Europas Katastrophe

19. Jul 2008 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zweiten Weltkrieg sind kaum noch überschaubar. Zwar liegt umfassende Fachliteratur mit zahlreichen Spezialisierungen vor, gut lesbare knappe Übersichten sind jedoch selten. Rainer F. Schmidt gelingt es, diese Lücke zu schließen. Von Bert Große

„Nicht noch eine Reihe zur deutschen Geschichte“, ist man angesichts des überreichen Angebots zeitgeschichtlicher Übersichten am deutschen Markt geneigt zu sagen. Kein Wunder, haben doch vor allem die Zeitungsverlage im Geschäft mit Lexika und Editionen einen zum Teil überlebenswichtigen Markt entdeckt. Doch die Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Manfred Görtemaker, Frank-Lothar Kroll und Sönke Neitzel und gestartet in diesem Frühjahr, hat einen anderen Anspruch. In 16 populärwissenschaftlichen Darstellungen werfen die Autoren einen Blick auf Alltag, Kultur, Politik und Wirtschaft vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik.

Zum Auftakt liefert Rainer F. Schmidt, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg, eine ebenso knappe wie anregende Übersicht über den Zweiten Weltkrieg, die „Wegscheide des deutschen Nationalstaats“. In seiner Analyse Der Zweite Weltkrieg. Die Zerstörung Europas untersucht Schmidt programmatische, politische und ökonomische Ausgangsbedingungen, die „Blitzkriege“ der Wehrmacht, den Vernichtungskrieg in Polen und der Sowjetunion, die Abwehrschlacht Großbritanniens sowie den totalen deutschen Zusammenbruch im Frühjahr 1945.

Aggression erzwingt Reaktion

Der eigentliche Kriegsverlauf zwischen 1939 und 1945 ist vielfach beschrieben worden und auch Schmidt liefert keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse. Der Überfall auf Polen („Fall Weiß“), die Blitzkriege im Westen, Hitlers Vabanquespiel im Unternehmen Barbarossa unter Bruch des Hitler-Stalin-Paktes, der Versuch, England in die Knie zu zwingen, abseitige Kriegsschauplätze im hohen Norden, dem Balkan oder an der Küste Afrikas und nicht zuletzt der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten – Schmidt zeichnet die großen Linien gekonnt nach, setzt handelnde Akteure, politische Strategien und militärische Ereignisse in Beziehung.

Der Autor.

Bemerkenswert, weil in der Rückschau häufig gefärbt, ist seine sachliche Darstellung der Verteidigungsmaßnahmen von Premierminister Winston Churchill, um das im Mai 1940 vor der Niederlage stehende Großbritannien zu retten. Victory at any cost bedeutete für den Premier die Vergeltung der Angriffe mit gleichen Mitteln, um den Krieg ins Land des Aggressors zurückzutragen. Moral bombing, der gezielte Luftkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung, sollte in den kommenden Jahren Angst und Schrecken schaffen und bis Kriegsende ca. 1,6 Millionen Gebäude in Deutschland zerstören.

Schmidt (Foto links) zitiert unter anderem aus einem Brief Churchills an Lord Beaverbrook, den damaligen Minister für Flugzeugproduktion: „Die einzige Waffe, um Hitler in die Knie zu zwingen, ist ein absolut vernichtender, auf Ausrottung zielender Angriff durch sehr schwere Bomber von England aus auf das Vaterland der Nazis. […] Deshalb müssen wir die Kapazität entwickeln, eine immer größere Anzahl von Bomben nach Deutschland hinein zu tragen, um dessen gesamte Industrie und dessen gesamtes wissenschaftliches Netzwerk zu zermalmen, auf denen die Kriegsleistung wie das ökonomische Leben des Feindes basieren, während wir ihn gleichzeitig von unserer Insel fernhalten.“

Es ist erfreulich, dass der Historiker Schmidt sich in seiner Darstellung einer einseitigen moralischen Wertung enthält. Zudem regt jedes Kapitel für sich zum Weiterlesen an.

Gelungener Überblick

Als knappe – im besten Wortsinne populärwissenschaftliche – Übersicht muss der Blick in die Tiefe notwendiger Weise ausbleiben. So spart Schmidt den Holocaust völlig aus, da im Rahmen der Serie ein eigener Band vorgesehen ist. Auch einige militärische Fragen, etwa der Seekrieg, die Luftschlacht um England oder die angeblichen deutschen „Wunderwaffen“ werden leider nur gestreift. Außerdem verlässt der Autor den europäischen Blickwinkel nicht – Pearl Harbor, der Krieg im Pazifik, die Schlacht um Japan oder die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki finden kaum Erwähnung.

Fachleuten wird die lesenswerte Einführung daher nur wenig Neues bieten können. Aber als Einstieg in das umfassende Thema Zweiter Weltkrieg eignet sie sich ausgezeichnet. Der Reihe ist eine Fortsetzung auf diesem Niveau zu wünschen.

Schmidt, Rainer F.
Der Zweite Weltkrieg, Die Zerstörung Europas,
(2008), Berlin, be.bra Verlag,
208. S., ISBN 978-3-89809-410-8, 19,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim be.bra Verlag.


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Ein Kommentar
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  1. Nach Aussage der Betreiber habe es heute eine kontrollierte Expolsion gegeben. “11 Arbeiter wurden verletzt” – hmm, da frage ich mich, wie das eine “kontrollierte Explosion” gewesen sein konnte. Ich will mal hoffen das die Regierung etwas aus dieser Katastrophe lernt und die die Kernkraftwerke ein für alle mal ausschalten. Der Glaube an die Beherrschbarkeit einer Kettenreaktion ist erschüttert. Wir sehen im Fernsehen zu, wie ein Block nach dem anderen außer Kontrolle gerät. Dafür sind unsere Kraftwerke sicher, wenn es kein Tsunami oder Hochwasser gibt – wenn es kein Menschliches Versagen gibt und wenn es kein Technisches Versagen gibt.

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