Fortschritte im Kampf gegen die Kindersterblichkeit
Sind Lungenentzündung, Malaria oder Masern heutzutage harmlos und keine Gefahr für Leib und Leben? Das hängt ganz davon ab, wo man lebt. Trotz Erfolgen in der Vergangenheit fordern in weiten Teilen der Welt gut therapierbare Krankheiten täglich zehntausende Todesopfer unter Kleinkindern. Der UNICEF-Bericht 2008 mahnt zum Handeln. Von Alexander Christoph
Was haben Sierra Leone, Angola und Afghanistan gemeinsam? Sie führen eine traurige und ebenso schaurige Rangliste an – die der Kindersterblichkeit. Allein beim Spitzenreiter, dem westafrikanischen Sierra Leone, erleben – im „besten“ Wissenschaftsdeutsch ausgedrückt – von 1.000 Lebendgeburten 270 ihren fünften Geburtstag nicht. In den westlichen Industrieländern sind es durchschnittlich nur sechs. Die Frage, was man dagegen unternehmen kann, ist mehr als berechtigt.
Der neue UNICEF-Bericht “Zur Situation der Kinder in der Welt 2008 – Kindersterblichkeit bekämpfen” gewährt interessante Einblicke in dieses Themenfeld. Nachdem in den Vorjahren unter anderem Kinderarmut, die Kinderrechte oder die Diskriminierung von Frauen und Mädchen im Mittelpunkt standen, widmet sich UNICEF in diesem Jahr der Kindersterblichkeit. So werden die Überlebenschancen von Kindern überblickshaft dargestellt, ehe die Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder beleuchtet wird. Auch die Rolle der Gemeinden wird hinsichtlich der medizinischen Grundversorgung untersucht. Christian Schneider, verantwortlich für die deutsche Ausgabe des UNICEF-Berichts, hat mit seinem Team um Andrea Floss, Silke Fröndhoff und Rudi Tarneden gute Aufklärungsarbeit geleistet.
Immer wieder erfährt der Leser, wie das sinnlose, da vermeidbare Sterben bereits mit kostengünstigen Maßnahmen spürbar eingedämmt werden kann. Gemeindenahe Gesundheitsdienste, Impfungen gegen die gängigsten Infektionskrankheiten wie Masern oder aber imprägnierte Moskitonetze würden, so die Autoren der Studie, bei relativ geringem Aufwand große Erfolge nach sich ziehen. Darüber hinaus müsste die Versorgung der Menschen mit sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen ausgebaut werden. Das dürfte zwar bei der informierten Fachwelt Gemeingut, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit bekannt sein.
Nach wie vor sind erhebliche Defizite erkennbar. Die Zahlen sprechen für sich: Rund 1,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung, also knapp 2,6 Milliarden Menschen, müssen ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen auskommen. Durchfallerkrankungen sind aufgrund dieser Verhältnisse keine Seltenheit, sondern eher die Regel. Die Folgen sind verheerend: Nach Schätzungen von UNICEF sind jährlich zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren darauf zurückzuführen. Die Schätzungen beruhen auf einer Ausweitung von systematischen Haushaltserhebungen, Befragungen von Gesundheitseinrichtungen und statistischen Daten der Bevölkerung. Dabei arbeiten Experten von UNICEF, mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Weltbank und dem Weltbevölkerungsfond sowie der Universität Harvard zusammen.
Plädoyer für Hygiene, sauberes Trinkwasser und stillende Mütter
Schon allein wenn der Griff zur Seife beim Händewaschen zur Gewohnheit würde, wäre viel gewonnen. Die Autoren gehen nämlich davon aus, dass durch einfachste Hygieneregeln die Zahl der Durchfallerkrankungen halbiert werden könnte. Außerdem plädieren sie dafür, dass Mütter ihre Kinder stillen. Denn Muttermilch ist jeder Fertignahrung überlegen, sie schützt vor Infektionen, versorgt den Nachwuchs mit ausreichend Abwehr- und Immunstoffen und ist außerdem kostenlos. So helfe „ausschließliches Stillen von Kleinkindern in den ersten sechs Lebensmonaten“ letztendlich Leben retten. Überhaupt sollte mehr Wert auf vorgeburtliche Versorgung, Aufklärung und Nachbetreuung gelegt werden.
