Identität und Globalisierung
Globalisierung, Identitätssuche und vor allem Demokratie: In diesem Buch werden die großen Themen angegangen. Amartya Sen kämpft gegen die Engstirnigkeit. Dabei versteht er es, mit Erfahrung und wissenschaftlichem Biss dem Leser ein persönliches Bild von Globalisierung zu vermitteln. Von Christian Mieß
Allem voran wehrt sich der Autor vehement gegen die heftig diskutierte These Samuel Huntingtons, zukünftig werde es zu einem Zusammenprall der Kulturen kommen. In Die Identitätsfalle: Warum es keinen Kampf der Kulturen gibt versucht er die Leser auf die vielen Faktoren aufmerksam zu machen, die ein Leben heute beeinflussen. Dabei gibt es seiner Meinung nach mehr als die von Huntington vorgeschlagenen Kategorien.
Das Problem von Huntingtons Ansatz liege darin verborgen, dass er die Welt zu einfach beschreibt. Unterschiede zwischen den Menschen finden sich nicht nur in einer Dimension der Kultur. Somit taugt dieser Ansatz nicht zur Analyse. Obwohl Amartya Sens Gegenthese anfangs komplex erscheint, so ist sie am Ende absolut einleuchtend.
Die Herausforderung
Amartya Sen, indischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor in Harvard, bestreitet nicht, dass kulturelle Vielfalt eine große Herausforderung bedeutet. Allerdings sei es eine Illusion anzunehmen, man könne die Welt einfach in getrennte Kulturräume einteilen und hier die Ursache für die momentanen weltpolitischen Probleme finden. Sein Gegenargument: Wenn sich Menschen auf einen Kulturkreis oder besser gesagt eine einzige Identität festlegen lassen, dann wird der Verstand als Mittel zur Lösung von Problemen nicht in dem Maße genutzt, wie es möglich wäre. Man tappt in die Identitätsfalle. Die wohl wichtigste These in diesem Zusammenhang: Identität ist nicht von der Natur vorgegeben, sondern man entscheidet sich aktiv, auch für mehrere.
Natürlich können wir unsere Körper nicht verlassen, aber so wie man Fan einer Fußballmannschaft sein kann, so kann man sich auch freuen, wenn das gegnerische Team gewinnt. Vielleicht sind ja Freunde Fans einer anderen Mannschaft? Wieso sollte man sich also nicht mit ihnen identifizieren? Genauso natürlich müssen wir auch unterschiedliche Identitäten anerkennen. „Das auch nur stillschweigende Beharren auf einer alternativlosen Singularität der menschlichen Identität setzt nicht nur uns alle in unserer Würde herab, sondern trägt überdies auch dazu bei, die Welt in Flammen zu setzen,“ so eines seiner Statements. Das Hauptproblem der Globalisierung liegt demnach in der Integration unterschiedlichster und eventuell widersprüchlicher Identitäten.
Global-Demokratisch
In die Diskussion über die Versuche der demokratischen Integration von Menschen in eine Weltgesellschaft schaltet er sich ein, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein „nebenher“, wie es zum Beispiel der Multikulturalismus fordert, durchaus Probleme hat, denn auch in Toleranz können sich Unterdrückung und Zurückweisung verstecken. Neben den täglichen Problemen, die die Menschen miteinander haben, stellt die Globalisierung alle Menschen vor eine besonders schwierige Integrationsaufgabe: Es gilt, eine Moral und Ethik zu schaffen, die universell gültig ist. Den Protest vieler Globalisierungskritiker gegen die Ungleichverteilung von Gütern wertet Sen daher bereits als eine primitive Form des globalen Diskurses. Aber ist es deswegen auch schon ein erstes global-demokratisches Element?
Das Buch: ein verbaler Rundumschlag
Wenn man den englischen Titel im Klappentext liest (Identity and Violence: The Illusion of Destiny), merkt man dem Buch sofort an, dass es Sen auch darum gegangen sein muss, seinem Ärger über den Zustand der Welt Luft zu machen. Terrorismus, Religion, Multikulturalismus, Demokratie, Neoliberalismus, Marktwirtschaft, Unterdrückung und Freiheit, dies sind alles Themen, denen er sich widmet. Sen analysiert, nimmt Gedanken auf und stößt zum Nachdenken an, ohne dabei zu sehr zu provozieren.
Dabei nimmt er es auch gekonnt mit schwammigen Begriffen wie „ der Westen“ oder „der Islam“ auf. Kritisch setzt sich der Nobelpreisträger Sen zudem mit der Marktwirtschaft und den negativen Effekten einer neo-liberalen Weltordnung auseinander. In diesem Zusammenhang ist für ihn von enormer Bedeutung, welche Fragen in Bezug auf die Globalisierung und die Verteilung von Ressourcen gestellt werden. Und diese Verteilung muss in jedem Fall demokratisch verlaufen. Sen denkt Demokratie global.
Guter Gesamteindruck mit einigen Hürden
Trotz des guten Gesamteindrucks hat das Buch einige Ecken und Kanten. Es werden viele große Probleme in Politik und Wirtschaft angesprochen, vielleicht ein paar zu viele. Asien, Afrika, Europa, Amerika, fast alle Kontinente werden kurz behandelt. Hier gelingt es dem Autor zwar immer noch, die für ihn wichtigen Dinge zu beschreiben, nur wünscht man sich manchmal etwas genauere Informationen.
Sen ist nicht der erste, der sich mit der Thematik der sich „überlappenden“ Identitäten und den damit zusammenhängenden Problemen im Zuge der Globalisierung beschäftigt. Das Buch überzeugt dennoch durch den sehr persönlichen, essayistischen Schreibstil des Autors. Allerdings findet man am Anfang etwas schwer in den Text hinein. Vor allem die Hinleitung zum Thema ist keine leichte Kost. Ganz der Wissenschaftler definiert Sen zuerst alle gebrauchten Begriffe und geht erst später in einen lockeren Schreibstil über. Sobald man aber die ersten 50 Seiten geschafft hat und im Hinterkopf behält, wird man mit dem Ausblick eines Weltbürgers belohnt. Die Identitätsfalle ist so weit mehr als eine kurze Antwort auf Huntingtons Kampf der Kulturen.
Sen, Amartya,
Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt
(2007), München, C.H. Beck,
209 Seiten, ISBN 978-3-406-558122, 19,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Verlag C.H. Beck (Buchcover) und bei Elke Wetzig (Portrait).
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