Der Handyjournalist – mobil und transparent

16. Mai 2008 | von Petra Sorge | Kategorie: Medien

Handy.jpgMit einem Handy Live-Übertragungen machen – das ist bereits heute technisch möglich. Die Mobiltechnologie erlaubt einfache, qualitative und unbemerkte Aufnahmen von jedem Ort der Welt. Ob der “Handyjournalist” bald kommt, darüber diskutierten Vertreter der Branche auf dem Leipziger Medientreff. Von Petra Sorge

Ohne Internet mit den Freunden reden? Die Journalistikstudentin Annika Falk kann sich das gar nicht vorstellen. Die 23-jährige macht gerade ein Erasmus-Jahr in Stockholm und schreibt alle ihre Erlebnisse in ein eigenes Blog im Internet. Fotos von Freunden stellt sie sofort online, wenn sie einen Computer findet. „Ab und zu“ schneide sie auch kleine Videos mit ihrer Digitalkamera zusammen, „zum Beispiel über mein Wohnheim, vom Skifahren, von meinem Geburtstag“. Wenn die Kamera einmal nicht griffbereit ist, nutzt Annika auch ihre Handykamera, mit der sie Fotos und Videos verbreiten kann.

Jeder ist Reporter

Erreichbar und sichtbar an jedem Ort. In der ganzen Welt. Das ist mittlerweile selbstverständlich für die Jugend, ganze Internetfirmen verdienen daran. Das Handy ist längst nicht mehr nur zum Telefonieren da – über Social Networks wie Studi.Vz und Facebook, über Videoportale wie YouTube werden Fotos und Videos von Handykameras verbreitet, die Nachfrage ist gewaltig.

Jeder ist Reporter, losgelöst von traditionellen, engen Verbreitungsmedien, jeder findet seine Zielpublika. Mit der neuesten Mobiltechnologie ist es möglich, bewegte Handybilder an einem ganz anderen Ort in der Welt mit einer Verzögerung von 10 bis 15 Sekunden, quasi live, zu verfolgen. In Asien gibt es für rund 60 Euro bereits Mini-Kameras für die Hosentasche in HDTV-Qualität mit eingebautem USB-Stick. Einfach mit dem Computer verbinden, Bilder hochladen, fertig. Nicht mehr lange, schätzen Experten, und dann erlauben auch gewöhnliche Bildhandys eine solche Übertragungsqualität.

Promi-Jagd mit dem Handy

Podium.jpgWie wird der Erfolg dieser neuen Kommunikationsmöglichkeit von den Medien selbst reflektiert? Wie kann er im Journalismus genutzt werden? Unter dem Motto „Der Handyjournalist – alles ist filmbar“ diskutierten Vertreter der Internet-Community, Medienpädagogen und Journalisten auf dem 10. Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig.

So richtig begann alles mit einer Aktion der BILD-Zeitung. Das Boulevardblatt forderte seine Leser auf, während des Urlaubs mit dem Handy auf Promi-Jagd zu gehen, also Fotos von Berühmtheiten wie Dieter Bohlen am Strand, in der Einkaufsstraße, im Café zu machen. Der Leser wurde zum Fotoreporter, gelockt von hohen Belohnungen für die besten Schnappschüsse.

„In dieser superschnellen Medienwelt sehe ich ganz klar eine Gefahr“, mahnte der Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (djv) Sachsen, Michael Hiller. „Der Druck von außen wächst, die Story, die noch nicht richtig zu Ende recherchiert wurde, noch schneller zu veröffentlichen und zu verkaufen. Dadurch sinkt die Qualität der Beiträge.“ Auch fürchte er die Laien als wachsende Konkurrenz, die den traditionellen Journalisten „die Butter vom Brot nehmen könnten“.