Die Herausgeber wenden sich mit ihren Ratschlägen an die politischen Entscheidungsträger, aber auch an die zahlreichen Hilfsorganisationen. Dabei fordern sie „dem Überleben von Kindern den absoluten Vorrang zu geben“. Doch es wird nicht nur Schwarzmalerei betrieben, die Autoren sehen ebenfalls Lichtblicke am Horizont. So besagt das Datenmaterial eindeutig, dass „mehr Kinder als je zuvor die kritischen ersten Jahre überleben“.
Jährlich rund drei Millionen weniger Todesfälle
Nichtsdestotrotz sind pro Jahr rund 9,7 Millionen Todesopfer zu beklagen. Das ist zwar ein Rückgang um mehr als drei Millionen im Vergleich zu 1990. Allerdings: Ausruhen darf man sich aufgrund der positiven Entwicklung keineswegs. Die Verantwortlichen des Berichts mahnen die internationale Gemeinschaft ihre Anstrengungen zu verstärken, ja sogar zu „verdoppeln“, damit das vierte Millennium Development Goal (MDG) der Vereinten Nationen, die Kindersterblichkeit gegenüber 1990 um zwei Drittel zu senken, erreicht wird. Allein diesem Ansinnen ist ein ganzes Kapitel gewidmet.
Anschaulich wird der Bericht durch eine Auswahl an Projekten und die Vielzahl an Tabellen, die Daten zur Ernährungs- und Gesundheitssituation bis hin zu demographischen und ökonomischen Indikatoren. Einige Informationen dürften den Leser überraschen, wie etwa im Falle Indiens. In erster Linie assoziiert man Indien mit wirtschaftlichem Aufschwung. Der indische Subkontinent ist nicht nur in den Augen der Verfasser, sondern fast ausnahmslos in der westlichen Wahrnehmung zum „Synonym für Computertechnologie“ geworden. Dennoch ist nicht alles Gold was glänzt. „Jedes dritte untergewichtige Kind lebt in Indien“, stellt UNICEF fest. „In mehreren Staaten, darunter Madhya Pradesh und Bihar, stieg die Zahl der unterernährten Kinder in den vergangenen fünf Jahren sogar an.“ Andererseits gibt es auch Positives zu berichten. Durch den Ausbau der Vitamin-A-Versorgung in Nepal „gelang es, die durch Vitamin-A-Mangel verursachten Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren zu halbieren.“
Argumentationshilfe und Mahnung zugleich
Der UNICEF-Bericht ist eine ebenso anregende wie spannende Lektüre. Er verdeutlicht dem interessierten Leser, wie gravierend das Problem der Kindersterblichkeit auf dieser Welt auch heute noch ist. Und das trotz der Erfolge in den vergangenen Jahren. Er liefert Daten, stellt aber gleichfalls konkrete Maßnahmen und Projekte vor. Er ist deshalb Argumentationshilfe und zugleich Mahnung. Mahnung in Richtung Politik, der Herausforderung aktiv zu begegnen. Außerdem wird eins beim Lesen immer wieder vor Augen geführt: Was für uns, die wir in den westlichen Industrieländern leben, selbstverständlich ist, ist für den Großteil der Menschen in den Entwicklungsländern die Ausnahme.
Deutsches Komitee für UNICEF (Hrsg.),
Zur Situation der Kinder in der Welt 2008. Kindersterblichkeit bekämpfen,
(2008), Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main
233 Seiten, ISBN: 978-3-596-17722-6, 9,95 Euro
Die Bildrechte liegen beim Fischer-Verlag.
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