Der unbequeme Riese aus dem Osten
Gasprom ist der größte Gaskonzern der Welt und Russlands bedeutendstes Unternehmen. Seriöse Fakten zum Unternehmen sind bei uns jedoch kaum bekannt. Die erste deutschsprachige Darstellung versucht, Abhilfe zu schaffen, lässt aber leider viele Fragen offen. Von Bert Große
Wenn es ein Symbol für (wieder)erstarktes russisches Selbstbewusstsein auf Grund riesiger Öl- und Gasvorräte gibt, dann steht wohl die weiße Fackel auf blauem Grund dafür. Spätestens seit das Gasprom-Logo die Trikots der Fußballer von Schalke 04 ziert, ist der russische Multi auch im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen.
Dabei weckt das politischste und mächtigste russische Unternehmen trotz jahrzehntelanger Lieferbeziehungen in Westeuropa seit einiger Zeit Skepsis, Ängste und Kritik. Nicht erst seit Ex-Kanzler Gerhard Schröder den Aufsichtsratsvorsitz bei North European Gas Pipeline, der Betreibergesellschaft für die geplante deutsch-russische Ostsee-Pipeline übernommen hat, herrscht in (West)Europa latentes Unbehagen angesichts ökonomischer Macht, aggressiven Expansionsdrangs und Erpressungspotentials im zentralen Feld der Energieversorgung. Und wie der „Gasstreit“ mit der Ukraine und Weißrussland bewiesen hat, zögern die Moskauer Herrscher über das Gas nicht, auch politischen Verbündeten inzwischen Marktpreise abzuverlangen und bei Nichterfüllung den Hahn zuzudrehen.
Wenig gesichertes Wissen…
Gemma Pörzgen, freie Autorin und Osteuropa-Kennerin, will mit ihrem Buch GASPROM, Die Macht aus der Pipeline dazu beitragen, die Wissenslücken zu schließen. In einem sehr kurzen Abriss skizziert sie die Bedeutung von Gasprom für die russische Wirtschaft, die ökonomische Macht auf Grund der Ressourcenvorräte (Gasprom hält fast 20 Prozent der weltweit bekannten Ergasvorräte, überwiegend im nördlichen Sibirien), die politische Steuerung durch den Kreml und aktuelle Herausforderungen für den Konzern. Leider hat der Band mit gerade 94 Seiten im Taschenformat nur wenig mehr Umfang als die wöchentliche Titelgeschichte eines Nachrichtenmagazins.
In der Begrenztheit liegt der zentrale Mangel des Buches. Pörzgen gelingt es zwar, in knapper Form wesentliche Aspekte rund um Gasprom aufzuzeigen – die Entwicklung vom sowjetischen Gasministerium zum Global Player liest sich kurzweilig. Ebenso vermag sie es, die Bedeutung eines Arbeitgebers mit 400.000 Beschäftigten, der allein für 25 Prozent der Steuereinnahmen im russischen Staatshaushalt sorgt, herauszuarbeiten. Auch die kleineren Exkurse lockern den Lesefluss auf, etwa wenn sie Alexej Miller, den aktuellen Vorstandschef portraitiert oder einen Besuch in der Moskauer Konzernzentrale mit seinen zahlreichen Vergünstigungen für die Beschäftigten schildert.
… zu dem sich nur wenig Neues dazugesellt
Aber alles in allem vermag die Lektüre nicht zu befriedigen, es mangelt in der Darstellung an ökonomischer oder juristischer Substanz. Pörzgen verzichtet mit Ausnahme einiger dürrer Zahlen im Stil einer Börsenkurzmeldung fast gänzlich auf empirische Daten, die verdeutlichen könnten, über welchen Einfluss Gasprom weltweit verfügt. Gleiches gilt für eine Übersicht internationaler Beteiligungen, Abkommen oder Lieferverträge. Zwar kommt die für Deutschland relevante Kooperation mit Wintershall/BASF häufiger ins Gespräch und auch die Deutschland-Tochter Gazprom Germania wird beleuchtet, aber über weitere Ambitionen erfährt der Leser leider nichts.
Auch die Darstellung der politischen Einflussnahme geht kaum über die Personalpolitik des Kreml hinaus. Egal ob die subventionierten Preise für russische Verbraucher, das zunehmende Preisdiktat für ausländische Abnehmer, aktive Wahlkampfunterstützung für Wladimir Putin oder aggressive Investitionspolitik – die zuletzt so häufig diskutierten Probleme werden immer nur gestreift. Hier wäre eine ausführlichere Darstellung wünschenswert. Warum Gasprom zu recht (?) als „gruseligste Firma der Welt“ (Sunday Telegraph) gefürchtet wird, arbeitet Pörzgen nur sehr knapp heraus.
Mehr Neuigkeiten gewünscht
Das Konzept der knappen Unternehmensportraits im Pocket-Format ist an sich begrüßenswert, aber um bei der Lektüre einen echten Mehrwert zu erhalten, sollte der Informationsgehalt die allgemeine Berichterstattung schon überschreiten. Und das ist bei GASPROM, Die Macht aus der Pipeline leider nur begrenzt der Fall.
Für einen allerersten Einstieg in die Materie mag das Bändchen ja nützlich sein, aber wie groß wird der Kreis potentieller Interessenten für ein solches Produkt sein, wenn der übergroße Teil der Informationen bereits bei aufmerksamer Lektüre der Wirtschaftspresse als bekannt vorausgesetzt werden kann?
Pörzgen, Gemma,
GASPROM, Die Macht aus der Pipeline,
(2007), Hamburg, Europäische Verlagsanstalt,
96 S., ISBN 978-3-434-46814-1, 9,90 Euro.
Die Bildrechte liegen bei der EVA. Der Verlag im Internet.
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