Der transparente Medienmacher

Schulz_Zalbertus.jpgAndre Zalbertus (Foto links, 2.v.l.) ist Gründer des TV-Kanals center.tv, einem Heimatsender mit überwiegend live produzierten Beiträgen. Das gesamte Programm kann im Internet gesehen werden, an jedem Ort der Welt. Die Redakteure filmen in Großstädten, auf Musikfestivals, in Straßenbahnen – und haben unglaublich Erfolg damit. Zalbertus widerspricht den Befürchtungen des djv-Sprechers Hiller: „Ich glaube, dass das Internet die journalistische Qualität durch die permanente Kontrolle noch viel besser gewährleistet.“ Er verweist auf den Bild-Blog, in dem Lügen des Boulevardblattes von den Betreibern und kritischen Lesern aufgedeckt werden. „Ein Hobbyfilmer hat einmal ein zweifelhaftes ARD-Politmagazinstück nachrecherchiert und Fehler gefunden. Da wurden Aussagen von Gesprächspartnern so verdreht, dass diese sich von dem Beitrag distanzieren mussten. Der Filmer hat dann einen eigenen Beitrag gemacht und ihn ins Internet gestellt“, erzählt Zalbertus. Ein weiterer Vorteil des Internets: Journalisten könnten sich Anregungen und Ideen bei den Hobbyreportern suchen.

Upload leicht gemacht: „Je krasser, desto besser“

Doch genau hier warnen die Experten vor Gefahren, die noch gar nicht abgeschätzt werden könnten. Der Klau von Bildern und Texten im Internet – einfach, mit einem Klick, und fast nie nachvollziehbar. Die Verletzung von Urheber- und Persönlichkeitsrechten im Internet sei besonders unter unwissenden Kindern und Jugendlichen verbreitet, wie die Medienpädagogin Iren Schulz von der Universität Erfurt feststellte. „Das hat eine neue Dimension im Alltag angenommen. Jugendliche haben ihre Handykamera immer dabei und sie filmen nach dem Motto: je krasser, desto besser“, so Schulz. Private Handyvideos würden dann im Internet verbreitet. Die Eltern hingen ihren Kindern in der Entwicklung „meilenweit hinterher“. Andre Zalbertus spricht gar von einer „Zeitenwende“, denn „noch nie in der Geschichte gab es einen solchen Entwicklungsvorsprung der 20-Jährigen gegenüber den 48-Jährigen von heute“.

Annika.jpgDer veränderte Medienkonsum der Jugendlichen ist aus den USA bekannt. 20-Jährige dort würden keine Zeitungen mehr lesen, seien daher indirekt auch Ursache des „großen Zeitungssterbens“, so Zalbertus. Sie schauten aber auch weniger Fernsehprogramme und nutzten stattdessen die Multimedialität des Internets. Dass das „Zeitungssterben“ auch hierzulande droht, ist aus Sicht des djv-Sprechers Hiller eher unwahrscheinlich. Bisher habe trotz aller Unkenrufe noch keine Medieninnovation – ob Radio, Fernsehen oder Internet – die Zeitungen vernichtet. „Es wird sich an der jetzigen Situation nichts ändern“, so Hiller, „denn selbst die erfolgreichen Internetportale sind redaktionell betreut. Doch über kurz oder lang müssen sich die traditionellen Redaktionen der neuen Technologien bedienen und werden auch das Handy in ihre Arbeit einbinden.“

Die Bloggerin Annika Falk (Foto oben) wird damit sicherlich keine Probleme haben. Einmal war sie zufällig beim Langlaufweltcuprennen rund um das Königsschloss in Stockholm. Da die angehende Journalistin gerade keinen Fotoapparat zur Hand hatte, zog sie einfach ihr Handy aus der Tasche und drückte ab. Doch bevor die Handykamera wirklich als journalistisches Werkzeug dient, müsste deren Qualität noch sehr viel besser werden, glaubt Annika. „Aber als Notnagel ist sie immer hilfreich.“


Die Bildrechte liegen bei Petra Sorge (Handy und Podium) und Annika Falk (Portrait Annika Falk).


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