Demoskopie auf dem Prüfstand

23. Sep 2008 | von Jochen Groß | Kategorie: Wahlen und Demokratie

Die Bedeutung von Wahlumfragen im Wahlkampf nimmt seit Jahren zu – gleichwohl stehen die Demoskopen nicht zuletzt seit ihrer Fehleinschätzungen zur Bundestagswahl 2005 in der Kritik. Am 28. September 2008 steht ihnen nun mit der bayerischen Landtagswahl eine weiterere schwere Bewährungsprobe bevor. Von Jochen Groß

Wahlumfrageergebnissen wird ein hoher Informationswert zugesprochen. Entsprechend großer Beliebtheit erfreuen sie sich in der Vorwahlzeit, in der Journalisten nach jedem noch so kleinen Strohhalm zu greifen scheinen. Der Trend zum Wahlfumfragenjournalismus ist ungebrochen: Die Anzahl der Umfragen steigt seit Jahren und die Bundestagswahl 2005 markierte ein Rekordjahr für die Demoskopen – zumindest in quantitativer Hinsicht.

Bundestagswahl 2005: quantitativ top – qualitativ flop

Besonderes Interesse bei der Wahlforschung erfährt die so genannte Sonntagsfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre? Auf der Webseite wahlrecht.de, die unter anderem alle aktuellen Umfrageergebnisse zu Landtags und Bundestagswahlen zusammenfasst, sind allein von Infratest dimap für die Bundestagswahl 2005 38 verschiedene Sonntagsfragenergebnisse von Januar bis zum Wahltermin registriert. Hinzu kommen die Umfragen der nicht weniger umtriebigen Konkurrenz vom Institut für Demoskopie Allensbach, der Forschungsgruppe Wahlen oder Forsa. In qualitativer Hinsicht wurde die Bundestagswahl 2005 gemeinhin als Debakel für die Demoskopen angesehen, sogar die letzten Sonntagsfragenergebnisse lagen zumeist weit vom Wahlergebnis entfernt. Der sichere Vorsprung der Unionsparteien schmolz am Wahlabend dahin und führte letztendlich zur Bildung der Großen Koalition.

Stimmung oder Prognose? Prognose!

Demoskopen negieren in der Regel die Zulässigkeit von Vergleichen ihrer Sonntagsfragen mit dem späteren Wahlergebnis, schließlich lassen sich mit hypothetischen Fragen, allenfalls aktuelle politische Stimmungen aber keine konkreten Vorhersagen von Wahlergebnissen ableiten. Dennoch muss gegen diese Sichtweise eingewendet werden, dass die Ergebnisse der Wahlumfragen häufig als Vorhersagen interpretiert werden. Angesichts der langjährigen und engen Zusammenarbeit der Institute mit den jeweiligen Medien können diese dann die Verantwortung für die Verwertung ihrer Umfrageergebnisse nicht gänzlich von sich weisen.

Zum anderen berichten die Institute nicht wirklich die Ergebnisse der Umfragen, denn der Informationswert der tatsächlich gemessenen Stimmung wäre vermutlich kaum zu verkaufen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil – von bis zu 25 Prozent – der Befragten zeigt sich bis kurz vor der Wahl unentschieden. In der Auswertung der Institute findet diese „Wählergruppe“ nur selten Beachtung. Vielmehr legt jedes Institut nach eigenen Regeln diesen Unentschiedenenanteil auf die anderen Parteien um. In die Umrechnung der Unentschiedenen fließen soziodemographische Variablen, politische Einstellungen und insbesondere das Wahlverhalten bei der letzten Wahl mit ein. Wenn durch die Umfragen keine Vorhersage geleistet werden soll, warum ist die Umrechnung der Unentschiedenen dann notwendig? Gehört diese Gruppe nicht auch zum „aktuellen Stimmungsbild“?

