Fastfood für Konsumkritiker
Was soll ich essen? Wo soll ich meine Kleidung kaufen? Richtig konsumieren lernen ist gar nicht so einfach, wie der Berliner Journalist Stefan Kuzmany im Selbstversuch herausgefunden hat. Besonders konsequent ist er dabei allerdings nicht vorgegangen. Von Lennart Faix.
Drei schwere Schläge mit dem Fleischklopfer lassen den Wohnzimmertisch erbeben. “Ruhe, sonst lasse ich den Saal räumen!” Dan Klorix hat sich nach Kräften verteidigt, es hat nichts geholfen. Er wird verurteilt. Höchststrafe: Verbannung aus dem Haushalt. Kein Aufschub, keine Gnade.
Bis vor Kurzem arbeitete Dan Klorix als Hygiene-Reiniger in einer Berliner Wohnung, dort war er für die Toilette verantwortlich. Sein Verbrechen: Er enthält giftige, biologisch schwer abbaubare Inhaltsstoffe. Besonders erschwerend kommt hinzu, dass Dan Klorix in der Produktbeschreibung auf seiner Flasche versucht hat, diesen Umstand zu vertuschen.
Selbstversuch und Spinnereien
Stefan Kuzmanys Buch Gute Marken, böse Marken – Konsumieren lernen, aber richtig beschreibt einen Selbstversuch. Der Autor durchstöbert seinen Alltag nach kleinen und großen Umweltsünden, nach unbewussten oder verdrängten Missständen. Dennoch wimmelt es im Buch geradezu von personalisierten Gegenständen und fiktiven Erzählungen. Unterhaltung und Information vermischen sich, nicht immer klar voneinander trennbar.
Zum einen ist da die Gerichtsverhandlung, in der sämtliche Reinigungsmittel in Kuzmanys Wohnung auf die Anklagebank gezerrt werden. Daneben gibt es auch ein Huhn, von dem sich der Autor vorstellt, es heiße Lotte und liefere ihm seine sonntäglichen Frühstückseier. In Neapel wird er von einer Umweltschützer-Mafia gekidnappt, eingesperrt und verhört. Seine Gier nach Fastfood nennt er Limbo und mit seinem Tabakbeutel unterhält er sich wie mit einem “alten Kumpel”.
Kleine Sünden und nette Anekdoten
“Immerhin habe ich damit angefangen, meinen Lebensstil in Frage zu stellen.” Alles wird dokumentiert, quasi gebeichtet. In Kuzmanys Haushalt befindet sich ein Rohrreiniger, der “vom FBI gesucht” wird, da er sich zum Bau von Bomben eignet. Statt der für die Umwelt verträglichen 3,5 Tonnen CO2 produziert er zwanzig. Für Lottes Eier hat sich offensichtlich eher sein schlechtes Gewissen als sein Sinn für bewusste Ernährung entschieden.
Stilistisch ist dem Autor seine Mitarbeit in der Berliner taz-Redaktion deutlich anzumerken: Im lockeren Plauderton, leicht ironisch füllt er die Seiten. Gerne schweift Kuzmany ab, reißt thematische Nebenschauplätze an und streut kleine Anekdoten ein. Alles recht unterhaltsam aber im Endeffekt etwas zu belanglos.
“Vielleicht sind Sie ein wenig wie ich”
“Vielleicht lesen Sie in der Zeitung von der drohenden Klimakatastrophe, machen sich ein wenig Sorgen – und buchen drei Minuten später Ihren nächsten Zwölf-Stunden-Flug nach Argentinien”, wendet sich der Autor im Vorwort an seine Leser. “Vielleicht haben Sie längst den Verdacht, dass etwas nicht stimmen kann, wenn es Laser-Drucker bei Plus jetzt schon für 99 Euro gibt […] – und Sie freuen sich trotzdem darüber, dass Sie ein tolles Schnäppchen gemacht haben. Vielleicht sind Sie also ein wenig wie ich.”
