“ gleich, wenn er auch nur aus Respekt für die Getöteten angestrengt wurde. Denn strafrechtlich wurde noch keiner der Angeklagten zur Rechenschaft gezogen.

Die mutmaßlichen Terroristen gehören einer radikalen Splittergruppe der Irish Republican Army an, der „Real IRA“. Mit dem Massaker von Omagh wollten sie gegen das Belfaster Abkommen vom 10. April 1998 protestieren. Es ist das Friedenswerk, das den jahrzehntelangen Konflikt zwischen pro-britischen, protestantischen Unionisten und pro-irischen, katholischen Nationalisten beenden sollte.

Die Unterdrückung der Katholiken in der Nachkriegszeit war der Auslöser der Bürgerrechtsbewegung im Jahr 1968. Der Konflikt eskalierte, als London Soldaten nach Nordirland schickte – IRA-Terror auf der einen Seite, Verhaftungen ohne Prozess und mörderische Übergriffe von Soldaten auf der anderen Seite. 3500 Tote und knapp 47.000 Verletzte – das ist die traurige Bilanz des 40-jährigen Konflikts. Das ist ein Opfer auf 30 Einwohner.

Spaltung in den Köpfen

Mauer.jpgWie tief die Spaltung zwischen den Konfessionen in Nordirland noch ist, zeigt sich noch immer im Stadtbild Belfasts. Fast zwei Drittel der Nordiren leben in Vierteln, die zu 90 Prozent protestantisch oder katholisch sind. Im Westteil der Stadt, wo während des Konflikts die schlimmsten Kämpfe tobten, trennen haushohe Mauern die Viertel voneinander. Zäune, Wälle, Stacheldraht und Umgehungsstraßen gehören weiter zum Stadtbild: 22 dieser Sperranlagen stehen heute noch. Auch in den Köpfen haben sich die Mauern verfestigt: Nur jeder fünfte Bewohner dieser Problemviertel würde eine Arbeit auf der anderen Seite der Mauer annehmen, wie Umfragen ergaben.

Einer der Volksvertreter dieses Stadtteils ist Paul Maskey. Er sitzt für die republikanisch-katholische Sinn Féin („Wir selbst“), dem früheren politischen Arm der IRA, im Stadtrat und im nordirischen Parlament. Bei den Wahlen im letzten Jahr räumte die Partei im katholischen Westbelfast 70 Prozent der Stimmen ab. Im Stadtteil Andersonstown befindet sich das Wahlkreisbüro, an dessen Fassade ein riesiges Poster hängt. Darauf ist eine Spinne in ihrem Netz zu sehen – sie soll den Staat symbolisieren, der angeblich alle Lebensbereiche kontrolliert. Maskey, der nun selbst Teil dieses Staates ist, wurde Anfang der 80er als Jugendlicher politisiert, als er bezeugte, wie sein bester Freund auf offener Straße von einem Polizisten erschossen wurde. Er sympathisierte mit dem spektakulären Hungerstreik von zehn IRA-Häftlingen. Sein Bruder war ranghohes IRA-Mitglied. Doch Maskey wählte nicht den Weg der Terrororganisation, sondern trat der Sinn Féin bei.

Der Politiker zeigt auf die Wand unterm Dachgeschoss des Wahlbüros. „Die ganze Decke hier wurde vor ein paar Jahren von einer loyalistischen Bombe zerfetzt. Ich hab das von der anderen Straßenseite gesehen, doch die Täter haben wir nie erwischt.“ Als man später den Schaden beheben wollte, sei ein Bauarbeiter von einem Heckenschützen erschossen worden. „Jetzt haben wir alles sicher hier“, sagt Maskey und klopft an die Fensterscheibe. Kugelsicheres Glas. Nur ein fingerdickes Einschussloch am linken Fenster wurde noch nicht repariert.

Streit um Status der nordirischen Polizei

Mit dem Waffenstillstand der IRA 1994 war der Weg für eine friedliche Lösung frei: London erkannte erstmals die Sinn Féin, den politischen Arm der IRA, als Partner an. Das Belfaster Abkommen, für das Irland den gesetzlichen Anspruch auf den Norden aufgab, sicherte den Frieden auf drei Ebenen: dem gleichsam katholischen wie protestantischen Regionalparlament in Belfast, den irisch-nordirischen Gremien und dem britisch-irischen Rat. Seit Mai vergangenen Jahres regieren die früheren Todfeinde, Premierminister Ian Paisley von der protestantischen Demokratischen Unionisten-Partei und sein Stellvertreter Martin McGuinness von der Sinn Féin, gemeinsam.

