Diplomat aus Berufung
Dem israelischen Staat widmete der Diplomat Yissakhar Ben-Yaacov sein Leben. Der Gedanke der Aussöhnung zwischen den Völkern stand dabei stets im Mittelpunkt seines Handelns. In seiner Autobiographie blickt der ehemalige israelische Gesandte auf eine ereignisreiche Zeit zurück. Von Alexander Christoph
Wie sieht der Alltag eines Diplomaten aus? Welche Aufgaben erwarten ihn und welche Herausforderungen müssen gelöst werden? Antworten auf diese Fragen bietet die Autobiographie Leben für Israel. Erinnerungen eines Diplomaten des israelischen Diplomaten Yissakhar Ben-Yaacov. Bereits am Titel lässt sich erkennen, wie der 85-jährige gebürtige Hamburger seine Arbeit auffasste, nämlich als Berufung. Das bestätigt sich bei der Lektüre immer wieder. Sei es an den schwärmerischen Schilderungen seines Alltags oder an den anekdotenreichen Erzählungen der israelischen Geschichte, wie der Proklamation des Staates Israel durch David Ben Gurion 1948, dem Yom-Kippur-Krieg oder dem Einmarsch der israelischen Truppen in den Libanon 1982.
Während der gesamten 332 Seiten beschreibt der Autor die Episoden eines erlebnisreichen Lebens im nüchternen und sachlichen Ton eines Diplomaten, angefangen bei seinen deutschen Wurzeln in Hamburg über die Wiener-Zeit bis hin zum letzten Botschafterposten in Australien. Doch erzählt Ben-Yaacov nicht seine gesamte Lebensgeschichte, denn diese endet mit dem Eintritt in den „Ruhestand“ im Jahr 1987. Seitdem lebt er in Jerusalem, hat sich aber keineswegs aufs Altenteil zurückgezogen. Zwar repräsentiert er nicht mehr offiziell, dennoch war und ist Ben-Yaacov Botschafter seines Landes geblieben – zuerst als Repräsentant der ORT World Union und später der Bar-Ilan-Universität. Derzeit ist er Sonderberater der Präsidentin der Jerusalem Foundation, Ruth Cheshin.
Aller Anfang ist schwer
1933 verlässt der erst elfjährige Yissakhar seine Geburtstadt. Der Vater las Hitlers Mein Kampf „und nahm sehr ernst, was darin über das Schicksal der Juden geschrieben stand.“ Deshalb sah Salomon Jacobson keine Zukunft mehr für sich, seine Frau und die drei Kinder in Deutschland. Die Weitsicht sollte ihnen das Leben retten. Doch in den Anfangsjahren hatte der junge Ben-Yaacov, der als Walter Bernhard Jacobson zur Welt kam und den hebräischen Namen erst in Tel-Aviv annahm, im gelobten Land etliche Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.
Lediglich mit elf Koffern und 75 Pfund Sterling kam die im Dritten Reich zum betuchten, aber nicht reichen Bürgertum zählende Familie im damaligen Palästina an. „Ich musste tatsächlich in der Badewanne schlafen“, berichtet Ben-Yaacov noch immer in erschütterndem Ton von der ersten Wohnstätte. Zwar waren die Anfangsjahre alles andere als bequem und einfach, doch nach und nach fassten sie Fuß. Der Vater fand rasch Arbeit und die Kinder integrierten sich in den Schulalltag. In dieser Zeit war Yissakhar Ben-Yaacovs Handeln bereits, wie er an späterer Stelle schreibt, von der „angeborenen Veranlagung zum Kompromiss“ geprägt. So lernte er lieber Arabisch und nicht wie seine Mitschüler Französisch, um sich mit „seinen Nachbarn“ verständigen zu können. Doch schon bald beraubte ihn sein Arabisch-Lehrer jeglicher Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander. Denn: „Die Araber denken nicht daran, in absehbarer Zeit mit uns in Frieden zu leben.“
Karrierediplomat und Berater Teddy Kolleks
Überhaupt zieht sich sein Wille zur Versöhnung wie ein roter Faden durch das Leben. Sei es, als er sich in der Jugendbewegung der Histradrut engagiert oder später während der Diplomatenzeit. Dort führte ihn sein Weg aufgrund der Sprachkenntnisse zuerst an die Konsulate nach München (1948-1953) und Köln (1956-1959). Außerdem wurde Ben-Yaacov zum Botschafter in Nigeria (1969-1973) berufen. Schließlich leitete er die Botschaften in Österreich (1979-1983) und Australien (1983-1987). Darüber hinaus war er mehrmals in Jerusalem aktiv, u. a. auch als politischer Sonderberater des weit über die Grenzen Israels hinaus bekannten Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek.
