Ein Great-Game ohne Europa
Durch die ständig steigenden Ölpreise, die bald die 100 $-Grenze überschreiten, sowie die zunehmend aggressivere internationale Rolle Russlands stellt sich die Frage nach der künftigen Energiesicherheit Deutschlands und Europas. Christoph Rohde sprach mit der Energieexpertin Karin Kneissl, die als Publizistin und Dozentin in dem Feld der Energiewirtschaft anerkannt ist.
/e-politik.de/: Frau Kneissl, was denken Sie über die Versuche der Europäischen Union, die Energiepolitik auf mehrere Schultern zu verteilen?
Kneissl: Der zentralasiatisch-kaspische Raum sah nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein erneutes Rennen großer Mächte um Einfluss. Der Hintergrund war natürlich das Interesse an den dort vorzufindenden Rohstoffen – vor allem Erdöl und Erdgas. Es fand ein erneutes Great Game statt. Doch es hat nie einen einheitlichen europäischen Energieansatz gegeben. Die Europäer kommen in Fragen der Geostrategie meist zu spät.
/e-politik.de/: Woran liegt das?
Kneissl: Die Staaten der europäischen Union handeln in Fragen vitaler Interessen beständig unilateral. Ein gutes Beispiel ist das Verhalten Sarkozys. Bevor die Europäische Union in China aktiv war, hat der französische Präsident die vitalen Interessen Frankreichs bereits vertreten – mit einem Auftragsvolumen von 20 Milliarden Euro für französische Firmen. Auch Gerhard Schröder fuhr einen nationalen Alleingang gegenüber China – dies ging mit dem Versuch einher, das europäische Waffenembargo gegenüber China aufzuheben.
/e-politik.de/: Wie sieht es mit dem Verhältnis der EU zu Russland aus? Kann man, wie dies Optimisten tun, von einem echten interdependenten Verhältnis sprechen?
Kneissl: Nein, eine gleichberechtigte Interdependenz liegt hier kaum vor. Dazu hat Russland zu gute Karten auf dem Energiemarkt. Und das Land ist nicht so stark von europäischer Technologie bei der Energiegewinnung abhängig wie manche Optimisten behaupten. Die EU hat nur noch einen minimalen Vorsprung in Sachen Technologie vor China. Und China und Japan sind sichere Energieabsatzmärkte, die für eigene Versorgungsleistungen auch in die notwendigen Pipelines investieren können.
/e-politik.de/: Ist die neue Zentralasien-Strategie der EU zur Diversifizierung eine realistische Option?
Kneissl: Zentralasien war Anfang der 90er Jahre ein offenes Territorium, wo Investoren willkommen waren. Doch inzwischen hat eine Neuauflage des Great Game in diesem Raum stattgefunden. Verschiedene Akteure – allen voran China und Indien – sind dort seit langem aktiv. Die Europäer sind bei ihrem Diversifizierungsversuch wieder einmal zu spät dran. Denn die entscheidenden Staaten im kaspischen Raum orientieren sich bereits wieder an Russland. Russland selber revitalisiert beispielsweise seine Beziehungen zu Turkmenistan.
Insgesamt haben sich europäische Konzerne bei ihren Investitionen im kaspischen Raum verrechnet. Die Vertragsbedingungen für die Unternehmen sind oft ungünstig, Investitionen sind riskant und amortisieren sich kaum. Ein Beispiel ist die Geschichte der italienischen ENI in Kasachstan. Zudem sind die Regierungen vor Ort schnell dabei, Firmen ihre Lizenzen zu entziehen.
/e-politik.de/: Zuletzt die 1000 Euro-Frage: Verändern die Energienachfragestrukturen die machtpolitische Landkarte? Oder sind die Pokerspiele von Hugo Chavez und Wladimir Putin nur Wichtigtuereien?
Kneissl: Nein, prinzipiell liegt in der Energiepolitik ein Potenzial für Staaten, ihre relative Macht im internationalen System zu verbessern und Allianzen zu schließen, die hochgradige politische Implikationen aufweisen. Schließlich waren Pipelines in der Geschichte schon oft die Marksteine für territoriale Grenzziehungen.
Die Bildrechte liegen bei Martin Vukovits.
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