Polizeiwagen.jpgPaul Maskey hält den politischen Fortschritt seit dem Belfaster Abkommen für „schlicht unglaublich“. Seine Stimme hebt sich, als er das sagt. Der Schlussstein des Friedenswerkes fehle allerdings noch: Maskey setzt sich heute für die Reform der Polizei ein. Der Status der nordirischen Polizei wurde im Friedensvertrag bewusst offen gelassen. Bis Mai soll die politische Aufsicht über die Vollzugsmacht von London nach Belfast übertragen werden. Die 50-prozentige Katholikenquote, die das Abkommen vorsah, ist bisher erst zu 21 Prozent erreicht. Die Parteien sind tief gespalten über diese sensible Angelegenheit innerer Staatsmacht. Die Protestanten halten nichts von einer Quote und verweisen auf mangelndes öffentliches Vertrauen. Für die Katholiken war die Polizei jahrzehntelang der Gehilfe eines Unterdrückerregimes, weshalb sie jetzt die schnelle Übertragung der Rechte in die eigene Regierung fordern.

„Der britische Minister kennt doch die Probleme hier gar nicht“, sagt Maskey. Und das mangelnde Vertrauen der Protestanten in die neue Polizei? Der Sinn-Féin-Politiker zählt auf: „Waffenstillstand, Kriegsende, die Entleerung aller IRA-Arsenale – es ist ein albernes Argument der Unionisten zu sagen, sie hätten kein Vertrauen. Sie haben doch bloß kein Vertrauen in sich selbst.“

Terroristen führen Touristen

Mural2.jpgAls Zeichen des Vertrauens wertet Maskey die vielen Touristen aus aller Welt, die keine Angst mehr hätten, Belfast zu besuchen. Mit dem Tourismus will der Politiker auch Westbelfast stärken. „Wir haben hier bisher kein einziges Hotel, die Regierung hat jahrelang versucht, die Gäste von den Problemvierteln fernzuhalten“, sagt Maskey. Doch gerade die seien heute ein Besuchermagnet. In den letzten Jahren wurden ehemalige Häftlinge, IRA-Terroristen sowie loyalistische Paramilitärs, zu Fremdenführern ausgebildet. Man schickte sie nach Berlin, in die ehemals geteilte Stadt, wegen der Parallelen zum geteilten Belfast.

Die Freilassung aller Terroristen war wichtiger Bestandteil des Friedensvertrags. So saßen Mörder mitunter keine vier Jahre im Gefängnis, bevor sie begnadigt wurden. Heute führen sie Touristen durch die Stadt. Für die Opfer ist das oft Hohn, zumal nur sehr wenige ihrer früheren Peiniger Reue zeigen.

Jetzt ist möglicherweise die Zeit der Opfer, sich ein Stück ihrer Würde zurückzuholen. Der Zivilprozess jedenfalls könnte eine ganze Flut an Klagen von Geschädigten auslösen. In Omagh wird bis zum Jahrestag des Anschlags im August ein Mahnmal mit einer Mauer und einem Garten errichtet. Lange sollte auf der Plakette der terroristische Tathintergrund verschwiegen werden, das wollten vor allem die Täter und ihre Unterstützer so. Niemand wagte es, die republikanische Bewegung zu beleidigen. Doch die Angehörigen haben sich durchgesetzt. Überall wird es jetzt zu lesen sein: In Gedenken der Opfer einer „republikanischen terroristischen Autobombe“.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Weiterführende Links:

Chronik des Nordirlandkonflikts

Ian Paisley tritt zurück

Das Belfaster Abkommen



Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

For God and Ulster

Ende der Waffengewalt?

Das Who is Who des Terrorismus


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3 Kommentare
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  2. Oh mein Gott, was für eine Verrückte ist das denn? Religiöse Fanaatiker aller Länder, vereinigt Euch! (Am besten irgendwo ganz weit weg von hier und möglichst ohne Internet)

    Ach ja liebe Autorin, es wäre schön, wenn Sie Ihren Schwachsinn hier nicht mehr verzapfen würden. Noch dazu, wenn Ihr verquastes Gefasel auch wirklich gar nichts mit dem Text zu tun hat.

    Paul Kowalew

  3. Seine Meinung zu aeussern ist das eine, aber wenn man Meinungsaustausch moechte, sollte man so argumenterieren, dass der andere darauf Bezug nehmen kann. Obiges Kommentar aber will nur reden, nicht hoeren.
    Den Beitrag selbst finde ich eine wichtige und richtige Auseinandersetzung mit dem Problem Irland, das nach wie vor aktuell ist und deshalb Teil der gesellschaftlichen Diskussion sein sollte.

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