Erfahrungswerte notwendig

Das hausinterne Geheimrezept der Demoskopen hat sich in der Vergangenheit gut bewährt und die Annäherung der Sonntagsfragenergebnisse an die späteren Wahlergebnisse war erstaunlich genau. Wesentlich für „gute“ Prognosen ist jedoch, dass für die Umrechnung auf Erfahrungswerte aus früheren Wahlen zurückgegriffen werden muss – wenn diese fehlen, wird es schwierig. Diesen Aspekt bringen Demoskopen immer wieder selbst in die Diskussion ein, nicht zuletzt bei den für sie desaströsen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 1998 als die DVU fast 13 Prozent der Stimmen bekam, diese bei den letzten Umfragen jedoch nur bei etwa sechs Prozent gesehen wurde. In den neuen Bundesländern liegen wenige Erfahrungen vor, ebenso fällt es den Demoskopen auf Grundlage ihres Vorgehens schwer Wahlergebnisse vorherzusagen, wenn neue Parteien auftreten.

Bayern 2008: ein ungewohnter Prüfstein

Die bayerischen Landtagswahlen am 28. September 2008 werden deshalb zum echten – und ungewohnten – Prüfstein für die Meinungsforscher. Während bisher die südlichen Länder mit ihrer ehernen CDU/CSU-Bastion bisher ein gemachtes Terrain waren, könnten dieses Mal auch hier schwere Zeiten auf die Institute zukommen. Die CSU selbst schwächelt mit inneren Querelen und personalisierter Schwäche seit Stoibers Abgang. Hinzu kommen gleich zwei strukturelle Herausforderungen. Die Linke und der Antritt der kommunal starken Freien Wähler auf Landesebene verunsichert die Demoskopen. So sind sich die Wahlforscher längst uneins, ob die CSU die absolute Stimmenmehrheit wirklich erreicht. Ebenso im Unklaren lassen uns die Demoskopen darüber, ob die Linken und die Freien Wählern in den bayerischen Landtag einzuziehen vermögen. Beide Parteien werden jeweils je nach Institut bei zwischen vier und sieben Prozent der Wählerstimmen vermutet. Selbst die FDP darf zittern, denn die jüngste Projektion der Forschungsgruppe Wahlen ermittelte nurmehr einen Stimmanteil von nur sechs Prozent – ein Wert, der die Partei eher unruhig schlafen lassen dürfte.

Nervosität bei Demoskopen und Parteifunktionären

Die große Nervosität der CSU angesichts der für sie eher erschreckenden Zahlen zeigte sich etwa an den panischen Reaktionen auf die Umfrageergebnisse des München-Instituts für Marktforschung vom April 2008. In der Umfrage rutschte die CSU gar unter die 45 Prozent-Marke. CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer versuchte sogleich, das Institut als unseriös abzustempeln. Argument der Partei-Funktionärin war, die Umfrage des Instituts würde auf fragwürdiger Methodik beruhen, da die berichtete Ausschöpfungsquote des Instituts zu niedrig sei. Unabhängig davon, dass Harderthauer, Fachanwältin für Arbeitsrecht, sich bisher wohl kaum als erfahrene Sozialforscherin hervorgetan hat, blieben die Angaben zu Ausschöpfungsquoten der in ihren Augen anerkannten demoskopischen Instituten aus – müssen sie auch, denn diese geben dies erst gar nicht an. In diesem Fall war dieses Institut viel eher zu ehrlich als unseriös.

Trotz aller Nervosität im bayerischen Umfragemarkt, werden alle Demoskopen zumindest in Bezug auf den Gewinner richtig liegen. Denn, dass die CSU das erste Mal seit 1962 die Mehrheit im Landtag verliert, erscheint selbst bei Verfehlen der 50-Prozentmarke unwahrscheinlich. Interessanter wird das Abschneiden der „neuen“ Parteien. Den Demoskopen jedenfalls steht ein „schwarzer Sonntag“ bevor, denn bei so viel Unsicherheit steht ein Verlierer bereits fest: sie selbst.


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2 Kommentare
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  1. Die Freien Wähler haben bereits bei den Landtagswahlen 1998 und 2003 kandidiert. Sie treten also nicht “erstmalig an”, wie es im Artikel behauptet wird.

  2. Sehr geehrter Herr Zintl,

    herzlichen Dank für den Hinweis. Es ist natürlich korrekt, dass die Freien Wähler bereits zuvor angetreten sind. Der Fehler wurde im Artikel korrigiert.

    Beste Grüße
    Jochen Groß

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