Einhundert Jahre deutscher Schlager

08. Jun 2008 | von Andreas Morgenstern | Kategorie: Gesellschaft

Das Bonner Haus der Geschichte präsentiert in seiner neuen Ausstellung einhundert Jahre Schlager. Die bunte Schau erinnert an Erfolgsmelodien in deutscher Sprache, verdeutlicht aber vor allem den Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen auf die Unterhaltungsmusik. Von Andreas Morgenstern

Schlager polarisieren: Während die einen ihre Stars von Wolfgang Petry bis Roland Kaiser verehren, schalten andere bei derlei Musik einfach nur mit Schrecken ab. Nun wendet sich das Bonner Haus der Geschichte in seiner neuesten Ausstellung dem Phänomen Deutscher Schlager zu, der schon oft für tot erklärt wurde. Doch der Weg durchs Museum überzeugt den kritischen Besucher schnell. Der Schlager ist nicht nur schillernd, er ist auch höchst lebendig, greift er doch über die Jahrzehnte an vielen Stellen den Zeitgeist auf und spricht so nicht nur mit Herzschmerz-Themen ein breites Publikum an. Die Ausstellung zeigt, wie sich der Schlager an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen orientiert, aber auch wo er sie beeinflusst.

Der Schlager im politischen Kontext

Geboten wird ein Rundgang durch die Geschichte des Schlagers, beginnend mit einem Grammofon und Plakaten zu Musikfilmen wie „Der blaue Engel“ oder „Die drei von der Tankstelle“. Gerade in harten Zeiten wie der Weimarer Republik oder des Zweiten Weltkriegs gewann der Schlager mit leichten, aber auch sehnsüchtigen Melodien große Popularität. Das wollten sich auch die Nationalsozialisten zunutze machen. Konfrontiert wird der Besucher so mit dem Komponisten Norbert Schultze, Schöpfer des unvergessenden Lale Andersen-Hits „Lili Marleen“, der sich mit Propagandastücken wie „Bomben auf Engeland“ auch in den Dienst des NS-Regimes stellte. So begaben sich viele Künstler in die Nähe der Diktatur – und das nicht allein, um sich weitere Auftritte zu sichern.

Sichtbar wird dies auch an der Präsentation zum Schlager in der DDR. Neben Mitschnitten und Kostümen werden hier in rigidem Beamtendeutsch verfasste Auftrittsverbote gezeigt. Der SED-Staat achtete genau auf „seine“ Künstler, deren Spielraum sich auf unpolitische Texte beschränkte, während die Machthaber durch (vereinzelte) Gastspiele westlicher Interpreten einen Hauch von weiter Welt ins Land holen wollten.

Bedauerlich ist allerdings, dass die Thematik von den Ausstellungsmachern räumlich an den Rand gedrängt wird. Der Schlager in der DDR wird kurz und knapp abgehandelt. Versteckt begegnen einem so die unvergessen freche Helga Hahnemann oder auch Frank Schöbel, der wenige Wochen vor dem Sturz Erich Honeckers mit seinem Titel „Wir brauchen keine Lügen mehr“ im beliebten „Kessel Buntes“ des DDR-Fernsehens Reformen anmahnte.

Glitzer und Glamour

Das Gesicht der Ausstellung aber prägen Glitzer und Glamour des (west)deutschen Schlagers. Funkelnde Kleider und eine Vielzahl Goldener Schallplatten, Goldene Stimmgabeln, der Bravo-Otto und was das Musikbusiness noch an Auszeichnungen anzubieten hat, pflastern die Gänge. Die sind übrigens etwas verwinkelt, was nicht nur der übergroßen Zahl der Exponate zu verdanken sein dürfte, sondern wohl auch die Überschneidungen sowie unterschiedliche Wege des Schlagers über die Jahrzehnte darstellen soll.