Als regelrechte Herausforderung sah er seine Dienstzeit in Wien. Denn „als Vertreter Israels, ob in Bonn oder Wien, würde man sich noch viele Jahre lang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigen“. Außerdem betrieb die damalige Regierung Kreisky eine ambivalente und umstrittene Nahostpolitik. So trat Bruno Kreisky entschieden für die internationale Anerkennung der damals umstrittenen Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ein. So empfing er als erster westeuropäischer Regierungschef 1979 Yassir Arafat offiziell in Wien. Anderseits war Österreich in den siebziger Jahren auch Durchgangsstation für jüdische Emigranten aus der Sowjetunion nach Israel.
Diplomatie als Lebensaufgabe
Mit seiner Lebensgeschichte will Ben-Yaacov „junge Frauen und Männer dazu animieren, sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, ob sie sich dem diplomatischen Beruf widmen wollen und diesen als Lebensaufgabe sehen können“. Nach der Lektüre entsteht ein ambivalentes Berufsbild. Einerseits übt das Diplomatendasein einen besonderen Reiz aus. Denn man lernt nicht nur andere Menschen und Kulturen kennen, sondern man gestaltet die Außenpolitik seines Heimatlandes mit. Anderseits fordert diese Tätigkeit ihren familiären Tribut, auch Freundschaften können darunter leiden. Einmal berichtet der Autor, wie seine Frau Priva, als erneut ein Einsatz in den Vereinigten Staaten auf dem Plan steht, davon wenig angetan ist: „Die Familie solle endlich einmal wieder zusammenleben.“
Lesenswert ist das Buch schon allein wegen der Details, die verraten, was ein Diplomatenleben ausmacht: Ein Blumenstrauß mit eigenhändig geschriebenem Brief zur Versöhnung, die Bewirtung in lockerer Atmosphäre im Domizil des Botschafters oder ein mäßigendes Wort zur rechten Zeit. Derartiges Handeln kann in den internationalen Beziehungen oft Wunder wirken und zu einer Entspannung der Lage führen. Außerdem schildert Yissakhar Ben-Yaacov oft seine Sichtweise der Dinge, er erzählt aus der Insider-Perspektive eines Diplomaten und erreicht damit Authentizität.
Dennoch gelingt es ihm Distanz zu wahren, auch Kritik am israelischen Staat fehlt nicht. So kritisiert Ben-Yaacov, der aufgrund seiner Verdienste um die deutsch-israelischen Beziehungen 1992 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhielt, die Politik Menachem Begins und den israelischen Angriff auf den Libanon. Trotzdem bleibt der Eindruck haften, dass er über den Nahost-Konflikt weit mehr berichten könnte, als dies letztendlich geschieht. Meist beschränkt sich Ben-Yaacov in diesem Zusammenhang auf allgemein Bekanntes. Ausnahmen gibt es dennoch: Mehrmals wird beschrieben, wie schwierig sich der Kontakt zwischen einem israelischen Gesandten und seinen muslimischen Botschafterkollegen in den 70er und 80er Jahren gestaltete. Da provozierte die arabische Staatenwelt bei internationalen Konferenzen gerne den diplomatischen Eklat, weil die „schiere Anwesenheit des israelischen Botschafters als inakzeptabel“ galt.
Offizielle Handlungen mit menschlichem Charme
Dass der israelische Diplomat auch noch ein traditionsreicher Jude ist, der seinen Glauben lebt, macht die Lektüre reizvoll. Danach sind Begriffe wie Bar Mitzwa, Chanukka, Schochet oder Sukkoth keine Unbekannten mehr. Geheiratet wird übrigens nach jüdischem Ritus im Freien.
Alles in allem handelt es sich um eine charmant geschriebene Autobiographie, die trotz des nüchternen Stils gefällt und interessante Einblicke in das Leben gewährt. Zahlreiche Privatphotos bereichern das Bild, das sich der Rezipient vom Autor macht, um eine menschliche Kompenente. Hier wird das Bild, das sich der Rezipient vom Autor macht, um eine menschliche Komponente bereichert. Es werden zwar großteils offizielle beziehungsweise halboffizielle Termine gezeigt, aber mit einem verschmitzten Lächeln und dem manchmal spitzbübischen Blick aus der stets dunklen Hornbrille vermag Yissakhar Ben-Yaacov das Gefühl zu vermitteln, dass das Diplomatenleben trotz aller Entbehrungen doch viel Freude bereitet.
Ben-Yaacov, Yissakhar,
Leben für Israel. Erinnerungen eines Diplomaten,
(2007), Hoffmann und Campe, Hamburg
332 Seiten, ISBN: 978-3-455-50041-7, 22 Euro
„Ich bin hoffnungsvoll“ - Interview mit dem Autor Yissakhar Ben-Yaacov
Die Bildrechte (Cover und Porträt) liegen beim Verlag Hoffman + Campe. Der Verlag im Internet
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