Kuzmany entlarvt sich und den Mensch im Allgemeinen als sündenanfälliges, schwaches Wesen. Dies ist die große Stärke des Buches. Passend dazu ist jedem seiner sieben Kapitel als zusätzliche Überschrift eine der Todsünden zugeordnet.
Die Widersprüchlichkeit von menschlichem Denken und Handeln weist Gute Marken, böse Marken nach. Doch in der ganzen bunten Vielfalt – ja vielleicht Beliebigkeit – des Textes geht diese Erkenntnis etwas unter, wirkt eher implizit.
Kratzen an der Oberfläche
Der Ansatz des Selbstversuchs birgt zudem einige konzeptionelle Schwachstellen. Der Markenbegriff wird verwässert. Ist Döner eine Marke im engeren Sinn? Gehören nervende Werbeanrufe von Pseudo-Lotterien zu diesem Thema?
Das Buch leistet weder eine präzise Untersuchung von Arbeits- oder Produktionsbedingungen bei bestimmten Unternehmen. Noch deckt es alle Lebensbereiche vollständig ab. Lediglich einige Verweise auf Internetadressen bieten dem Leser die Möglichkeit selbständig weiterzuforschen (siehe weiterführende Links).
Gute Marken, böse Marken kratzt hier und da an der Oberfläche, manchmal auch ein wenig tiefer. Letztlich geht es mehr in die Breite als in die Tiefe. Die eingestreuten Tipps für die Leser “Was Sie tun können…” sind in der Regel mehr sarkastische Gedankenspiele als ernstgemeinte Ratschläge: “Erleben Sie das Leiden der Hühner am eigenen Leib! Ziehen Sie für eine Woche in Ihren Kleiderschrank. Finden Sie jemanden, der Ihnen Essen aus zermahlenen Abfallprodukten bringt und ab und an die Kotreste mit einem Schlauch wegspült.”
Wer eine echte Anleitung sucht, wer Konsumieren lernen will, aber richtig, wie es der Untertitel des Buches verspricht, der wird sicher enttäuscht.
“Änderung des Lebensstils reicht nicht aus”
“Marken an sich sind nicht gut oder böse”, resümiert der Autor im Nachwort. Zwar ist er der Überzeugung, dass allein die Änderung des persönlichen Lebensstils nicht ausreiche, sie sogar nur ablenke “härtere Gesetze und höhere Auflagen zum Schutz der Umwelt und der Gesellschaft bei Politik und Industrie einzufordern”. Trotzdem ist er sich sicher: “Wenn wir es wollen, könnte es morgen für die Konzerne nur noch dann möglich sein, Gewinn zu machen, wenn sie wirklich gute Marken herstellen. Fair und umweltschonend – weil wir ihnen nur noch solche Produkte abkaufen.”
Fastfood statt reichhaltiger Ernährung
Zwar ist es angenehm, dass Kuzmany darauf verzichtet die Moralkeule zu schwingen. Doch seine Botschaft an den Leser beschränkt sich auf Einleitung und Nachwort: Diese beiden Teile des Buches wirken wie zwei Brötchenhälften eines Burgers. Sie halten ein buntes Gemisch aus verschiedenen Zutaten verschiedener Geschmacksrichtungen zusammen. Ein bisschen Klamotten, ein wenig Urlaub. Hier mal ein Computerproblemchen, dort ein unruhiges Gewissen bezüglich der Ernährung. Bei fortschreitendem Kauen vermengt sich all das zu einem undifferenzierbaren Brei.
“GMBM” schmeckt gut, macht satt aber nicht wirklich glücklich – Fastfood eben.
Kuzmany, Stefan,
Gute Marken, böse Marken, Konsumieren lernen, aber richtig!,
(2007), Frankfurt/M., Fischer Taschenbuch Verlag
192 S., ISBN 978-3-596-17582-6, 8,00 Euro
Weiterführende Links aus dem Buch:
Klima-Test: Persönlicher CO2-Ausstoß
Testergebnisse von Haushaltsreinigern, Suchbegriff: Reiniger
Ikea-Umwelt- und Sozialbericht
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