Seine Krönung findet die Darstellung dieses Glamours in dem über der Ausstellung thronenden gläsernen Flügel von Udo Jürgens, auf dem dieser auf dem Schweizer Jungfraujoch in über 3000 Meter Höhe gespielt hatte – zudem gehört Jürgens auch an sich zu den Größten des Musikgeschäfts. Dass der Weg dahin nur über die Medien geht, zeigen die Kuratoren aber auch am Beispiel des sechziger-Jahre-Idols Manuela, deren Karriere durch einen Medienboykott ein jähes Ende fand.

Den Weg begleiten weitere Ikonen aus der Welt des Schlagers, die aber in vielen Fällen auch als Kuriositäten betrachtet werden können. Zu sehen sind beispielsweise ein Kleidchen der jungen Stefanie Hertel, Freundschaftsbänder Wolfgang Petrys, Krone und Umhang des selbstgekrönten Königs von Mallorca Jürgen Drews, eine Sonnenbrille von Heino sowie die weiße Gitarre von Nicoles Grand-Prix-Auftritt 1982, der mit dem Wunsch nach „Ein bisschen Frieden“ einer tief verwurzelten Friedenssehnsucht in ganz Europa Gehör verschaffte.

Große Spannbreite des Schlagers

Deutlich wird die Spannbreite dessen, was unter Schlager verstanden wird. Ihren Platz finden neben Barden wie Nana Mouskouri und Roy Black auch Vertreter der Volksmusik und des Deutschrocks sowie Kinderlieder wie Reinhard Lakomys „Traumzauberbaum“. Sogar eine Band wie Rammstein findet Erwähnung. Ein Schmunzeln rufen gleichzeitig die musikalischen Gehversuche deutscher WM-Fußballer von 1986 hervor, die bei Bällen deutlich besser als an Mikrofonen aufgehoben waren.

Und über all dem wabert tönende Musik. Denn richtig lebendig wird die Ausstellung an ihren vielen Hörstationen, wo man die Lieder der einzelnen Dekaden erklingen lassen kann. Hier schwirren Melodien durch den Raum, vermischen sich und versinnbildlichen die Buntheit des Schlagers.

Erinnerungen werden geweckt. So sind die Stationen zumeist von mittanzenden, leise mitsummenden Menschen belagert, die auch durchaus kritischen Texten begegnen. Juliane Werding brachte 1972 mit „Am Tag als Conny Kramer starb“ das Schicksal Drogenabhängiger in die Öffentlichkeit, Udo Jürgens verlieh dem Heimweh vieler Gastarbeiter 1975 mit „Griechischer Wein“ eine Stimme. Chartkompatibel sind selbst religiöse Inhalte, wie Xavier Naidoo in den letzten Jahren unter Beweis stellte.

Was ein guter Schlager ist, entscheidet sich letztlich an den Ladenkassen und spiegelt sich in den Charts wieder. So verabschiedet das Haus der Geschichte seine Besucher mit einer Hitparade der meist gewählten Titel der Hörstationen. Dort zeigt sich dann auch die Vielfalt des Publikumsgeschmacks. Klassiker wie „Lili Marleen“ und Hans Albers’ „La Paloma“ stehen einträchtig auf der Beliebtheitsskala neben neuen Titeln wie „Ein Stern…(der deinen Namen trägt)“ von DJ Ötzi und Barbara Schönebergers „Jetzt singt sie auch noch“.

Gute Unterhaltung

Der Besucher wird richtig gut unterhalten. Die vielen Exponate zeigen die Entwicklung, aber insbesondere die schillernde Vielfältigkeit des Deutschen Schlagers. Auch wird nicht verschwiegen, dass Künstler mit ihrer Musik in freien Gesellschaften auch politisches Engagement verbinden und Fehlentwicklungen ansprechen können, dass in Diktaturen aber der scheinbar so unschuldigen Musik politische Vereinnahmung droht.

Die Ausstellung „Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers“ ist noch bis zum 5. Oktober 2008 im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.


Die Bildrechte liegen bei Thomas Jahn (Ausstellungsplakat), der Wilhelm Schimmel Pianofabrik (gläserner Flügel) und dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Plakat Lili Marleen).


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