Eine Todesfahrt

21. Dez 2008 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch

Schiffskatastrophen bewegen die Menschen und bieten Stoff für Filme. Die Todesfahrt der „Gustloff“ ist schon 1959 verfilmt worden, Grass schrieb 2002 „Im Krebsgang“ und auch im ZDF lief im Frühjahr dazu ein Zweiteiler. Im Buch von Armin Fuhrer erinnern sich Überlebende der Katastrophe und berichten aus verschiedenen Perspektiven. Von Wolfgang Mehlhausen

Das Werbeblatt des Verlags kündigt an, dass den Leser ein Buch über die „Todesfahrt der Gustloff” erwartet, Portraits von Überlebenden der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten“. Dann folgt eine kurze Schilderung der Ereignisse vom 30. Januar 1945 und dem, was kurz nach 21 Uhr passiert. 9.300 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, finden den Tod. Nur rund 1.200 überleben. Im Vorwort des Buchs wird dazu aufgefordert, die Opfer zu ehren, die bei der Katastrophe ihr Leben verloren. So wahr, so gut. Nur, der Hinweis, dass auch 1.500 „Wehrmachtsangehörige“, sprich Soldaten an Bord des einstigen Traumschiffs der Nazis waren, liest man dort allerdings nicht.

Eine Kriegshandlung mit grausamen Folgen

In dem Büchlein beleuchtet der Autor die Geschichte des Luxusdampfers „Wilhelm Gustloff“ und beschreibt einiges zur Vorgeschichte der Tragödie. Dazu stellt er zunächst die Person Wilhelm Gustloff vor. Die Nazis machten diesen fast unbekannten Mann, der in der Schweiz NS-Propaganda betrieb, zum Helden, nachdem er von einem jüdischen Studenten erschossen worden war. Seinen Namen erhielt auch ein Luxusdampfer, den die NS-Pseudogewerkschaft Kraft durch Freude (KdF) für preiswerte, propagandaträchtige Ausflüge für Arbeiter und Angestellte bauen ließ.

Zum Kriegsende sollte dieses Riesenschiff Soldaten und Flüchtlinge von Gotenhafen (Gdynia) nach dem Westen bringen, weil die Rote Armee eine Flucht über den Landweg nicht mehr möglich machte. Viele Menschen, die bereits eine lange Flucht hinter sich hatten, wünschten sich nur eines: vor den Russen zu fliehen und mit dem Schiff in das noch unbesetzte „Reich“ zu gelangen. Nach den unvorstellbaren Kriegsverbrechen in Russland hatte die Zivilbevölkerung gute Gründe, sich vor den einrückenden Sowjetsoldaten zu fürchten.

Zehn Menschen berichten, wie sie auf die Gustloff gekommen sind und wie sie den Angriff von drei Torpedos abgeschossen von einem russischen U-Boot, überleben konnten. Nur 1.200 Menschen überlebten das grausame Inferno. Der russische U-Boot-Kommandant wusste nicht, dass dieses Schiff in erster Linie mit Frauen und Kindern und Verletzten belegt war. Er gab den Befehl zum Abschuss und das vierte Torpedo, das sie „Stalin“ getauft hatten, blieb im Schacht stecken und wurde selbst zur tödlichen Gefahr für das U-Boot und Besatzung, während die anderen drei ihr Ziel erreichten.

Es war eine Kriegshandlung, unstrittig, die grausame Folgen auslöste. Dieser fürchterliche Krieg, bei dem mehr als 50 Millionen Menschen starben, hatte fast 10.000 Menschen einen grausamen Tod gebracht.

Beteiligte erinnern sich

Die Überlebenden, die ihre Geschichte erzählen, sind unterschiedlichen Alters und Geschlechts, sie sind durch die verschiedensten Umstände auf dieses Schiff gekommen und haben durch unterschiedlichste Glücksmomente überleben können.

Bei vielen kommen interessante philosophische Fragen auf, so z.B. die Frage „warum gerade ich“. Einige trauern um Angehörige, denen sie nicht helfen können, andere haben bis heute oft schlaflose Nächte, wenn sie an jenen 30. Januar denken, an dem einst die Nationalsozialisten die „Machtübernahme“ von 1933 gefeiert haben. Hass gegen die Russen, die das „Traumschiff“ torpediert haben, bringt keiner zum Ausdruck.

Das letzte Kapitel, in dem ein U-Boot-Mann berichtet, ist überschrieben mit „Wir hätten das genau so gemacht“. Er bescheinigt dem sowjetischen Kommandanten ein „militärisch korrektes Verhalten“. Fraglich bleibt jedoch, ob er auch einmal darüber nachgedacht hat, dass sein früherer Vorgesetzte Großadmiral Dönitz für den brutalen U-Bootkrieg und damit verbundener Verbrechen in Nürnberg verurteilt wurde.

Judenmassaker von Palmnicken

Das Buch endet mit einem Bericht über ein zeitgleiches Ereignis, das man, anders als das Versenken der „Gustloff“, als Verbrechen bezeichnen muss, das nicht einmal mit dem Krieg direkt im Zusammenhang steht. Dies ist das Judenmassaker von Palmnicken. Ein Mann, der damals Hitlerjunge war, berichtet darüber und will nicht dieses Verbrechen an Juden, die nichts getan hatten, mit dem Kriegsereignis verrechnen.

Er wünscht, dass die Menschen immer wieder daran denken, wie schlimm Krieg ist. Allerdings darf man nicht vergessen, wie alles begann. Das, was am 30. Januar 1945 geschah, war eine Folge dessen, was am 30. Januar 1933 begann. Die Schilderung dieses Judenmassakers am Ende des Buches passt daher hervorragend zum Thema.

Russische Geschichtsaufarbeitung

Dass man in Russland dem Kommandanten des U-Boots Marinesko ein Denkmal setzte und das Pregelufer in Königsberg nach ihm benannte, kann man nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Gorbatschow ernannte den Mann, der aus der Marine unehrenhaft entlassen wurde und zwei Jahre wegen Diebstahls im Straflager zubrachte, posthum zum Helden der Sowjetunion. Alles in allem kann dieses Buch empfohlen werden.

Fuhrer, Armin
„Die Todesfahrt der `Gustloff´ – Portraits von Überlebenden der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten“
(2007), München, Olzog,
288 S., ISBN 978-3-7892-8235, 19,90 Euro


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/;

Europas Katastrophe

Nazi-Architektur in München

Blick über das Dritte Reich


Die Bildrechte liegen beim OLZOG-Verlag.

Schlagworte: , ,
Optionen: »Eine Todesfahrt« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: