Die „goldenen 68er“?

18. Apr 2008 | von Daniel Hönow | Kategorie: Politisches Buch

24653.jpg.jpegSit-ins, Go-ins, Happenings – die Aktionsformen der “68er” waren innovativ und vielseitig. Anlässlich des vierzigsten Jubiläums der Bewegung ist eine hitzige Debatte um deren Rolle als Befreier oder Zerstörer entbrannt. Aufstieg und Zerfall der Jugendbewegung, deren Ausstrahlung sogar den Eisernen Vorhang überwand, werden in einer neuen, umfassenden Darstellung behandelt. Von Daniel Hönow

Norbert Frei, Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, betrachtet seinen Forschungsgegenstand mit der Distanz des kritischen Historikers und unterscheidet sich damit auf angenehme Weise von den mitunter verklärten Darstellungen einiger Zeitgenossen, die Erlebnisse ihrer eigenen Jugend reflektieren. 1968 ist für Frei “auch nach vier Jahrzehnten noch nicht ausgedeutet, sondern weiter in Bewegung, noch immer eher Gegenwart als Geschichte”. Die Protagonisten des Protestes sowie ihrer Gegner streiten noch heute um die Bedeutung und den nachhaltigen Nutzen des politischen Engagements am Ende der 60er Jahre. Insofern ist Freis Beitrag in jedem Fall ein wichtiger Schritt zu einer ausgewogeneren Betrachtung der Gesamtentwicklungen.

Die globale Dimension des Protestes

Der Autor legt den Schwerpunkt seiner Betrachtungen auf die deutschen Geschehnisse, ohne dabei jedoch die internationale Dimension des Problems außer Acht zu lassen. Nach einem unterhaltsamen Einleitungskapitel, das sich mit der Rolle des 22-jährigen Soziologiestudenten Daniel Cohn-Bendit während der französischen Studentenproteste beschäftigt, werden in vier Bearbeitungskomplexen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Jugendbewegung in den USA, der Bundesrepublik sowie ausgewählten westlichen (Japan, Italien, Niederlande, Großbritannien) wie östlichen Staaten (Tschechoslowakei, Polen DDR) dargestellt.

Frei verortet die Anfänge der weltweiten Bewegung in den Vereinigten Staaten, wo die weiße Bevölkerungsmehrheit losgetreten vom Kampf einer schwarzen Minderheit für Gleichberechtigung zunehmend seine moralische Krise erkannte. Die Differenz zwischen verfassungsmäßigen Menschenrechtsvorstellungen und dem alltäglichen Umgang mit den afroamerikanischen Mitbürgern empfand man als immer gravierender. Darüber hinaus sei die Reformbedürftigkeit der überkommenen Universitätsstrukturen zu einem mobilisierenden Thema geworden. In dem Maße in dem weiterführende Bildung zu einer Voraussetzung für den gesellschaftlichen Aufstieg breiterer Bevölkerungsschichten wurde wuchs die Kritik an den veralteten Bildungsstrukturen.

Vergangenheitsbewältigung als Grundmotiv

467.jpg.jpegIm zweiten Problemkomplex widmet sich Frei der deutschen Protestbewegung, die seiner Auffassung zufolge zuallererst aus der Kritik am Nationalsozialismus und am Umgang der Eliten mit der eigenen Vergangenheit entstanden sei. Die Nachkriegsgeneration habe auf eine offene und ernsthafte Auseinandersetzung ihrer Eltern mit den Verbrechen des Dritten Reiches gedrängt. Diese sei jedoch ausgeblieben. An die Stelle einer konsequenten Aufarbeitung faschistischer Vergangenheit trat die Debatte um die Verjährung von Verbrechen aus der Kriegszeit. Die Große Koalition unter Kiesinger wirkte aus der Sicht ihrer Kritiker selbstgerecht und reaktionär – ein Eindruck der durch das Fehlen einer wirksamen, parlamentarischen Opposition nur noch verstärkt wurde. Das Zusammenkommen dieser Entwicklungen habe letztlich die Bildung der sogenannten außerparlamentarischen Opposition und schließlich auch radikalerer Formen des zivilen Protestes befördert.

Autoritäre Strukturen steigerten das Protestpotential

Daran anschließend zeigt Frei, dass der Protest in Italien und Japan, ähnlich dem deutschen Beispiel, eine besondere Radikalität entwickelte, die in den gefestigten Demokratien der Niederlande und Großbritanniens nicht in diesem Maße anzutreffen war. In einem abschließenden Abschnitt betrachtet er die Entwicklungen zur Zeit des Prager Frühlings in den Ostblockstaaten. Die Anlehnung der 68er an sozialistische Herrschaftsvorstellungen mit “Rätedemokratien auf allen Ebenen und in allen Bereichen”, ihre Vorstellungen von nichtentfremdeter Arbeit, antiautoritärer Erziehung und einer Welt ohne Gewalt bewertet Frei pointiert als “ausgesprochen unterkomplexe Vorstellungen von der Funktionsweise moderner Gesellschaften”. Die Revolutionäre haben trotz dieser theoretischen Annäherung die grundlegenden Vorzüge und Freiheiten des westlichen Lebens für sich in Anspruch genommen. Die Zwiespältigkeit dieser Handlungsweisen arbeitet Frei abschließend ebenso klar heraus wie die Verschiedenheit der Zielsetzungen des Protestes in den verschiedenen Ländern.

Zu den wenigen Konstanten der Protestbewegung, die für alle betroffenen, westlichen Staaten gelten können, gehörten eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem Althergebrachten “you can’t trust anybody over thirty”, die Suche nach neuen Lebensformen und das verbindende Element des Pazifismus bzw. der Gegnerschaft zum Vietnamkrieg. Ein vollständiges Verständnis der 68er, das zeigt Frei deutlich, wird erst durch eine Perspektive deutlich, die neben dem eigentlichen Protest der Nachkriegsgeneration, deren Drang zu einer umfassenden Veränderung überkommener Lebensstile berücksichtigt.

Kritischer Blick auf eine faszinierende Zeit

Doch was blieb nach dem Zerfall der Bewegung in teils heftig miteinander rivalisierende Gruppen letztlich von 1968? Aus der Sicht Freis sind das weniger die konkreten Ergebnisse der Proteste, sondern vielmehr die nachhaltige Veränderung der gesellschaftlichen Kultur in den betroffenen Staaten – eine tiefsitzende Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft zur kritischen Reflektion von Staat und Gesellschaft. Norbert Freis Beitrag zeichnet sich durch die kritisch distanzierte und auf internationale Zusammenhänge zielende Perspektive aus und ragt deshalb aus der großen Menge von Veröffentlichungen zur Geschichte der 68er heraus.

Frei, Norbert

1968 – Jugendrevolte und globaler Protest

München, 2008, Deutscher Taschenbuch Verlag

286 Seiten, ISBN 978-3-423-24653-8, EUR 15,00


Die Bildrechte für das Buchcover und das Foto von Norbert Frei (Fotograf: Volker Wiciok) liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag.


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