Hofbräu, aber schal
Franz Müntefering platzierte seinen ersten öffentlichen Auftritt seit seinem Abtritt von der großen politischen Bühne im bayerischen Wahlkampf – ein Gewinn sowohl für Müntefering, der sich großer Aufmerksamkeit sicher sein konnte als auch für die bayerische SPD, welche gerade die Rückendeckung der SPD-Integrationsfigur gebrauchen kann, um ihr Wahlziel, die absolute Mehrheit der CSU zu brechen, erreichen zu können. Den Auftritt im Münchner Hofbräukeller kommentiert Gastautor Christian Ganser.
Mit der Gerechtigkeit ist es ja so eine Sache. Die SPD hält sie in Bayern für dringend steigerungsbedürftig, aber bei der eigenen Wahlkampfveranstaltung sind einige dann doch ein bisschen gleicher – die mit den Presseausweisen nämlich, die bereits kurz nach 19 Uhr, eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn beim ersten Auftritt Franz Münteferings seit seinem Wiedereinstieg in die Politik, praktisch sämtliche Plätze im Saal des Hofbräukellers belegt haben. Der gemeine Stimmenlieferant, der einfach so seinen politischen Informationsbedarf decken und ein wenig „Münte“ gucken will, muss sich also in den Nebenraum begeben, um dort auf einem großen Bildschirm das Spektakel verfolgen zu können.
Sonnen in den Erfolgen der anderen
Man freut sich, dass es etwas kühler ist und noch fast alle Plätze frei sind und ist froh, dass man kein Fotograf ist, der sich stundenlang die Füße in den Bauch steht, um das selbe Foto wie alle seine Kollegen um ihn herum aufnehmen zu können. Bei der ersten Runde Weißbier geht es dann wieder gerechter zu, es ist bei allen gleich schal. Hoffentlich werden die Reden besser. Der Schweinebraten ist es schon mal, und so ist man zuversichtlich, als die erste Rednerin das Podium betritt. Besonders Wichtiges sagt sie nicht und es holpert rhetorisch ein wenig. Bevor „Franz und Franz“, Maget und Müntefering nämlich, ihre Auftritte haben, wird noch ein Wahlfilmchen gezeigt. Wie sich das für eine anständige Partei in Bayern gehört, beginnt es mit dem Defiliermarsch und einer Aufzählung der Verdienste der CSU – freilich nicht als solche bezeichnet, aber die auch später noch mehrfach betonten Vorzüge des Freistaats kann sich die Daueroppositionspartei nun mal nicht ans Revers heften.
In Bayern gegen die Schwarzen
Dann wird aber doch berichtet, was alles anders gemacht werden müsse. Mehr Bildung, weniger Atomkraft und irgendwie soll halt alles gerechter werden. Der erste Franz M. des Abends knüpft hier an und steckt die Eckpunkte seiner Politik ab, sollte er – ja was? Ministerpräsident werden? So richtig glaubt man bei der bayerischen SPD offensichtlich nicht daran, denn mehrfach wird die Parole ausgegeben, die absolute Mehrheit der CSU müsse gebrochen werden. Das wäre zwar schon eine kleine Sensation, aber noch lange kein Machtwechsel zur SPD. Warum er für Obama Wahlkampf macht, erklärt Maget auch. Er findet, man müsse dafür sorgen, dass Bush das Weiße Haus verlässt. Vielleicht sollte ihm jemand sagen, dass dafür schon das US-amerikanische Wahlrecht sorgt und er sich beruhigt auf seinen eigenen Wahlkampf konzentrieren kann. Überzeugender ist da schon die Ansicht, in den USA müsse man für, in Bayern aber gegen Schwarze sein. Freilich teilt der Kandidat nicht mit, wie er zum Beispiel die angestrebten Verbesserungen im Bildungswesen bei gleichzeitiger Abschaffung der Studienbeiträge und einem kostenfreien Kindertagesstättenjahr zu finanzieren gedenkt, aber rhetorisch geht es mit Maget gegenüber der Eröffnungsrede alles in allem bergauf, ähnlich wie mit der Bierqualität. Die zweite Runde ist spritziger, und man kann sich vorstellen, dass es nach einem Regierungswechsel in Bayern mit der Politik ungefähr so sein könnte wie nach dem mutmaßlichen Fasswechsel in der Küche mit dem Biergeschmack: Erst kommt es einem ein bisschen seltsam vor, aber dann wird’s besser.
SPD: Die Mutter der Demokratie?
Dem ersten Franz M. folgt der zweite, die Krawatte ist noch roter, und wenn jeder Geschichtslehrer so schön 150 Jahre Entwicklung zusammenfassen könnte wie Müntefering, wäre das Bildungssystem in Bayern gleich besser. Was hat die SPD aber auch nicht alles hervorgebracht in ihrer Vergangenheit: Das Frauenwahlrecht, die Demokratie an sich sowieso, die beste Streitkultur aller Parteien (gut, die Geschichte mit dem Clement ist halt die Ausnahme, die die Regel bestätigt) und den Helmut Schmidt. Außerdem den Gerhard Schröder, dem wir dankbar sein müssen, dass heute keine Bundeswehrsoldaten im Irak und zwei Millionen Leute weniger arbeitslos sind. Dass diese Leute nicht immer gute Jobs haben, räumt Müntefering ein und folgert, man brauche daher einen Mindestlohn. Das alles wird mit viel Elan vorgetragen und man mag dem vielleicht auch zustimmen, aber mit aktueller Landespolitik hat es wenig zu tun. Was man hört, ist im Wesentlichen Lagerwahlkampf gegen die Konservativen im Allgemeinen und die „Waschlappen“ Beckstein und Huber im Besonderen.
Wahlkampffuchs Münte
Am Schluss seiner Rede gibt Müntefering noch ein paar Hinweise, wie der Straßenwahlkampf geführt werden solle: nicht lange rumdiskutieren mit Leuten, die eh nicht zu überzeugen sind, sondern die zum Wählen bringen, die dann vielleicht für die SPD stimmen. Und außerdem mal wieder bei den Verwandten anrufen und auch denen sagen, was man wählen soll. Ob das aus inhaltlichen Gründen nun unbedingt Maget sein muss, wurde an diesem Abend nicht ganz klar. Aber man hat den Eindruck, ihn zu wählen wäre auch nicht so unanständig wie Huber und Beckstein meinen. Und das allein ist in Bayern nach 50 Jahren CSU ja vielleicht schon Grund genug.
Das Copyright der Photos liegt bei Michael Weiss (Franz Müntefering) und Michael Lucan (Franz Maget) und ist unter der GNU Free Documentation License, Version 1.2 lizensiert.
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Mit ihrem Franz, der ja auch mit 1860 auf dem letzten Platz ist, wird wohl nicht viel besser. Die 19,6 % vom letzten Mal sind eine hohe Hürde, nicht nur, weil bei der CSU das Putengeschnetzelte viel besser schmeckt. Selber schuld: Ernsthafte SPD-Kandidaten lassen sich in Bayern nicht verheizen…