Grundlagen des modernen Europas
Marxismus und Sozialismus waren die wichtigsten Prägekräfte zwischen dem europäischen Revolutionsjahr 1848 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit dieser umstrittenen Ansicht meldet sich Ernst Nolte in seinem neuen Buch zu Wort. Darüber hinaus liefert er spannende Einblicke in die geistesgeschichtlichen Entwicklungen der Zeit. Von Andreas Morgenstern
Selten rief ein Geschichtswissenschaftler in Deutschland solch eine Debatte hervor, wie der Berliner Historiker Ernst Nolte. Seine These des kausalen Nexus, der Ursprünglichkeit des Bolschewismus und des Gulag, der die Faschismen und damit letztlich „Auschwitz“ als radikale Gegenreaktion erst hervorgerufen habe, polarisierte im Historikerstreit der achtziger Jahre die Historikerzunft. Seither gilt Nolte hierzulande als Außenseiter.
In seinem neuen, aus einer Vorlesung hervorgegangenen Band setzt sich der 85-jährige Nolte mit der Geschichte Europas in den Jahren 1848 bis 1918 auseinander. Um es vorweg zu nehmen: Das Buch profitiert vom fundierten Fachwissen des Autors, der in der Vergangenheit zu Bereichen wie Nationalismus, Marxismus und Nietzscheanismus geforscht hat, und der den Kern der Sache nie aus den Augen verliert. Die Studie gliedert sich in zwei etwa gleich lange Hauptteile: erstens eine Abhandlung der politischen Ereignisse und zweitens die Darstellung sozialer Strömungen und Entwicklungen auf dem Kontinent. Diese Unterteilung kann trotz gelegentlicher Doppelungen überzeugen.
Widerstreitende Ideologien kennzeichnen die Epoche
Im ersten Abschnitt beschränkt sich Nolte auf eine narrative Darstellung der politischen Ereignisse des „langen 19. Jahrhunderts“, wobei er einen Bogen von der Französischen Revolution 1789 über das europäische Revolutionsjahr 1848 bis hin zum oftmals als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts apostrophierten Ersten Weltkrieg spannt. In diesem ersten Teil setzt er sein Fundament für den auffälligeren zweiten Abschnitt zur geistesgeschichtlichen Entwicklung unter dem Titel „Kräfte, Tendenzen, Bewegungen“.
Nolte blickt dabei nach einer Beschreibung der großen demografischen und industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts auf die aufkeimenden grundlegenden Ideologien des Marxismus und Sozialismus, des Bonapartismus unter Frankreichs Kaiser Napoleon III. des Nietzscheanismus, des Antisemitismus und Zionismus, des Panslawismus und der von Nolte als „defensiv“ betrachteten Nationalismen der Zeit.
Streitbare Thesen zur Kriegsschuldfrage
Dabei provoziert die übrigens nur recht knapp abgerissene These der grundsätzlichen Defensive der europäischen Nationalismen, können doch gerade die von ihm vorgestellten Beispiele, der Alldeutsche Verband, die Action francaise und die Associazione Nazionalista Italiana, nicht auf die Abwehr von Sozialismus und Marxismus reduziert werden, schließlich gewannen gerade sie im Blick auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen große Bedeutung. Hierzu passt allerdings, dass Nolte die Ursachen des Kriegs in einer scheinbar unaufhaltsamen Dynamik der Eskalation des Konflikts zwischen den Mittelmächten und der Entente im Juli 1914 sieht und so die neben dem Kaiser führenden Protagonisten Deutschlands, Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und Generalstabschef Helmuth von Moltke, aus der Verantwortung nimmt, seien diese doch anstatt großer Krieger geradezu „Philosophen“ gewesen. Letztlich flammten nur die traditionellen Konflikte zwischen den Staaten Europas wieder auf.
Trotz Voreingenommenheit des Autors gewinnt der Leser einen lebendigen Eindruck prägender geistesgeschichtlicher Entwicklungen in einer Zeit des wissenschaftlichen und industriellen Aufbruchs, wobei Nolte überzeugend die inneren Widersprüchlichkeiten dieser Bewegungen herausarbeitet. Er beschreibt Strömungen, hält sich aber zurück mit Urteilen über deren realen Einfluss auf das historische Geschehen, da dieser wohl oftmals kaum konkret fassbar war.
Ausnahmen bilden für ihn jedoch ein als antiindividualistisch angesehener Marxismus und der Panslawismus, die sich zu den großen Prägekräften ihrer Epoche entwickelten. Während sich aber der Marxismus in seinen Massenparteien über ganz Europa verbreiten sollte, gewann der Panslawismus mit seinem Ziel einer slawischen Zivilisation als Erbin Griechenlands, und verbunden mit der Eroberung Konstantinopels, allerdings außerhalb Russlands kaum Zugkraft und richtete sich eher gegen das übrige Europa. Einziges nachhaltiges Ergebnis war so die bis in unsere Tage haltende Verbindung zwischen Russen und Serben.
Zeitalter der Demokratisierung
Das Buch ist jenseits mancher streitbaren Aussagen ein spannendes Nachschlagewerk für politische und ideologische Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, freilich aus konservativer Sichtwarte. Folglich diagnostiziert Nolte einen allgemeinen Verlust kulturellen Niveaus durch die Demokratisierung in vielen europäischen Gesellschaften, ohne sich grundlegend gegen diese Entwicklung zu wenden. Im Gegenteil, er begrüßt sie. Zugleich mahnt er an, die Entbindung der fürstlichen Kabinette von ihrer alleinigen politischen Verantwortung habe an mancher Stelle Kompromisse erschwert. So beschleunigte 1854 in England die antirussische öffentliche Meinung während des ausbrechenden Kriegs zwischen dem Zarenreich und den Osmanen den Kriegeintritt des Empires auf Seiten von Sultan Abdülmecid I. Der zunächst begrenzte Krimkrieg weitete sich so zu einer Auseinandersetzung kontinentalen Ausmaßes aus.
Ein zwiespältiger Eindruck bleibt zurück
Insgesamt bleibt nach der Lektüre des Bandes ein zwiespältiger Eindruck zurück. Noltes Geschichte Europas 1848-1918 soll als Ergänzung zu seinen früheren Studien eines europäischen Bürgerkriegs zwischen dem Beginn des Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs dienen. Analogien zu seiner These des kausalen Nexus von Bolschewismus und Faschismus, hier in die These der Ursprünglichkeit des Marxismus gegenüber dem Defensivcharakter des Nationalismus gepackt, sind unübersehbar. So ist das Buch eine bemerkenswerte Mischung aus originellen Gedanken und Einäugigkeiten eines klugen Kopfes, die doch den Wert des insgesamt souverän geschriebenen Buches mindern.
Nolte, Ernst,
Geschichte Europas 1848-1918. Von der Märzrevolution bis zum Ende des Ersten Weltkriegs,
(2007), München, Herbig-Verlag,
304 Seiten, ISBN 978-3-7766-2532-5, EUR 29,90
Die Homepage von Ernst Nolte. Die Bildrechte liegen beim Herbig-Verlag. Der Verlag im Internet.
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